1. Wochenbericht Sommerexpedition, 15. Juli 2013

Gruppenbild, Foto: Alfred-Wegener-Institut

Verehrte Leserschaft, liebe Daheimgebliebene,

wir sind angekommen! Physisch ja, aber das was uns durch den Bau der neuen „Forschungsstation Samoylov“ geboten wird, muss selbst von den Alteingesessenen erst noch verarbeitet werden.

Der Start der diesjährigen Expedition ins Lenadelta begann am Sonntag, dem 7. Juli mit der Anreise der Expeditionsteilnehmer aus Hamburg, Potsdam und St. Petersburg über Moskau nach Jakutsk. Durch wetter- sowie flugtechnisch bedingte Verspätungen dauerte es bis Montagnacht, bis alle wohlbehalten in Jakutsk angekommen waren. Nach einer nicht planmäßigen Übernachtung wegen schlechten Wetters - in einem Hotel, welches diesem Namen nicht im Geringsten gerecht wurde - erfolgte am Abend des 9.7. der gemeinsame Weiterflug nach Tiksi. Dort angekommen verwehrte uns wiederum schlechtes Wetter die Weiterreise. Mit einer wohl dimensionierten Huldigung der hiesigen Wettergötter konnte der Expeditionsstart jedoch gerettet werden, und nach nur zwei Übernachtungen erfolgte am vergangenen Freitag der Weiterflug ins zentrale Lenadelta. Zwei Hubschrauberflüge reichten nicht aus, um uns mit unserer gesamten Fracht ins Zielgebiet zu bringen. Mit Hilfe des Flussschiffes „Orlan“ vom Lenadelta Reservat hatten wir am Sonnabend zur Mittagszeit jedoch alles Notwendige auf Samoylov. In der Zwischenzeit richteten wir uns in der neuen russischen „Forschungsstation Samoylov“ ein und sind bemüht, das breite Angebot an Arbeitsmöglichkeiten und Laborkapazität bestmöglich zu nutzen, was natürlich noch einige Zeit in Anspruch nehmen wird. Einigen wenigen, denen die alte „Station Samoylov“ über die Jahre ans Herz wuchs, ist es vergönnt, diese auch weiterhin als Unterkunft nutzen zu können. Auch bieten die hier vorhandenen Laborräume willkommene, zusätzliche Arbeitsplatzkapazitäten.

Seit unserer Ankunft auf Samoylov begleitet uns bestes „Kaiserwetter“ mit Temperaturen zwischen 6°C in der Nacht und 18°C am Tage und süd-östlichen Winden der Stärke 3. Wegen der abend- und morgendlichen Kühle ist in der alten Station regelmäßig das wohlige Knistern eines Feuerchens im Ofen zu vernehmen. Die mittlere Auftautiefe des Permafrostbodens - gemessen an 150 Messpunkten auf einer Fläche von 500 m2 - erreichte am heutigen Tage mit 24,98 cm nur ca. 75 % des Vorjahreswertes. Der heute gemessene Wert ist in der bereits 12-jährigen Bilanz bisher nur einmal unterschritten worden. Die Wassertemperatur der Lena betrug am Freitag 13,4°C und ist bis heute bereits auf 14,8°C gestiegen. Erste Badelustige konnte diese Temperatur nicht abschrecken.

Mit dem gestrigen Tage begannen die Aktivitäten der Potsdamer und St. Petersburger Kollegen auf der Nachbarinsel Kurungnakh. Die Verbindung dorthin erfolgt durch das Stationspersonal mittels eines Bootes ausreichender Größe, was im Vergleich zu den Vorjahren wesentlich mehr Komfort und vor allem Sicherheit bietet. Die Hamburger Kollegen begannen mit der Überprüfung der auf der Insel laufenden hydrologischen und meteorologischen Messgeräte.
 

Beste Grüße im Namen aller Beteiligten,

der Hausmeister

2. Wochenbericht Sommerexpedition, 22. Juli 2013

Niko, Samuel und Sascha installierten zwei Wehre zur kontinuierlichen Abflussmessung. Foto: Alfred-Wegener-Institut

Verehrte Leserschaft, liebe Daheimgebliebene,

Nach einer Woche mit besten Arbeitsbedingungen - Tagestemperaturen um 15 °C und leichten östlichen Winden - drehte der Wind am Samstag über Nord nach Nordwest und brachte die schon länger erwartete Abkühlung. Am Sonntag erreichte die Lufttemperatur nur noch einen Höchstwert von 5.6 °C und in der vergangenen Nacht näherte sie sich mit 3.2 °C bedenklich dem Gefrierpunkt an. Der Montag begann mit Niesel- und Eisregenschauern. In der Zwischenzeit ist die Kaltfront jedoch über uns hinweggezogen und die Temperaturen erholen sich, wobei auch schon wieder vereinzelte Mücken gesichtet wurden.

Das Arbeitsprogramm der vergangenen Woche war überwiegend durch Geräteinstallationen geprägt, und langsam beginnt die Ernte der Daten.
Zu den Aktivitäten im Einzelnen:

Im Rahmen ihres Postdoc-Projekts untersucht Anne Morgenstern (AWI) zusammen mit Samuel Stettner (FU Berlin) Täler auf der Insel Kurungnakh. Die Insel ist zu großen Teilen mit sehr eisreichen Permafrostsedimenten bedeckt, die in der Vergangenheit durch Thermokarst und Thermoerosion degradiert wurden und im Ergebnis durch zahlreiche Thermokarstseen und –senken, sowie Thermoerosionstäler gekennzeichnet sind. Während der vergangenen Woche wurden verschiedene Taltypen geomorphologisch beschrieben, Längs- und Querprofile vermessen, sowie, unterstützt durch Antje Eulenburg (AWI) und in Kooperation mit Olga Bobrova (Uni St. Petersburg) die Abflussmengen der entsprechenden Wasserläufe und Zuflüsse bestimmt und Wasserproben genommen. Die Probenanalysen, die von Antje teils hier im Labor der Station, teils in Potsdam durchgeführt werden,  sollen zeigen, ob und wie sich die Degradation der Eiskomplexablagerungen auf den Wasser- und Stofftransport von der Insel über die Täler in die Lena auswirkt.

Ebenfalls auf der Insel Kurungnakh und begleitet von 1099 Mücken pro m³ installierten Niko Bornemann (AWI), Samuel Stettner und Sascha Niemann (Uni Potsdam) mit vollstem Einsatz von Kopf- und Muskelkraft zwei Wehre zur kontinuierlichen Abflussmessung, deren Daten sowohl für die Aufstellung einer Seewasserbilanz als auch für die Charakterisierung eines Thermoerosionstales eingesetzt werden sollen.  Durch die umsichtige Durchführung der Baumaßnahmen wurde der Einfluss auf die Ökologie des Fließgewässers minimiert. Hiervon zeugen die zahlreichen Sichtungen von flussaufwärts wandernden Fischen, für die die neuen Messaufbauten keine Hindernisse darstellen. Seit nunmehr zwei Tagen begleitet eine auf der Insel ausgesetzte Hündin namens Xuxa die Arbeiten und erfreut die drei Jungs mit ihrer Geselligkeit. Als Dank gab es heute die mehr oder weniger abgenagten Knochen einer Rentierkeule.

Katya Abramova (Lena-Delta-Reservat) setzt das bereits im April dieses Jahres begonnene Monitoring der Ökosysteme von Seen auf der Insel Samoylov fort. Hierzu werden im Abstand von 3 bis 4 Tagen aus sieben Seen der Insel sowie aus dem Olenjokskiy Kanal Proben von Phyto- und Zooplankton und Wasserproben zur Ermittlung des Chlorophyllgehalts, des gelösten Sauerstoffs, des pH- Werts und der elektrischen Leitfähigkeit genommen. Die Hauptziele der Messungen sind die Beobachtung der saisonalen Dynamik der pelagischen Ökosysteme in Abhängigkeit der Umweltbedingungen, die Bewertung des Einflusses des Frühjahrs-Hochwassers auf die Biozönose in unterschiedlichen Wasserkörpern, sowie die ökologische Bewertung der Wasserqualität des Saunasees und des Olenjokskiy Kanals in Hinsicht auf deren Nutzung für die Gewinnung von Trinkwasser für die “Forschungsstation Samoylov”. Parallel zur Probennahme werden die Zooplanktonproben in den Laboren der Station unter zur Hilfenahme von modernsten Mikroskopen bearbeitet. In diesem Jahr sollen die Beobachtungen bis Ende September durchgeführt werden. Das  ermöglicht es, die Entwicklung des Ökosystems der Seen über die gesamte aktive Periode, vom Auftauen bis zum wieder Einfrieren, zu erfassen.

Christian Wille und David Holl (beide Uni Hamburg) haben mit der Modernisierung des Spurengas-Messsystems im Zentrum der Insel begonnen. Ein Gasanalysator am 10 Meter hohen Messturm wurde ausgetauscht und zwei neue Analysatoren für die Aufstellung am Fuße des Turmes vorbereitet. Ein „mobiles“ Spurengas-Messsystem für den Einsatz auf der Überflutungsebene im westlichen Teil der Insel ist ebenso in der Vorbereitung. Die im Zentrum der Insel verteilten Wasserstandsmessungen sowie die Messung des Wasser-Abflusses von der erhöhten Terrasse zur Überflutungsebene an drei Wehren wurden kontrolliert. Zahlreiche Wasserproben für die Bestimmung des gelösten Kohlenstoffes wurden genommen und für die spätere Analyse konserviert.

Sofya Antononva (AWI) hat 15 weitläufig auf der Insel Kurungnakh angelegte Messstationen zur Untersuchung der durch Gefrier- und Tauprozesse verursachten Bodenbewegungen kontrolliert, Daten ausgelesen und manuelle Messungen der Auftautiefe und der Bodenbewegung durchgeführt. An einigen Messstationen wurden Bodenproben genommen. Die Auftautiefe des Permafrostes auf dem Kurungnakhschen Eiskomplex beträgt nur etwa 15 bis 20 cm und ist damit deutlich geringer als die in der polygonalen Tundra  Samoylovs gemessene.

Als letztes sei noch erwähnt, dass der Hausmeister sich dem Eintritt ins Rentenalter um ein weiteres Jahr annäherte und die diesbezüglichen Feierlichkeiten bei Rentierkeule und allem, was unser Lager unter Aufwand sämtlichen Improvisationstalents so hergibt, für russische Verhältnisse ausgesprochen ruhig und besinnlich über die Bühne ging.
 

Beste Grüße im Namen aller Beteiligten,

der Hausmeister

3. Wochenbericht Sommerexpedition, 29. Juli 2013

Verehrte Leserschaft, liebe Daheimgebliebene,

gute drei Wochen ist es her, das wir die Heimat verließen, um uns im fernen Sibirien hinter dem nördlichen Polarkreis, auf der Insel Samoylov und deren weiteren Umgebung der Lösung wissenschaftlicher Problemstellungen zum Thema Permafrost zu widmen. Schon ist es wieder so weit, dass sich der erste Fahrtabschnitt der diesjährigen Expedition ins zentrale Lenadelta seinem Ende neigt und einige Arbeiten unbedingt noch in dieser Woche abgeschlossen werden müssen, denn am kommenden Sonntag gilt es für den Großteil der Expeditionsteilnehmer den Rückweg  mit dem Flussschiff „Puteyskiy P405“ in Richtung Tiksi anzutreten.

Zu Beginn der vergangenen Woche verließ eine sechsköpfige Gruppe uns für zwei Tage mit dem Flussschiff „Orlan“ in Richtung Westen. Vom Olenjokskiy Kanal ausgehend wurden Erosionstäler vermessen. Des Weiteren soll es die ebenfalls durchgeführte großflächige Vermessung des Eiskomplexes ermöglichen, auf eventuelle unterschiedliche Entstehungsalter schließen zu können.

Am späten Dienstagabend trafen Gäste der Bremerhavener Logistik auf der Insel ein, um sich vor Ort ein Bild von den Möglichkeiten zu machen, die uns die „Forschungsstation Samoylov“ für die Zukunft bieten kann. Schon am gestrigen Sonntag, nach nur zweimaligem Saunabesuch, endete diese Kurzvisite.

Bislang kamen die Sauna und ihre ungeahnten Möglichkeiten der Entspannung und somit der Freisetzung von zusätzlicher Forschermotivation nicht zur Erwähnung. Doch es gibt sie noch und sie erscheint seit einigen Saunagängen in neuem Glanze. Vor unserer Ankunft gab es einen kleinen Zwischenfall, wodurch geringfügige Reparaturmaßnahmen notwendig wurden. Nun ist es uns in den Erholungsphasen zwischen den Saunagängen wieder im vollem Umfange möglich die phantastische Natur mit Blick auf das Verchojansker Gebirge und Stolp dem Fels in den Fluten der Lena zu genießen.

Schneeeulenküken, Foto: Alfred-Wegener-Institut

Seit mehreren Tagen haben wir eine relativ konstante Nordostwind Wetterlage, die uns kühle Nächte und angenehme Arbeitstage bei erträglicher Mückendichte beschert. Die Prognose für die kommende Woche verspricht keine größeren Veränderungen.

Die am heutigen Tage gemessene Auftautiefe des Permafrostbodens betrug 34,27 cm und lag damit ca. 10 cm unter der im Vergleichszeitraum seit 2002 maximal gemessenen.

In diesem Jahr wurde erstmals seit Beginn unserer Expeditionen auf die Insel Samoylov ein Schneeeulenküken gesichtet. Mit Sicherheit sind Eulen keine Bodenbrüter, doch ist bekannt, dass die Hochufer und Steilküsten auch für andere Greifvögel bevorzugte Nistmöglichkeiten bieten.
 

Beste Grüße im Namen aller Beteiligten,

der Hausmeister

4. Wochenbericht Sommerexpedition, 06. August 2013

Flussschiff "Puteyskiy P405" bricht nach Tiksi auf, Foto: Alfred-Wegener-Insitut

Verehrte Leserschaft, liebe Daheimgebliebene,

am vergangenen Sonntag ging der erste Fahrtabschnitt der diesjährigen Expedition ins Lenadelta zu Ende. Gegen 11:00 Uhr machte das Flussschiff „Puteyskiy P405“ an Samoylovs Küste die Leine los und dampfte bei herrlichstem Sonntagswetter mit den Heimreisenden und Waldemar, der in Sachen Logistik unterwegs war, in Richtung Tiksi.

Der gestrige Montag war gekennzeichnet durch relative Ruhe auf der Station. Eigentlich erwarteten wir die Teilnehmer des zweiten Fahrtabschnitts, doch durch flugtechnische Probleme zwischen Yakutzk und Tiksi verzögerte sich die Anreise um einen Tag. Zur Zeit erfolgt die Zimmeraufteilung in der neuen Station, und sicherlich sind erst einmal einige Stunden der Erholung notwendig, um in den Abendstunden eine erfrischende Ankunftssauna genießen zu können.

Überdurchschnittlicher Arbeitseifer prägte die letzten Tage der vergangenen Woche teilweise bis tief in die Nacht, was jetzt noch problemlos möglich ist, denn erst in einigen Tagen werden wir den ersten Sonnenuntergang seit Beginn des Polartages vor etwa zwei Monaten beobachten können. Aus Sicht des Hausmeisters war der erste Fahrtabschnitt außerordentlich erfolgreich und keiner der Abreisenden hatte Grund mit seiner Arbeit während der vergangenen Wochen unzufrieden zu sein. Ein Sack voller Ergebnisse wird dafür sorgen, dass auch in den nächsten Wochen und Monaten in der Heimat keine Langeweile aufkommen kann.

Durchweg angenehme Arbeitsbedingungen prägten die vergangene Woche, wie auch den gesamten bisherigen Expeditionszeitraum. Ohne wetterbedingte Ausfälle war es täglich möglich das Hauptarbeitsgebiet, die Nachbarinsel Kurungnakh, zu erreichen. Heute fegt der erste Sandsturm während unseres Aufenthalts im Lenadelta übers Land. In der Zwischenzeit zeigt sich die Natur schon leicht herbstlich. Die Blütenpracht der vergangenen Wochen hat abgenommen und die Bodenbrüter sind flügge. Was außerdem zu verzeichnen ist, die Tierwelt hat sich an die Geräuschkulisse durch die neue Station gewöhnt und sieht darin keine Gefahr. Nähert man sich mit einen Fahrzeug bleibt die Fluchtdistanz um einiges geringer, als bei Annäherung durch einen Wanderer.

Die diesjährige Badesaison konnte bislang nicht in vollem Umfange eröffnet werden. Bedingt durch erheblichen Niederschlag in Zentralyakutien führt die Lena relativ viel Wasser. Auch blieb die Wassertemperatur der Lena in diesem Jahre um ca. 3 °C unter der der Vorjahre und der Saunasee ist nach wie vor sehr, sehr erfrischend.
 

Beste Grüße im Namen aller Beteiligten des zweiten Fahrtabschnitts,

der Hausmeister

5. Wochenbericht Sommerexpedition, 12. August 2013

Verehrte Leserschaft, liebe Daheimgebliebene,

wir gehen in die sechste Expeditionswoche und blieben bislang von jeglichen Extremwetterlagen verschont. Die Lena und ihre Mündungskanäle waren immer problemlos befahrbar und unser Hauptarbeitsgebiet, die Nachbarinsel Kurungnakh, jederzeit erreichbar. Verglichen mit Wetterlagen vergangener Jahre ist das ein außerordentlicher Glücksfall, denn während vorangegangener Expeditionen mussten die Boote des Öfteren über längere Zeiträume an der Leine bleiben.

Das schöne Wetter der vergangenen drei Tage ermöglichte vielversprechende Feuchte- und Spektrometermessungen zur Validierung von Satellitendaten (Terrra SARX), insbesondere da zum Überflugtermin selbst vereinzelte Mückenschwärme die Sicht nicht beeinträchtigten konnten und auf keinen Fall die Messungen verfälschten.

Ebenso wurde die besagte Wetterlage genutzt, um Permafrostkerne in einem Alas auf Kurungnakh zu erbohren. Der anschließende Rücktransport über 2,7 km mit samt dem Bohrgerät war außerordentlich schweißtreibend, doch auch die Proben überstanden die Strapazen des Rücktransports unbeschadet und werden z.Zt. im Labor bearbeitet.

Foto: Christian Knoblauch, Universität Hamburg

Auch für die Gruppe der Hydrologen aus St. Petersburg verlief die erste Woche des zweiten Fahrtabschnitts außerordentlich erfolgreich. Ein Großteil der geplanten Aktivitäten konnte mit Hilfe des stationseigenen Bootes und der „Orlan“, der werten Leserschaft ist bereits bekannt, dass es sich hierbei um ein Flussschiff handelt, erfolgreich abgeschlossen werden.

Das Monitoring der Ökosysteme von Seen auf der Insel Samoylov läuft weiterhin auf  Hochtouren. Auf Kurungnakh finden weitere Initiativen zur Verifizierung installierter Messapparaturen statt. Ebenfalls werden die Daten von sämtlichen Langzeitmesssystemen gewonnen und deren Funktionalität überprüft, sowie Konzepte für eventuelle, zukünftige Verbesserungen erarbeitet.

Für einige Tage erhielt die Station Besuch einer Expedition der ETH Zürich, die Beprobungen von Treibholz zwischen Yakutzk und dem Lenadelta durchführten. Mit den gewonnenen Proben werden dendrochronologische Untersuchungen zur Umweltrekonstruktion durchgeführt.

In einem tektonisch geformten See auf Tit Ary, einer ca. 60 km entfernten Insel im Hauptstrom der Lena, fand die Beprobung spezieller Sedimente statt. An den Proben werden Spurenelementanalysen durchgeführt. Die Siedlung Tit Ary ist ein ehemaliges Gulag, aus dem sich ein Fischerdorf entwickelte, welches z.Zt. rekonstruiert wird. Ein Markenzeichen dieses Dorfes ist ein zweietagiger „Lednik“, ein Tiefkühlschrank im Permafrostboden zur Lagerung von Lebensmitteln, bevorzugt von Frischfisch. Der heutige Montag brachte noch eine gelungene Aktion, in der weite Teile der Insel von Forschermüll befreit wurden.


Beste Grüße im Namen aller Beteiligten des zweiten Fahrtabschnitts,

der Hausmeister.

6. Wochenbericht Sommerexpedition, 19. August 2013

Larix gmelinii (Dahurische Lärche), Foto: Alfred-Wegener-Institut

Verehrte Leserschaft, liebe Daheimgebliebene,

in einem extrem trockenen Sommer brachte uns das vergangene Wochenende den ersten, etwas ausgiebigeren Dauerregen der Saison, wodurch die Außenarbeiten nur beschränkt durchgeführt werden konnten. Um die gesammelten Daten auch bei diesen Witterungsbedingungen zu Papier bringen zu können, waren Zelt bzw. Regenschirm willkommene Hilfsmittel. Unverkennbar hielt der Herbst seinen Einzug, die Tundra hat ihre für diese Jahreszeit typische Färbung angenommen und für die kommenden Nächte werden leichte Nachtfröste prognostiziert.

In der vergangenen Woche besuchte uns Misha Grigorev vom Permafrostinstitut Yakutsk. Er ist verantwortlicher Leiter der neuen Forschungsstation und wollte für alle Fälle präsent sein, falls der russische Präsident Vladimir Putin, der z.Zt. im Norden unterwegs ist, die Einladung zur offiziellen Stationseröffnung annehmen sollte.

Ein neu installiertes CH4 Messfeld ersetzt seit einigen Tagen das bisherige, seit 15 Jahren existierende, da im vergangenen Winter die Trasse zur Versorgung der „Forschungsstation Samoylov“ kurzerhand durch diese Messanordnung gelegt wurde.

Das diesjährige Programm unserer Partner vom AARI St. Petersburg konnte in der letzten Woche erfolgreich abgeschlossen werden. Die verantwortlichen Expeditionsteilnehmer reisten gestern in Richtung Tiksi ab, um von dort aus an einer schiffsunterstützten Expedition in der Latervsee teilzunehmen. Auch die Verantwortliche für das Monitorings der See-Ökosysteme auf der Insel Samoylov reiste ab. Diese Arbeiten werden noch bis zum Expeditionsende im September durch eine Kollegin aus Kazan weitergeführt.

Silberweiden, Foto: Alfred-Wegener-Institut

Erstmals konnten während dieser Expedition auf Samoylov eine Lärche und zwei Vorkommen von (wahrscheinlich) Silberweiden nachgewiesen werden. Bei der Lärche müsste es sich um Larix gmelinii (Dahurische Lärche)  handeln, dem am weitesten im Norden (72° 30' N, 102° 27' O) überlebensfähigen Baum. Sie gehört neben der Ostasiatischen Zwergkiefer zu den winterhärtesten Bäumen, da sie selbst Temperaturen von bis zu -70 °C schadlos überstehen kann (Quelle Wikipedia). Allenthalben führt die Lena hochwasserbedingt vermehrt Treibholz, wodurch die Aufmerksamkeit der Bootsführer neben der Umschiffung zahlreichlicher Untiefen zusätzlich gefordert ist.

Die erneute Vermessung der Abbruchkante an der Südküste Samoylovs ergab für den Verlauf des vergangenen Jahres einen Geländeverlust von nur 60 cm. Somit ist das alte Stationsgebäude nun noch 10,40 m vom Steilufer entfernt.

Trotz einiger sehr warmer Tage mit Nachttemperaturen über 10 °C veränderte sich der Trend des Auftauens des Oberbodens nicht, und der Mittelwert von 41,8 cm am Montag der vergangenen Woche bleibt weiterhin ca. 25% unter den maximal gemessenen Werten der vergangenen 11 Jahre. Ursache dafür könnte der extrem kalte vergangene Winter sein.
 

Beste Grüße im Namen aller Beteiligten des zweiten Fahrtabschnitts,

der Hausmeister.

7. Wochenbericht Sommerexpedition, 26. August 2013

Meteorologische Station auf Kurungnakh, Foto: Alfred-Wegener-Institut

Verehrte Leserschaft, liebe Daheimgebliebene,

zum Ende des zweiten Fahrtabschnitts meint das Wetter es immer noch relativ gut mit uns und wir blieben bislang vor Nachtfrösten und Schneeschauern verschont. Selbst die Gipfel des Verchojansker Gebirges zeigen noch keine weißen Spitzen. Der Bootsverkehr zwischen den Inseln konnte jedoch wegen stärkeren Windes nur eingeschränkt aufrechterhalten werden.

Wegen technischer und wetterbedingter Schwierigkeiten auf dem Weg von Yakutsk nach Tiksi erreichte uns die letzte Gruppe der diesjährigen Sommersaison auf Samoylov, ein Team der Universitäten Stockholm und Kopenhagen, mit mehrtägiger Verspätung. Schon am Tage nach der Ankunft wurden die Feldarbeiten auf der Nachbarinsel in vollem Umfange aufgenommen.

Z. Zt. ist es den Teams „Eiskomplex“ nur sporadisch möglich ihr Arbeitsgebiet zu erreichen. Dennoch gelang es, eine neue oberflächennahe Bodenstation zur Mikrowellenfernerkundung auszubringen und die laufenden Subsidenz-, Grundwasser- und Abflussmessstationen erfolgreich auszulesen.  Die abschließende Überprüfung der Abflüsse des Eiskomplexes, insbesondere nach den in diesem Sommer seltenen Niederschlagsereignissen, rundet das Arbeitsprogramm der Expedition „LENA 2013“ ab. Mit dem Rückbau im Winter nicht einsetzbarer Gerätschaften wurde begonnen. In den Lagern häuft sich Probenmaterial, die Ernte des diesjährigen Sibirien Aufenthaltes, welches nun noch ordnungsgemäß verpackt und auf die weite Reise nach Deutschland geschickt werden muss.
 

Die Untersuchungen des Kohlenstoffkreislaufs und der Produktion und Freisetzung von Treibhausgasen aus den Böden Samoylovs und Kurungnakhs werden in diesem Jahr unter besten Bedingungen durchgeführt. Die nötigen Messgeräte wurden in der neuen Station installiert und können nun rund um die Uhr betrieben werden. Zahllose Proben aus verschiedenen Feld- und Laborexperimenten wurden bereits vor Ort ausgewertet.

Ende der Woche besuchte uns ein Inspektionsteam, verantwortlich für Einfuhr und Nutzung ausländischer Messgeräte in Russland, sowie den Datentransfer ins Ausland. Die Überprüfung ergab keinerlei Verstöße gegen russische Gesetze. Die abschließenden Worte des Leiters der Kommission bei der Abfahrt waren: „Ihr könnt beruhigt weiterarbeiten“. Am gestrigen Sonntagmorgen verließ uns dieses achtköpfige Team mit „Orlan“, kehrte jedoch in den Abendstunden zurück, da der Hauptstrom der Lena wegen bis zu drei Meter hoher Wellen nicht befahrbar war.

An dieser Stelle möge die Aufmerksamkeit auch auf einen nicht unwesentlichen Teil der neuen Station gelenkt werden. Neben den umfangreichen Feldarbeiten wurde zeitgleich der neue Laborbereich ausgesprochen gut angenommen und intensiv genutzt. Der Labortrakt umfasst  7 einladende, hervorragend ausgestattete und instrumentierte Räumlichkeiten. Diese nehmen Stück für Stück Gestalt an und wurden insbesondere im 2. Fahrtabschnitt in langen Laborarbeitstagen und -nächten mit Leben gefüllt. Als ausbaufähiges Entwicklungsfeld und im Rahmen neuer Projekte bieten sich nunmehr und zukünftig ausgezeichnete Möglichkeiten zur zeitnahen Probenvorbereitung und -bearbeitung, inklusive experimenteller Analytik.

Fotos von links nach rechts: Christian Knoblauch (Uni HH), Norman Rüggen (Uni HH), Svetlana Evgrafova (SIF-Krasnojarsk), Antonina Tschetverova (AARI), Gulnara Nugamatzyanova (Uni Kasan), Antje Eulenburg (AWI Potsdam), Josefine Walz (Uni HH), Fotos: Alfred-Wegener-Institut

Abschließend brachte diese Woche noch eine kleine Besonderheit: eine Suppe, nicht Fisch nicht Fleisch, sondern Sauerampfer, die allenthalben als besondere Delikatesse genossen wurde.
 

Beste Grüße im Namen aller Beteiligten des zweiten Fahrtabschnitts,

der Hausmeister

8. Wochenbericht Sommerexpedition, 02. September 2013

Abschlussfeier mit Rentierkeule und frischem Salat aus der Region Samoylov, Foto: Alfred-Wegener-Institut

üVerehrte Leserschaft, liebe Daheimgebliebene,

herzlichen Dank all jenen, welche unserer diesjährigen Berichterstattung aus dem Lenadelta bis zum Ende treu geblieben sind. Für morgen ist die Abreise von der Insel geplant, und am Donnerstag soll Tiksi, die „Perle des russischen Nordens“, verlassen werden. Die etwas vorsichtigere Wortwahl die Abreise betreffend ist bewusst gewählt, da während dieser Expedition nicht zum ersten Male Transportprobleme auftraten, doch wir sind guten Mutes pünktlich in der Heimat anzukommen, wie auch immer.

Heute am Vorabend unserer Abreise, wird letztmalig in dieser Saison der Räuchertopf angefeuert. Die letzte Sauna hatten wir gestern, die Kisten sind zum Abtransport bereitgestellt, Messstationen wurden einer letzten Inspektion unterzogen, kurz alles Mögliche in Vorbereitung auf einen langen und kalten sibirischen Winters ist unternommen worden.

Zum Ende der Expedition können wir auf zwei erfolgreiche Monate der Feldarbeit auf Samoylov und der weiteren Umgebung der Insel zurückblicken. Selbst die Dauermeckerer sind ruhiger geworden und mit den Ergebnissen der Arbeit zufrieden.

Einige erste Ergebnisse der diesjährigen Expedition sind:

Die Auftautiefen des Permafrostes auf Samoylov blieben ca. 20 % unter den, in den letzten 12 Jahren maximal gemessenen und etwa 10 % unter dem langjährigen Mittel. Die Auftautiefe auf dem Eiskomplex der Nachbarinsel Kurungnakh ist nur etwa 50 % so groß wie in der polygonalen Tundra von Samoylov.

Erstmalig wurden Lärche und Silberweide auf Samoylov nachgewiesen.

Der Abbau von organischem Kohlenstoff im Oberboden auf Kurungnakh ist deutlich höher als auf Samoylov. Der Grund für diese Unterschiede wird an den jetzt nach Deutschland verschickten Proben weiter untersucht.

Die Interaktion zwischen Methan-oxidierenden Bakterien und arktischen Moosen führt zu einer starken Reduktion der Methanfreisetzung aus der polygonalen Tundra.

Ein Isotopen-Experiment zum Einfluss der Vegetation auf den Umsatz von organischem Kohlenstoff und Methan im Boden konnte erfolgreich zum Abschluss gebracht werden.   

Dank der hervorragenden logistischen Unterstützung durch die Stationsbesatzung konnte das umfangreiche Wasserbeprobungsprogramm sowohl auf Kurungnakh, als auch in der Lena, in allen Punkten erfolgreich abgeschlossen werden.

Bathymetrische Untersuchungen eines untersuchten Sees (Lucky Lake) ergaben statt der angenommenen 6 m überraschenderweise eine Wassertiefe von maximal 12 m.

Ja, und dann war da noch die vorgezogene Abschlussfeier mit Rentierkeule und frischem Salat aus der Region (Samoylov), eine rundum gelungene Veranstaltung.
 

Beste Grüße im Namen aller Heimreisenden, bis bald,

der Hausmeister