Lena-Delta 2012

Expeditionsbericht 2012 Nr. 1 vom 09. Juli 2012

Verehrte Leserschaft, liebe Daheimgebliebene,

nach einer reibungslosen Anreise, mit exzellenter Verpflegung an Bord der Lufthansamaschine von Berlin nach Moskau, und insbesondere an Bord der Boeing 737 der YSC Aircompany Yakutia, hier gab es gleich  drei verschiedene Essensangebote (Anmerkung zum Ausfüllen des Dienstreiseantrages), es fehlte nur noch das Spiegelei zum Frühstück, begann für uns der erste Fahrtabschnitt der diesjährigen Expedition ins Lenadelta.

Tiksi begrüßte uns am Mittwochmittag in seiner bekannt bescheidenen Art: feuchtkalt. Nun galt es auf die Fracht zu warten, die in diesem Jahr aus internen Gründen per LKW zunächst nach Irkutsk, in die Nähe des Baikalsees gebracht werden musste, um von dort dann mit dem Flugzeug nach Tiksi zu gelangen. Wenn sich jetzt jemand fragt, warum dann nicht gleich auf dem Landwege hierher, dem sein an dieser Stelle gesagt, dass die Perle des Nordens weder per Straße noch per Schiene ans große Mutterland angebunden ist. Im Sommer besteht für wenige Monate eine Verbindung über den nördlichen Seeweg von Anfang Januar bis Ende April ist die Lena befahrbar. Da besteht dann in Yakutsk, in 1500 km Entfernung, Anschluss an Straße und Schiene. Im Delta erreicht man auf dieser Winterautobahn eine maximale Durchschnittsgeschwindigkeit von 10 – 15 km/h, da die vorerkundete Trasse teilweise recht beschwerlich zu befahren ist.

Die Ankunft unserer Expeditionsfracht war für Freitag angekündigt, verschob sich jedoch bis zum Sonntag. So konnten wir uns am Sonnabend beim hiesigen Sommerfest, welches unter hochrangiger Beteiligung weitangereister Persönlichkeiten aus Yakutsk unweit der Stadt, in der Tundra in aufgelockerter Atmosphäre stattfand, unters Volk mischen. Einigen unserer Jungforscher gelang es unbewusst, sich am Tische der Abgesandten der Yakutischen Regierung herzlichst bewirten zu lassen.

Die Zeit in der Hafenstadt nutzte ein Teil der Expeditionstruppe außerdem, um sich sportlich mit dem Nachwuchs Tiksis auf dem Fußballplatz zu messen. Das russisch-deutsch-amerikanische Team leistete vollen Einsatz bei widrigen Witterungsbedingungen auf dem örtlichen Schotterplatz und musste sich am Ende dennoch unglücklich mit einem 2:7 geschlagen geben. Die Revanche am Montag musste leider auf ungewisse Zeit verschoben werden, da das Beladen der Helikopter für den Abflug Priorität hatte.

Der Sonntag brachte uns unsere Fracht und mit ihr Dauerregen, der jedoch der Mückenplage, die sich in den Vormittagsstunden angekündigt hatte, ein abruptes Ende setzte. Jetzt gilt es noch, die Vollständigkeit unseres Expeditionsgutes zu überprüfen, einige letzte Einkäufe zu tätigen, und mit etwas Glück sind wir morgen auf unserer „Trauminsel Samoylov“. Hier können wir uns dann unserer Arbeit widmen, wofür wir die weite Reise ins ferne Sibirien hinter den nördlichen Polarkreis angetreten haben.

Interessierten Lesern, die noch mehr über unser abwechslungsreiches Expeditionsleben erfahren möchten, können neben den regelmäßigen Wochenberichten zusätzlich auch den Blog der Gruppe um Julia Boike nachlesen unter

www.awi.de/de/infrastruktur/stationen/samoilov_station/aktuelles_von_der_station/

Beste Grüße aus Tiksi, der Perle des Nordens hinter dem Polarkreis,

der Hausmeister, bislang noch nicht in Amt & Würden.

Expeditionsbericht 2012 Nr. 2 vom 16. Juli 2012

Verehrte Leserschaft, liebe Daheimgebliebene,

seit Dienstag vergangener Woche sind wir nun wieder hier auf Samoylov. Für viele schon sehr vertraut, dennoch immer wieder neu. Für einige von uns, welche die Insel zum ersten Mal zu Gesicht bekamen, ist sie voller unbekannter Eindrücke: Polartag, Dauerfrostboden, baumlose Tundra (Land der Horizonte). Im bald beginnenden Herbst werden die Pilze höher als der Wald wachsen, in dem sie stehen. Nicht etwa bedingt durch besondere Pilzmutationen, es sind die widrigen Witterungsbedingungen der sibirischen Winter, die einigen wenigen Gehölzen maximal ein Zwergwachstum erlauben.

Da auf Samoylov immer wieder ein teilweise fester Expeditionsteilnehmerstamm zusammentrifft, war auch in diesem Jahr die Inbetriebnahme der Station ein Kinderspiel und die gewohnte Infrastruktur schnell hergestellt. In der Zwischenzeit vermissen wir das in der Vergangenheit von manchem als störend empfundene Generatorgeräusch auch nicht mehr. Die Stromversorgung erfolgt nun zuverlässig von der benachbarten Baustelle der neuen Station Samoylov.

Der Stationsneubau ist äußerlich weitgehend abgeschlossen, und der Innenausbau in vollem Gange. Das rege Treiben der ca.70 Bauarbeiter in unserer unmittelbaren Nachbarschaft wird deshalb auch kaum wahrgenommen. In den Abendstunden des gestrigen Sonntags hatten wir die Möglichkeit einer ersten Stationsführung und konnten uns unmittelbar über den Stand der Arbeiten informieren. Kurz gesagt: Es war äußerst beeindruckend!

In der vergangenen Woche beherrschte unsererseits ebenfalls reges Treiben die Insel. Es galt die Langzeitmessungen zu überprüfen, die mit sehr geringen Abstrichen den letzten Winter ausgezeichnet überstanden. Ebenso engagiert wurden die während dieser Saison durchzuführenden Messprogramme, soweit vor Ort notwendig, vorbereitet. Meist sind solche Tätigkeiten mit erheblicher Schlepperei und körperlicher Beanspruchung in unwegsamem Gelände gleichzusetzen. Einigen wenigen bleiben die Vorbereitungen, aber nicht die Belastungen bei den Probennahmen, erspart.

Da in diesem, ebenso wie im vergangenen Jahr, der Eisgang der Lena und somit der Beginn des arktischen Frühlings im Delta ca. 2 Wochen früher als im langjährigen Mittel einsetzten, hatte die samoylovsche Blütenpracht mit unserem Eintreffen ihr Maximum an Vielfalt bereits überschritten. Ähnlich verhält es sich in der Tierwelt. Ein Großteil der diesjährigen Population ist bereits flügge.

Zum gegenwärtigen Zeitpunkt liegt die Temperatur der Lena vor unserer Haustür bei 16°C. Das ist ca. 1°C weniger als im Vergleichszeitraum des letzten Jahres. Ebenso verhält sich die Temperatur unseres Saunasees, die mit 13°C nach erfolgtem Saunagang, reichlich Erfrischung verspricht. Vorgestern war der dauerhaft gefrorene Boden im Durchschnitt über 150 Messpunkte bis zu einer Tiefe von 33,27 cm aufgetaut. Das entspricht in etwa dem Wert des letzten Jahres, nur 2010 wurde Mitte Juli in der nun 13-jährigen Messreihe einmalig eine ca. 10% größere Auftautiefe ermittelt.

Beste Grüße im Namen der Stationsbesatzung des ersten Fahrtabschnitts der diesjährigen Expedition ins Lenadelta,

der Hausmeister.

Expeditionsbericht 2012 Nr. 3 vom 23. Juli 2012

Verehrte Leserschaft, liebe Daheimgebliebene,

wir gehen in die vierte Expeditionswoche, und es wird Zeit über den Erfolg der Arbeiten und erste Ergebnisse zu berichten. Unsere russischen Kollegen sind damit beschäftigt, Wasserproben zur Bestimmung gelösten Methans aus unterschiedlichen Wasserkörpern zu entnehmen, welche dann in Moskau und auf Helgoland ausgewertet werden. Des Weiteren wird intensiv an der Vervollständigung des Pollenherbariums für das Lenadelta gearbeitet. Langzeituntersuchungen des Phytoplanktons in den Seen der Insel und deren weiterer Umgebung, sowie des Hauptstromes vervollständigen das Arbeitsprogramm.

Seit heute ist die Insel Samoylov auch um eine Dauermesstation reicher. Die neue Schneemesstation ist so gut wie vollendet. Alle Gerüste sind fest im Permafrostboden verankert, Schneehöhen- und Oberflächentemperatursensoren wurden angebracht und stabile Holzpfade zu den Ausleseboxen gebaut. Für die neue Bodenmessstation wurden alle Sensoren vorbereitet und kalibriert. Somit können sie während der zweiten Etappe im Boden installiert werden. Da alle schon vorhandenen Dauermessstationen den vergangenen Winter sehr gut überstanden haben, waren nur übliche Arbeiten wie Auslesen und Vermessen der Sensoren notwendig. Die gewonnene Zeit konnte zum Beispiel genutzt werden, um Auftautiefen in den kleinen Seen der Insel zu messen. Die Wehre für das zentrale Einzugsgebiet der Insel sind installiert und messen nun neben der Konzentration des gelösten Kohlenstoffs auch den Abfluss. Das beruhigende Plätschern des "Bächleins" begleitet nun unsere weiteren Arbeiten vor Ort. Seit unserer Ankunft ist der Abfluss von 3,1 l/s auf nur noch 1,5 l/s zurückgegangen. Am selben Ort misst nun auch eine kleine Wetterstation den Niederschlag, den Wind und die Bodentemperaturen.

Die Auftautiefen zeigen deutliche Unterschiede und reichen in der Abflussrinne bis zu 64 cm. In den höher gelegenen trockeneren Standorten wurden zur gleichen Zeit nur 32 cm gemessen. Gespannt wird nun auf das erste Starkregenereignis dieser Expedition und die hydrologischen Reaktion gewartet.

Die vegetationsökologischen Untersuchungen (Gefäß- & Nicht- Gefäßpflanzen) der Samoylov-Polygone ist nach anfänglichen Problemen gestartet. Mittlerweile sind 1 ½ Polygone komplett durch Vegetationsaufnahmen, Gelände- & Auftautiefen, pH, HCO3- und Leitfähigkeitswerte erfasst. Es erfolgt nun am bereits fertigen Polygon eine wöchentliche Auswertung der pH-Werte und der Zooplanktongesellschaften. Auch die Kartierung von Moosen verschiedener Überflutungs- und Übergangsbereiche schreitet voran, wenn dafür auch nur nebenbei Zeit bleibt. So werden eben viele Moosproben genommen und für eine Auswertung in Deutschland am AWI und durch "Moosliebhaber" anderer Institute fertig gemacht.

Im Vergleich zu vergangenen Expeditionen sollte die Wassertemperatur der Lena in diesen Tagen ihr Maximum von annähernd 20°C erreicht haben. Doch weit gefehlt, es werden bislang nur ca. 16,5 °C gemessen, und die Möglichkeit des recht erfrischenden Bades nur gelegentlich genutzt. Das Wetter gestaltet sich z. Z. recht wechselhaft. Die Temperaturen bewegen sich von gefühlten 1°C bis über 20°C, zusätzlich zieht gerade einen Sandsturm über die Insel, der die Sicht auf die umliegenden Gebirge erheblich beeinträchtigt.

Auch in diesem Jahr gab es wieder Anlass zu einer regelmäßig wiederkehrenden Feierlichkeit. Jetzt aber trat der Hausmeister jedoch ins siebente Lebensjahrzehnt ein. Es standen reichlich sinnliche Getränke zur Verfügung und das Toasten wollte kein Ende nehmen. An dieser Stelle den allerherzlichsten Dank für die zahlreichen Glückwünsche zu diesem Jubiläum und der Aufnahme in den Club.

Beste Grüße im Namen der Stationsbesatzung des ersten Fahrtabschnitts der diesjährigen Expedition ins Lenadelta, der Hausmeister.

Expeditionsbericht 2012 Nr. 4 vom 30. Juli 2012

Verehrte Leserschaft, liebe Daheimgebliebene,

am heutigen Tage geht der erste Fahrtabschnitt der diesjährigen Lenadelta-Expedition zu ende, welcher zur vollkommenden Zufriedenheit des Hausmeisters und aller Beteiligten verlief. Es bleibt zu hoffen, dass die Ergebnisse ebenso ausfallen. In den Vormittagsstunden verließen uns die Heimreisenden mit dem Flussschiff "Puteyskiy P-405" planmäßig in Richtung Tiksi. Das war die letzte Gelegenheit in diesem Expeditionsabschnitt zur Probennnahme im Entwässerungssystem des Lenadeltas, namentlich des Bykovskykanals.

Der gestrige Tag war ausgefüllt mit letzten Kontrollen von Langzeitmesssystemen, dem Verpacken von Probenmaterial und der Erstellung von Proben- und Packlisten. Bis zum späten Abend beherrschte reges Gewusel den unmittelbaren Stationsbereich. Wir, die Zurückgebliebenen, konnten in etwa erahnen, was uns im kommenden Fahrtabschnitt erwartet. Da gelangen wir personell und logistisch an die Grenzen des zu Bewältigenden. Es bleibt uns jedoch die Hoffnung auf das nächste Jahr, wenn sich mit der Fertigstellung des samoylovschen Stationsneubaus vollkommen neue und zeitgemäße Arbeitsbedingungen erschließen werden. Der Hausmeister sieht das mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Denn diese, unsere alte Station, hat ihr ganz gewisses Etwas, was sich fest in den Herzen derer festsetzte, die Jahr für Jahr hier lebten und arbeiteten.

Der vergangene Sonntag klang mit einer abermaligen Besichtigung der neuen Station aus, bei der uns ein erneuter Einblick in den Baufortschritt gewährt wurde. Erste Wohnräume sind in der Zwischenzeit fertiggestellt, die Internetanbindung steht, der Fernsehempfang ist gewährleistet und das Solarium könnte genutzt werden. Nach wie vor ist die Intensität der Bauaktivitäten aus einiger Entfernung nur zu erahnen, denn von den mehrschichtig arbeitenden ca. 70 Spezialisten sind nur wenige mit noch ausstehenden Außenarbeiten beschäftigt.

Vom Wettergeschehen gestaltete sich die vergangene Woche nicht sehr abwechslungsreich und wir müssen von Berichten über Extremwetterlagen absehen. Wenn die sehr verehrte Leserschaft die ansonsten so beliebte Berichterstattung über Mückendichten vermisst, sei an dieser Stelle erwähnt, dass es sie noch gibt und eben diese zeitweise auch erwähnenswert gewesen wäre. Doch es gibt halt Wichtigeres. Z.Z. wird sie von uns mit weniger als 10% wahrgenommen.

Der sich unter unseren Füßen befindliche, bis ca. 500m Tiefe dauerhaft gefrorene Boden, war bei der letzten Messung ca. 40 cm aufgetaut. Damit sind die Werte der vergangenen Jahre bislang nicht erreicht worden. Gewissheit wird uns aber erst die letzte Messung Ende August verschaffen, denn der Sommer kann durchaus noch einige Überraschungen bereithalten. Eins scheint jedoch gewiss, die Lena hat ihr diesjähriges Temperaturmaximum überschritten. Mit 17,9°C wurde das langjährige Mittel um ca. 1,5°C verfehlt. Die Badesaison geht ihrem Ende entgegen.

Beste Grüße im Namen der z.Z. etwas ausgelichteten Stationsbesatzung (Ruhe vor dem Sturm) der diesjährigen Expedition ins Lenadelta,

der Hausmeister.

Expeditionsbericht 2012 Nr. 5 vom 06. August 2012

Verehrte Leserschaft, liebe Daheimgebliebene,

dieser Wochenbrief erscheint außerplanmäßig mit eintägiger Verspätung. Die Kapazitäten der Station und der Stammbesatzung geraten in diesen Tagen an ihre Grenzen. Der zweite Fahrtabschnitt der diesjährigen Lenadelta-Expedition hat begonnen. Unbestritten konnten Jene, die während der gesamten Expedition hier verweilen, einige Tage der "Erholung" genießen. Eine sommerliche Wetterlage hätte diesen Erholungseffekt noch verstärken können. Dauerregen bei Temperaturen im unteren einstelligen Bereich der Celsiusscala verhinderten auch ein rechtzeitiges Erscheinen der Neuankömmlinge auf Samoylov. Wegen der schlechten Wetterlage war der Flugbetrieb in Tiksi eingestellt worden. Mit eintägiger Verspätung konnte dennoch die zwar überfüllte, aber allseits beliebte Sauna, nach Tagen des Kaltwasserduschens in der "Perle des Nordens", genossen werden

Zurzeit leben und arbeiten 21 Expeditionsteilnehmer in der Station. Eine erneute Besichtigung des Stationsneubaus zeigte den rasanten Fortschritt der Bauarbeiten, und gewährte denen, die die neue Station erst einmalig besichtigen konnten, einen ersten Einblick in die sich uns in Zukunft bietenden umfangreichen Forschungsmöglichkeiten im Zentrum des Lenadeltas, dem mit ca. 30 000 km2 größten arktischen Delta eines Flusses, der etwa die 7-fache Fläche Deutschlands entwässert. Beim Frühjahrshochwasser können die in die Laptevsee fließenden Wassermassen bis auf das 40-fache des Normalen ansteigen, wodurch in unmittelbarer Stationsnähe einen Pegelanstieg von ca. 10 m bewirkt wird.

Eine gerade begonnene, hoffentlich etwas länger andauernde, frühherbstliche Schönwetterlage begünstigt den Beginn der Arbeiten zum Anfang des zweiten Fahrtabschnitts. Neben den schon in den ersten vier Wochen begonnenen Aktivitäten, sind für die nächste Zeit unter anderem hubschraubergestützte Wärme- und CO2-Flussmessungen über dem Lenadelta, der weitere Ausbau der Eddykovarianzanlage, sowie der Bau einer neuen Klimastation geplant. Unsere Aktivitäten während dieser Expedition werden in den nächsten Wochen durch ein Kamerateam des RBB begleitet und dokumentiert. Aus Zeitgründen, muss die Schönwetterlage unbedingt genutzt werden, daher kann in diesem Wochenbericht auf die konkrete Vorstellung der verschiedenen Aktivitäten auf und um Samoylov nicht eingegangen werden. Erste Ergebnisse und eine konkretere Vorstellung der Aufgabengebiete der hier tätigen Arbeitsgruppen werden später selbstverständlich nachgereicht.

Beste Grüße im Namen aller Teilnehmer der diesjährigen Expedition ins Lenadelta,

der Hausmeister.

Expeditionsbericht 2012 Nr. 6 vom 13. August 2012

Verehrte Leserschaft, liebe Daheimgebliebene,

erhöhte Niederschlagsmengen in Zentralyakutien bewirkten mit ca. zehntägiger Verzögerung einen Pegelanstieg der Lena, und den Eintrag wärmerer Wassermassen ins Lenadelta. Somit konnte bei der zwischenzeitlich eingetretenen frühherbstlichen Schönwetterlage eine erneute Badesaison, bei Wassertemperaturen von in diesem Jahr vor unserer Haustür bislang noch nicht gemessenen 18,2°C, wiedereröffnet werden. Das Wochenende brachte Dauerregen übers Land und eine Abkühlung des Badewassers auf 15,9°C. Die Umgebungstemperatur wurde einstellig, die Tundra färbt sich rotbraun, der Herbst hat begonnen. Mit 47,5 cm liegt die mittlere Auftautiefe des Permafrostes in diesem Jahr bislang ca. 3 cm unter der des Vorjahres.

In der letzten Woche konnten als Idee lange vorhandene, aber bisher im Lenadelta nicht stattgefundene Messungen, Premiere feiern. Mitglieder der Helmholtz-Nachwuchsgruppe TEAM am GFZ (Eric Larmanou und Torsten Sachs), setzten erstmals die Hubschrauberschleppsonde Helipod der TU Braunschweig ein, um entlang eines 100 km langen Transektes über der 3. Terrasse des Deltas, mittels der Eddy Kovarianz Methode die Land-Atmosphären-Austauschflüsse von H2O und CO2 sowie Temperatur, Feuchte und CO2 Gehalt in ihrer Vertikalverteilung bis 1500 m zu bestimmen. Dabei zeigte bereits die erste Sichtung der Daten regionale Unterschiede wie z.B. eine deutlich erhöhte CO2 Konzentration über dem sogenannten Eiskomplex. Weitere Flüge über der 2. Terrasse und dem rezenten Delta sind für die kommende Woche geplant. Diese Messungen sollen zukünftig noch um Methanmessungen erweitert werden und u.a. die auf Samoylov lokal durchgeführten Eddy Kovarianz Messungen um eine bisher fehlende räumliche Komponente ergänzen. An messfreien Tagen konnte von der Helipod-Arbeitsgruppe zeitweilig der Pizzaservice für im Inselzentrum arbeitende Kollegen aus Potsdam und Hamburg übernommen werden. Die Bodenkundler und Biologen der Universität Hamburg (Benjamin Runkle, Wiebke Münchberger und Lars Kutzbach) widmeten sich dort der Untersuchung der vielfältigen Wechselwirkungen in der kleinräumig sehr variablen Tundrenlandschaft. Sie messen die chemischen Eigenschaften (u.a. pH-Wert, Leitfähigkeit, Gehalte gelöster organischer Substanz) des durch Permafrost beeinflussten Bodens, beschreiben die Pflanzengemeinschaften, die auf diesen Böden wachsen, und untersuchen die biogeochemischen Stoffflüsse zwischen Boden, Wasser und Vegetation. Da nicht alle Untersuchungen im Feldlabor hier auf Samoylov durchgeführt werden können, sammeln sie Boden- und Pflanzenproben, um diese in Hamburg auf ihre Nährstoffgehalte zu analysieren. Außerdem werden die Land-Atmosphären-Austauschflüsse von CO2 und CH4 mit der mikrometeorologischen Eddy-Kovarianz-Methode und die wassergetragenen lateralen Kohlenstoffflüsse an einer Abflussmessstation kontinuierlich erfasst. Die Messungen zeigen die ausgeprägte sommerliche Aufnahme atmosphärischen Kohlenstoffs (als CO2) durch die Photosynthese der Vegetation und den im Vergleich dazu geringen Kohlenstoffexport über CH4-Emissionen der nassen Böden oder über die lateralen Wasserabflüsse.

Als gemeinsame Anstrengung der Wissenschaftler aus Potsdam (Max Heikenfeld, Karoline Wischnewski und Julia Boike) und Hamburg wurde in dieser Woche begonnen, ein neues Bodenmessfeld in der Nähe des Eddy-Kovarianz-Turmes aufzubauen. Die Vorbereitungen dazu liefen schon einige Tage davor an. Ausführliche Diskussionen und Überlegungen ließen die Wahl auf das "ideale Polygon" mit intakten Wällen und 15 cm Wasserstand fallen. Während der Installationsarbeiten mussten ca. 120 m3 Wasser aus dem Polygon gepumpt werden, um nach mühseliger Spaten- und Bohrhammerarbeit bis in eine Tiefe von 1,10 Meter zu gelangen, wo uns eine 20-30 cm mächtige Eislinse überraschte. Neben dem Einbau der Sensorik für Bodentemperatur,Bodenfeuchte und Sauerstoffgehalt konnte die Gelegenheit genutzt werden, eine große Zahl von Proben aus der Auftauschicht und dem tiefer liegenden Permafrost zu nehmen, die in den kommenden Monaten bodenchemisch und bodenphysikalisch untersucht werden. Am Ende des Tages hatten wir zwar leider die Banja verpasst, konnten aber auf ein vollendetes Profil im Polygonzentrum anstoßen.

Die Postdoktorandin der Uni Köln (Reka-H. Fülöp) hat im Kampf gegen Mücken 27 Boden-CO2 und CH4 Proben für eine AMS Datierung gesammelt. Dabei steht die Frage im Vordergrund, ob das Gas in erster Linie durch Mikroben produziert, also jung ist, oder aus alten Gaseinschlüssen im Permafrost stammt. Dazu wurde das Bodengas in eine Kammer gepumpt und auf zwei verschiedenen Zeolit-Arten unter Helium gespeichert. Im Radiocarbon Labor der Uni Köln werden die CO2 und CH4 Proben später von Verunreinigungen befreit, separiert und im Beschleunigermassenspektrometer (AMS) analysiert. Anfängliche GC-Probleme sind überwunden und es kann mit der Durchführung von Haubenmessungen zur CH4- und CO2 Bestimmung begonnen werden. Inkubationsexperimente zum Nachweis von CO2 sind während der Anfangsphase  unter Verwendung  eines Infrarotspektrometers außerordentlich erfolgreich durchgeführt worden.

Die seit Expeditionsbeginn durchgeführten Langzeituntersuchungen des Phytoplanktons in den Seen der Insel und deren weiterer Umgebung, sowie des Hauptstromes gehören auch weiterhin zum Standardprogramm unserer russischen Partner und wurden durch hydrologische und hydrochemische Messprogramme im selben Untersuchungsgebiet erweitert.

Das Kamerateam des RBB-Fernsehens entdeckte nach einer kurzen Eingewöhnungsphase in der sibirischen Tundra, eine erstaunlich variantenreiche und hoch spannende Wissenschaftslandschaft. Neben dem Sammeln von Polarbeeren, stand vor allem das Sammeln von Eindrücken sowie Insiderinformationen im Zentrum der Arbeit, die im Dezember als Dokumentation zu sehen sein wird. Bevor es an die Auswertung der Daten zurück nach Potsdam geht, bedankt sich das RBB-Team für die gewährte Gastfreundschaft und nutzt sogleich einen der Transportflüge zum Übersetzen auf die Insel Muostakh.

Beste Grüße im Namen aller Teilnehmer der diesjährigen Expedition ins Lenadelta,

der Hausmeister

Expeditionsbericht 2012 Nr. 7 vom 20. August 2012

Verehrte Leserschaft, liebe Daheimgebliebene,

für einige Teilnehmer des zweiten Fahrtabschnitts der diesjährigen Expedition ins Lenadelta naht der Termin der Abreise. Heute bleibt noch Zeit für abschließende Kontrollen der Langzeitexperimente und morgen soll die „Puteyskiy P-405“ an Samoylov‘s Küste anlegen und mit den Heimreisenden Fahrt in Richtung Tiksi aufnehmen.

In der letzten Woche sind mit Hilfe der „P-405“, auf welcher auch Dima Bolschianov vom AARI St.Petersburg anreiste, hydrologische Vermessungen des Hauptstromes der Lena bei Tit-Ari und des Bykovskykanals durchgeführt worden. Auf Tit-Ari konnten sich die Mitfahrenden ein Bild von der nördlichsten Baumtundra unseres Planeten machen und gleichzeitig die Gelegenheit nutzen, einige Seen zu beproben und nach ihren Einwohnern zu untersuchen (Phytoplankton). Die Rückreise wurde dann mit einigen Eimern der dort wachsenden Pilze und reichlich wohlschmeckenden Beeren im Gepäck angetreten. Für den Folgetag stand die hydrologische Vermessung des Tramfimovskykanals und das Auslesen einer, auf Sardagh installierten, 100 m Temperaturmesskette auf dem Plan. Die hydrologischen Arbeiten mussten jedoch wegen der widrigen Wetterbedingungen verschoben werden, die Messkette brachte Daten bis zum 28. Juni diesen Jahres. Auf Grund der entwendeten Batterie wurde dem Datenfluss zu diesem Zeitpunkt ein jähes Ende gesetzt. Es bleibt einRätsel, wer sich zum Zeitpunkt des Frühjahrshochwassers nach Sardagh verirrt und gleichzeitig Interesse an einer sehr speziellen Batterie eines Gerätes hat, welches in den Weiten der Tundra eigentlich nicht auffindbar ist. Zur Zeit speist ein vorsorglich mitgenommener und provisorisch installierter Akkumulator das Messsystem. Die nächste sich bietende Gelegenheit wird genutzt, dieses Gerät zuverlässig messend dem nahenden sibirischen Winter zu überlassen. An den nächsten drei Tagen ist die Gruppe um Dima Bolschianov mit dem Flussschiff„Orlan“ auf dem Olonyikskykanal unterwegs, um weitere hydrologische Vermessungen bis hin zum westlichen Abfluss der Lena in die Laptevsee durchzuführen.

Am 15.des Monats fand der zweite und letzte Flug der Hubschrauberschlepp-sonde „Helipod“ in dieser Saison statt, der diesmal nach Nordwesten in Richtung „Arga“, an die Grenze des Eismeeres führte. Diesen Flug konnte das RBB-Team ein weiteres Mal nutzen, einmalige Luft- aufnahmen des Lenadeltas in den Kasten zu bekommen, um sich anschließend auf die Insel „Muostakh“ zur Arbeitsgruppe „Hanno Meyer“ zu begeben, sich dort den rauen Eismeerwind um die Nase wehen zu lassen, um letztendlich nicht mehr zu den samoylovschen Warmduschern zu gehören. Ein weiteres geplantes Transekt musste wegen unzureichender Witterungs- bedingungen zunächst verschoben und der Ausweichtermin ebenfalls wegen einer Schlechtwetterlage abgesagt werden.

Nach Anfangsschwierigkeiten laufen nun die Messungen von Photosynthese und Transpiration der, die Vegetation der Insel dominierenden, Seggen sehrerfolgversprechend. Nach einer Woche durchwachsenen Wetters, weissagt unser„Amateurwetterorakel“ für morgen Sonnenschein voraus.

Beste Grüße im Namen aller Teilnehmer der diesjährigen Expedition ins Lenadelta,

der Hausmeister.

Expeditionsbericht 2012 Nr. 8 vom 27. August 2012

Verehrte Leserschaft, liebe Daheimgebliebene,

die diesjährige Expedition ins Lenadelta nähert sich ihrem Ende. Nach Plan wird der nächste Wochenbericht schon in Tiksi, oder zumindest auf der Fahrt mit dem Flussschiff „Puteyskyi P 405“ dorthin, verfasst werden.

Am heutigen Montag vollzog sich die letzte personelle Veränderung während des zweiten Fahrtabschnitts der diesjährigen Lenadeltaexpedition auf Samoylov. Zwei Hubschrauber landeten auf der Insel. Unsere Stations- besatzung vergrößerte sich um zwei Teilnehmer der Gruppe „Hanno Meyer“, welche während der letzten Wochen pleistozäne Eiskomplexe auf der Insel Muostakh untersuchten. Nun sollen in den noch verbleibenden Tagen holozäne Eiskeile auf und um Samoylov beprobt werden. Weiterhin wird Misha Grigoriev, stellvertretender Leiter des Yakutsker Permafrostinstitutes, für einige Tage unser Gast sein.

Des Weiteren traf heute eine Kommission zur Kontrolle des Baufortschritts und zur technischen Übernahme der neuen „Forschungsstation Samoylov“ auf der Insel ein, deren Unterbringung nicht in unserer Verantwortung liegt. Gern wird durch die Neuankömmlinge auf der Insel das Angebot der Nutzung unserer rustikalen russischen Sauna angenommen.

Die zwei Helikopterflüge konnten wir zum Abtransport von Probenmaterial und an den letzten Tagen nicht mehr benötigter und besonders schwerer Expeditionsausrüstung nutzen, wodurch die Schiffsbeladung der „P-405“, am kommenden Wochenende über die wackelige „Einbrettgangway“, wesentlich erleichtert wird.

Die Weissagung unseres „Amateurwetterorakels“ von Sonnenschein für den Wochenbeginn trat erst mit 24-stündiger Verspätung ein. Die Folgetage konnten während der anhaltenden ruhigen und herbstlichen Schönwetterlage genutzt werden, um die Temperaturmesskette auf Sardagh, in ca. 40km Entfernung nordöstlich von Samoylov, nachzubessern und die Klimastation auf der Nachbarinsel Kurungnakh auf den nahenden Winter vorzubereiten.

Auch kam das „Bathy Boat“ zur bathymetrischen Vermessung der samoylovschen Seen zum Einsatz. Die nur wenige cm hohen Wellen konnten dem Boot kaum etwas anhaben und der Messfortschritt war enorm. Durch die Arbeitsgruppe um Dima Bolshianov wurden die hydrologischen Untersuchungen der Lena und ihrer Abflüsse abgeschlossen.

Trotz der ruhigen Wetterlage erreichte die Temperatur in den letzten Tagen nur sehr selten den zweistelligen Bereich. Es ist unverkennbar Herbst geworden und in kühleren Nächten besteht die Gefahr, dass uns die Wasser- leitung einfriert. Die Tundra hat ihre typisch herbstliche Färbung angenommen und die Jungvögel sind so weit herangewachsen, um den Flug in südlichere Gefilde aufnehmen zu können. Auch wir sind bald so weit.

Beste Grüße im Namen aller Teilnehmer der diesjährigen Expedition ins Lenadelta,

der Hausmeister.

Expeditionsbericht 2012 Nr. 9 vom 03. September 2012

Verehrte Leserschaft, liebe Daheimgebliebene,

mit diesem Wochenbrief endet die diesjährige Lenadeltaexpedition und somit auch die Berichterstattung von der Insel Samoylov. Für die Beteiligten geht damit in diesen Tagen eine unvergessliche Zeit in einer nur schwer beschreibbaren Umgebung zu Ende. An dieser Stelle sei all Jenen gedankt, die dazu beitrugen, diese Expedition ins Lenadelta hinter den nördlichen Polarkreis zu ermöglichen.

In der letzten Woche ging es darum, sämtliche Arbeiten zu ihrem erfolgreichen Ende zu bringen, die Langzeitmessungen guten Gewissens voll funktionstüchtig dem nahenden sibirischen Winter zu überlassen, die Rückfracht zu organisieren und die Station zu konservieren.

Während dieses letzten Berichtszeitraums näherten sich die Temperaturen bedenklich dem Gefrierpunkt, die Geländearbeiten wurden unangenehmer, doch das fließende Wasser aus dem Wasserhahn blieb uns bis zu Ende der Expedition erhalten.

Am vergangenen Sonnabend wurde uns noch eine abschließende Besichtigung der neuen „Station Samoylov“ ermöglicht. Das Bauprojekt ist weitgehend abgeschlossen, und an diesen Tagen ist damit begonnen worden, die Labore, sowie die Wohn- und Lagerräume einzurichten. Das Baucamp ist demontiert, auf Lastkähne verladen und abtransportiert worden.

Planmäßig stand am Sonntag das für unsere Fahrt nach Tiksi vorgesehene Flussschiff „Puteyskyi P 405“ bereit, und bei bestem Spätherbstwetter konnte in den Vormittagsstunden der „Anker gelichtet“ werden. Nach ca. 5 Stunden Fahrzeit wurde Tiksi‘s Skyline sichtbar und nach einer weiteren Stunde Fahrt konnte das Schiff festmachen. Die Entladung war ein Kinderspiel und der Weg in die Stadt nur noch ein Katzensprung.

Der heutige Montag verging mit der Zusammenstellung der gesamten Rückfracht. Morgen haben wir noch etwas Zeit für Tiksi und Umgebung, ggf. bietet sich ein Zirkusbesuch im neuen Kulturzentrum an und am Mittwoch fliegen wir mit der Zeit nach Westen, der Heimat entgegen. Abschließend gab es noch einen Grund eine Flasche Wodka zu leeren. Mit der diesjährigen Fahrt ins Lendelta kann Dima Bolschianov auf 50 Expeditionen zurückblicken. Das war auch das Ziel des Hausmeisters, doch das wird ihm leider nicht beschieden sein.

Beste Grüße aller Teilnehmer der diesjährigen Expedition ins Lenadelta, bis bald,

der Hausmeister.