Lena-Delta 2011

Expeditionsbericht 2011 Nr. 1

Liebe Daheimgebliebene,

sicher erwarten einige Leser schon sehnlichst den ersten Fahrtbericht aus dem Lena Delta 2011. Wir geben uns an dieser Stelle Mühe die ereignisreichen letzten Tage und Wochen zusammenzufassen. Eine wirklich untypische Wetterlage brachte Probleme, aber auch Möglichkeiten mit sich, und die vorhandene Zeit musste im Feld intensiv genutzt werden.

Seit nunmehr einer Woche ist die Forschungsstation Samoylov wieder vollständig ausgelastet. Der Altbau des Stationsgebäudes wird vom wissenschaftlich Personal belegt, wohingegen der Anbau von 10 Prospekteuren der geplanten neuen "Putin-Station" bewohnt wird. Die Küche wird selbstredend gemeinsam genutzt, was in Stoßzeiten zu Stau am Kascha (Brei)-Topf führen kann. Solch reges Treiben hatten wir vor Beginn unserer Reise hier nicht erwartet. Vom AWI Potsdam kommt Moritz Langer, vom KlimaCampus der Universität Hamburg Sebastian Zubrzycki und Peter Schreiber. Wir trafen uns in Jakutsk, da Sebastian hier schon seit Anfang April eine kleine Bohrkampagne in den Permafrostböden nahe der Hauptstadt Jakutiens durchführte.

Nach nicht einmal einem Tag Aufenthalt in Tiksi brachen wir am Nachmittag des 19.04. mit einem LKW des Lena Delta Reservats in Richtung Samoylov auf. Die Ladefläche war bis zum Rand mit Equipment, Lebensmitteln und Baumaterialen beladen. Voller Stolz stellten wir fest, dass sich diese Menge an Ausrüstung für so eine kleine Expedition sehen lassen konnte. Den Wissenschaftlern diente eine wunderbar beheizte Kabine als Aufenthaltsort, so konnte es sich reisen lassen. Die zugefrorene Lena war lange Zeit eine vortreffliche Piste, vorhandene Schneewehen stellten kein Problem da und wir kamen gut voran. Als wir in der Abenddämmerung die Insel Stolb erblickten und uns schon fast an unserem Ziel wähnten, blieben wir im tiefen Schnee stecken. Der Fahrer kämpfte sich tapfer voran. In 30 Minuten bewältigten wir ganze 20 Meter bis endgültig nichts mehr ging, weder vorwärts noch zurück. Es gab nur eine Lösung. Graben! Doch womit? Der unwahrscheinlichen Situation einer Schneewehe hatte niemand Rechnung getragen, es gab weder Schaufel noch Spaten an Bord. Leider verblieb das bodenkundliche Werkzeug des letzten Jahres wie üblich auf Samoylov. Immerhin wäre die Insel in einem längeren Marsch noch zu erreichen gewesen. Doch die russische Arktis hatte noch eine Überraschung bereit. Keine 500 Meter entfernt gab es ein Eisloch welches, von wem auch immer, zum Eisfischen benutzt worden war. Dort befanden sich, als hätten sie auf unsere Havarie gewartet, zwei Schaufeln. Damit war die Fahrt gerettet und die Fahrtzeit Tiksi-Samoylov blieb mit 11 Stunden auch im Rahmen.

Empfangen wurden wir von Pjotr (Petya) Dmitrievitch Karyakin und Valodja Kosteljewitsch die als Inspektoren in Vertretung auf der Insel waren. Petya, der schon letztes Jahr auf der Insel arbeitete, wurde zu unser Enttäuschung abgezogen, er soll ein neues Arbeitsgebiet zugeteilt bekommen. Valodja bleibt noch zum Übergang bis der bekannte Stationsinspektor Alexander (Sascha) Grigorievich Musiy mit dem nächsten Transport auf die Insel kommt.

Die Station wurde uns von Petya in tadellosen Zustand übergeben und nach kurzer Erholung stellten wir uns dem russischen Prospektionstrupp vor. Es sind insgesamt 10 Vorerkundler auf der Insel die sich hauptsächlich um Vermessungs- und ingenieurgeologische Fragen kümmern die sich aus dem geplanten Bau der neuen Station ergeben. Die Stimmung untereinander ist prima, es wird und wurde sich rege über alle möglichen wissenschaftlichen und nichtwissenschaftlichen Dinge ausgetauscht.

Schon bei der Ankunft in Tiksi stellten wir für diese Jahreszeit untypisch warme Temperaturen fest. Auf Samoylov verstärkte sich dieser Trend und es fing an heftig zu tauen. Zwischen dem 20.04. und dem 26.04. stiegen die Lufttemperaturen auf Samoylov in positive Bereiche und erreichten Maximalwerte um 8 °C. Die Mittlere Temperatur über diesen Zeitraum lag immerhin bei +0,2°C. Der Himmel war wolkenfrei und schon nach kurzer Zeit zeigten sich erste schneefreie Stellen. Bald gab es keinen Schnee mehr auf den Polygonwällen und in deren Zentren sind nur noch klägliche Reste zu finden. Diesem Umstand war es geschuldet, dass wir uns ins Zeug legen mussten, um die Schneeschmelze noch wissenschaftlich untersuchen zu können.

Das Hauptaugenmerk von Moritz liegt auf den großen und kleinen Seen der Insel. Hier schneidet er mittels einer Kettensäge Eis aus, um dieses später auf den Methan- und Kohlenstoffdioxidgehalt hin zu untersuchen. Sebastian erbohrt derweil gefrorene Kerne aus den verschiedenen Polygonen und anderweitigen Landschaftsformen der Insel, um deren Gehalt an organischen Kohlenstoff zu bestimmen. Peter hat die Eddy-Kovarianz-Anlage wieder voll ausgestattet und misst den Austausch der Treibhausgase Kohlenstoffdioxid, Methan und Wasserdampf sowie den Energieaustausch zwischen der polygonalen Tundra und der Atmosphäre

Nun wollen wir uns von der Leserschaft verabschieden und bemühen uns, den nächsten Bericht dann im gewohnten Zeitrahmen zu verfassen. Einen schönen Frühling wünschen von Samoylov aus

Moritz, Sebastian, Peter

Expeditionsbericht 2011 Nr. 2 - 06.05.2011

Liebe Freunde und Leser,

schon wieder ist eine Woche vergangen und viel ist seit unsrem letzten Brief geschehen. Nachdem Anfang letzter Woche das Vermessungsteam für die neue Forschungsstation die Insel verlassen hat, sind wir fast alleine auf der kleinen Insel Samoylov und genießen den schon begonnen Polartag und die wärmer werdenden Temperaturen. Wir sind auf der Insel jedoch nicht völlig auf uns gestellt, bei unseren täglichen Arbeiten werden wir tatkräftig von einem vierbeinigen Vertreter des Lena-Delta-Reservats unterstützt. Der Stationshund Gray ist bei fast all unseren Unternehmungen mit Begeisterung dabei und fängt zu unserer Freude täglich mehre Lemminge, die wir dann direkt und tiefgefroren vor die Haustür geliefert bekommen. Inzwischen versteht Gray auch schon etwas deutsch und ist ein dankbarer Resteverwerter. Außer Gray sind auch zwei Bauarbeiter auf Samoylov ausgesetzt worden, die nach eigenen Angaben an der vormals geplanten Ersatzstation arbeiten sollen. Bisher ließen sich diese jedoch nur bei gelegentlichen Besuchen blicken. Beharrliche Einladungen zu längeren Umtrünken haben wir zu ihrer Enttäuschung abgelehnt.

Die wissenschaftlichen Arbeiten schreiten bei so viel Unterstützung natürlich sehr schnell voran. Das müssen sie auch, da der Gegenstand unserer Untersuchungen mit jedem Wetterumschwung droht zu tauen. Peter Schreiber widmet sich dem Austausch von Methan und Kohlenstoffdioxid zwischen Tundra und Atmosphäre und interessiert sich daher brennend für die Schneeschmelze und das allmähliche Auftauen der Tundraböden und Seen. Das für diese Messungen notwendige Eddy-Kovarianz-System konnte nach kürzester Zeit wieder vollständig in Betrieb genommen werden und wurde um zusätzliche meteorlogische Instrumente ergänzt. Sebastian Zubrzycki untersucht die Menge des Kohlenstoffs, der in Form von organischen Substanzen in den Tundraböden gespeichert ist und potentiell als die genannten Treibhausgase in die Atmosphäre gelangen kann. Dazu wurde die Insel buchstäblich perforiert und ist nun um 37 Löcher im Boden reicher. Einige dieser Löcher konnten im Einzugsbereich der Eddy-Kovarianz-Meßstation gleich noch für hydrologische Untersuchungen der Tundra vorbereitet werden. Zum Glück fallen diese minimalen Eingriffe in der weitläufigen Tundra nicht auf. Auch Moritz Langer interessiert sich für gespeicherten Kohlenstoff. Bei seinen Untersuchungen geht es um Methan und Kohlenstoffdioxid, welches in der Eisdecke großer und kleiner Seen während des Einfrierens in Form kleiner Bläschen eingelagert wurde. Bisher konnten mit der Kettensäge an 18 unterschiedlichen Seen Profile in die Eisdecke gesägt und ca. 54 Eiskerne gesichert werden. Wir sind insgesamt sehr zufrieden mit den bisherigen Resultaten dieser Expedition und hoffen, dass es auch in den kommenden Tagen so weiter geht.

Viele Grüße von Peter Schreiber, Sebastian Zubrzycki, Moritz Langer, und Gray

Expeditionsbericht 2011 Nr. 3 - 16.05.2011

Liebe Freunde und Leser,

schon wieder ist eine ereignisreiche Woche verstrichen. Leider mussten wir uns schon am Dienstag von Sebastian Zubrzycki verabschieden. Sebastian hat mit dem wohl letzten Lkw-Transport, der von Tiksi über die gefrorene Lena nach Samoylov möglich ist, die Insel verlassen und wird morgen über Jakutsk die Heimreise antreten. Da er heute Geburtstag hat, wünschen wir ihm alles Gute und hoffentlich einen wunderschönen Tag in Tiksi. Mit dem Lkw durften wir auch einen weiteren Bauarbeiter auf Samoylov begrüßen, sodass noch immer sechs Personen (inklusive Grey, dem Stationshund und Vertreter des Lena-Delta Reservats) die kleine Insel bewohnen. Die erwarteten Bautätigkeiten scheinen sich allerdings noch in der intensiven Vorbereitungsphase zu befinden. Im Moment sind die Aktivitäten der Bauarbeiter eher auf den Indoor-Bereich beschränkt.

Auch unsere Tätigkeiten haben sich in der letzten Woche zunehmend in Stationsnähe abgespielt. Nachdem ausreichend Bohrkerne und Eisblöcke an verschiedenen Standorten der Insel entnommen wurden, ging es daran, das Probenmaterial für weitere Analysen und den Transport aufzubereiten. Sebastian Zubrzycki hat in Rekordzeit und langen Nachtschichten Scheibchen aus den Bohrkernen gesägt, diese Proben anschließend getrocknet und Vakuumverpackt. Er kam so auf einen Durchschnitt von ca. 75 spd (samples per day) und deplatzierte damit Moritz Langer. Moritz brauchte ca. 6 Tage, um 250 kleine Eiswürfel aus den großen Eisblöcken zu sägen und zu schnitzen, und erlangte somit lediglich einen Wert von 42 spd. Über solch geringe spd-Werte kann sich Peter Schreiber allerdings nur wunderen, mit seinem Eddy-Kovarianz-System werden 20 Mal pro Sekunde die Windgeschwindigkeit, die Lufttemperatur, die Luftfeuchte, die Kohlenstoffdioxid- und Methankonzentration gemessen (1728000 spd). Kritiker dieses Wettstreites mögen einwerfen, dass hier Birnen mit Äpfeln verglichen werden. Wir müssen an dieser Stelle jedoch erwähnen, dass wir diesen Leistungsvergleich natürliche nicht ernst gemeint haben. Denn hinter jeder Probe steckt teils ein deutlich anderer Arbeitsaufwand.

Die vergangene Woche war geprägt von meist zweistelligen negativen Temperaturen, viel Wind und vereinzelten kleinen Schneefällen. Der Holzumsatz im Ofen stieg merklich an, da die kalte Luft durch die vielen kleinen Lücken und Spalten in den Wänden in unsere Station eindringen konnte. Ein Sturm aus dem Süden brachte gestern wärmere Temperaturen, aber auch viel Schnee mit sich. Wir hoffen nun, da sich der Sturm gelegt hat und die Temperaturen an unserem Stationsthermometer endlich über den Gefrierpunkt geklettert sind, auf einen baldigen Frühling.

Viele Grüße senden Euch Sebastian Zubrzycki, Peter Schreiber, Moritz Langer, Grey und die Bauarbeiter

Expeditionsbericht 2011 Nr. 4 - 23.05.2011

Liebe Freunde und Leser,

es hat sich einiges verändert auf Samoylov. Angefangen bei unserem „Stationsleiter“ Grey, der davon überzeugt war, dass wir uns sehr gut eingelebt haben und auch gut ohne ihn zurechtkommen. Vielleicht wollte er auch mehr vom Lena Delta sehen, solange es noch möglich ist, die Insel auf vier Pfoten zu verlassen. Zu Beginn der vergangenen Woche folgte er zwei jakutischen Jägern und wurde mehrere Tage nicht mehr gesehen. Die leckeren Knochen des Rentiers blieben liegen und wir vermissten schon die freundliche Begleitung bei unserer täglichen Arbeit. Ein paar Tage später war Grey in Begleitung von weiteren Hunden wieder auf der Insel und es stellte sich heraus, dass er sich bis zur Meteorologischen Station Sokol (Stolb) durchgeschlagen hatte, wo er gleichgesinnte Freunde mit feuchter Nase fand.

Vergangenen Donnerstag besuchte uns dann der Helikopter, um Moritz Langer vom AWI Potsdam abzuholen. Er befindet sich nun in Tiksi und wartet auf seinen Abflug via Jakutsk in Richtung Moskau. Eingeflogen wurden der hauptamtliche Stationsinspektor Sascha Musiy und Manuel Helbig von der Universität Hamburg. Manuel studiert Geographie und wird von Peter Schreiber die Wartung der Eddy-Kovarianz-Messstation erlernen. Weiterhin wird er die hydrologischen Messungen im Einzugsbereich der Anlage intensivieren. Für ihn ist es die erste Expedition in das Lena Delta, wobei er auch am ersten Abschnitt der Sommerexpedition teilnehmen wird. Die lang erwartete Ankunft von Sascha wurde positiv aufgenommen. Er kümmert sich schon jetzt um das spätere Wohlbefinden der Teilnehmer der Sommerexpedition. Ein ordentlicher Holzvorrat für ein paar gemütliche Abende vor dem Kamin im durch das Fernsehen bekannten grünen Salon ist schon vorbereitet. Mit Sascha ist nun auch ein offizieller Vertreter des Lena Delta Reservates auf der Insel eingetroffen. Schließlich ist noch festzuhalten, dass Sebastian Zubrzycki von der Universität Hamburg nach abenteuerlicher Rückreise über die gerade noch passierbare Lena und einigen Zwischenstopps in Jakutsk, Moskau und St. Petersburg nun wieder wohlbehalten in Deutschland angekommen ist.

Zum Ende der vergangenen Woche konnten wir uns über schönes Wetter freuen. Seit der überraschenden und unnatürlichen warmen Periode zu Beginn der diesjährigen Frühjahrsexpedition hielten sich die Tageshöchsttemperaturen drei Wochen stets unter dem Gefrierpunkt. Nun ließ sich der Frühling endlich blicken bei Temperaturen von bis zu 5 °C und schönstem Sonnenschein. Der Winter mag jedoch nur widerwillig der Vegetationsperiode Platz machen, nächtliche Schneefälle konnten jedoch der immer intensiveren Sonneneinstrahlung nicht standhalten. Es wurden immerhin schon knapp mehr als 700 W m-2 kurzwellige solare Einstrahlung erreicht. Betrachtet man die Gesamtstrahlungsbilanz resultierte dies in einem Nettogewinn von 480 W m-2 für die Insel. Seit dem 12. Mai herrscht im Übrigen Polartag auf Samoylov. Auch die Fauna erfreut sich am einbrechenden Frühling. Gänse, Raben und Möwen ziehen durch die Lüfte. Es werden auch immer wieder Lemminge gesichtet, die nachweislich noch keinen Kontakt mit Grey hatten. Vor ihm braucht sich momentan auch kein Getier fürchten, da Grey mal wieder auf Wanderschaft ist. Die angenehmere Witterung ließ nun auch erste bauliche Aktivitäten am neuen Stationsgebäude des Lena Delta Reservates erkennen.

Viele Grüße senden Euch 

Manuel Helbig, Sascha Musiy und Peter Schreiber

Expeditionsbericht 2011 Nr. 5 - 30.05.2011

Liebe Freunde und Leser,

nun wird es wohl wirklich langsam Frühling auf Samoylov. Die Temperaturen stiegen in den letzten Tagen deutlich. Begleitet wurde dies auch von schönstem Sonnenschein und teilweise Windstille. Zum tollen Wetter erlebten wir auch einen anderen Höhepunkt im wahrsten Sinne des Wortes. Die alljährliche Frühjahrsflut der Lena erreichte das Delta und damit auch unsere Insel Samoylov. Im Süden des jakutischen Oblasts steigen die Temperaturen jedes Jahr deutlich früher über den Gefrierpunkt als bei uns hier an der Nordküste Russlands. Die Lena bahnt sich dann ihren Weg, das Eis des Winters aufbrechend, in Richtung Norden. Manuel Helbig konnte die Flut schon in Jakutsk auf seiner Anreise bewundern, während hier auf Samoylov beständig noch Temperaturen unter dem Gefrierpunkt das Wetter bestimmten. Ganze zwei Wochen später ist die Flut nun ca. 1200 km weiter nördlich unweit der Laptevsee angekommen.

Das Schauspiel der Flut begann am 28.05.2001 mit einem leichten Anstieg des Wasserspiegels und dem damit verbundenen Aufbrechen des Eises auf der Lena. Große Eisschollen bewegten sich unter deutlich wahrnehmbaren Geräuschen in Richtung Westen, bevor sie sich nach nur einem Kilometer
Wegstrecke wieder aufstauten oder auf Überflutungsebenen geschoben wurden. Es bildete sich somit eine Art See vor der Klippe der Station. Zum Sonntag stieg das Wasser zügig an. Morgens maßen wir noch 5,5 m unter der Klippenkante, gen Abend waren es nur noch 2,3 m. Damit war vermutlich der Scheitelpunkt des Hochwassers erreicht und die Situation für alle Bewohner mehr als entspannt. Das Wasser sinkt nun sehr langsam, zurzeit 10 cm innerhalb von 12 Stunden.

Über die letzte Woche stieg der Luftdruck stetig an und führte zu einer Hochdrucklage am Wochenende mit viel Sonnenschein, geringen Windgeschwindigkeiten von im Mittel 7,2 km/h und erträglichen Lufttemperaturen bis knapp über 7,4 °C. In der Nacht zum Samstag gab es zudem keinen Nachtfrost und auch die Bodentemperatur sank in den obersten 5 cm nur noch lokal unter 0 °C. Auch die Nettostrahlung deutete mit über 560 W m‐2 auf den beginnenden Frühling hin. Mitte der Woche lag die durchschnittliche Auftautiefe des Permafrostmessfelds bei 3,6 cm ± 1,2 cm (n = 114). Im Messbereich befindet sich ein ausgeprägtes Polygonzentrum, welches am Aufnahmetag bis zur Permafrosttafel im Mittel von 16,2 cm Schmelzwasser überstaut war.

Pünktlich zur nun finalen Schneeschmelze wurden im Einzugsgebiet der Eddy‐Kovarianz‐Anlage Grundwasserlogger in bestehenden sowie neuen Grundwasserbrunnen installiert. Ziel ist es, die verschiedenen Polygontypen und das weitläufig verbundene Eiskeilnetz hinsichtlich ihrer Hydrologie
zu erfassen. Während von intakten Wällen umgebene geschlossene Polygone ein eigenes hydrologisches Regime aufweisen, das fast ausschließlich über Niederschlag und Verdunstung geregelt wird, können mäßig bis stark degradierte Polygone auch einen lateralen Wasserausfluss begünstigen. Das Eiskeilnetz dient zumindest während der Schneeschmelze als eine bedeutende Abflussrinne für Schmelzwasser. Nun soll geklärt werden, ob auch während der Vegetationsperiode bedeutende Mengen an Wasser über dieses Netz von der Insel abfließen können und wie sich dieser Abfluss im Vergleich zu den Niederschlags‐ und Verdunstungsmessungen der mikrometeorologischen
Messanlage verhält. Zu diesem Zweck haben Manuel und Peter am Ausgang des Eiskeilnetzes Kernbohrungen abgeteuft und in entstandenen Löcher Stützen für zwei Messwehre eingesetzt. Die Wehre werden Ende Juni fertiggestellt und dienen dann der Abflussmessung.

Es herrscht nun eine Art maritimes Gefühl auf unserer Insel. Dabei kann man im Moment nicht mehr von einer Insel Samoylov reden. Die Lena ist so hoch angestiegen, dass sich nun der Fluss seinen Weg in die großen Seen im Südosten sowie den Banjasee gebahnt hat. Dem allgemeinen Gefälle folgend fließt nun ein für die Lena zwar unbedeutender Nebenarm durch den See, der den Bewohnern der Insel im Sommer zur Abkühlung nach dem Schwitzen in der Banja dient. Für uns bereitet das nun gewisse Einschränkungen. Wir leben nun auf einem Bruchteil der Insel „Klein‐Samoylov“ und können alle Forschungsbereiche von „Groß‐Samoylov“ nur noch paddelnd erreichen. Eine Schlauchbootfähre wurde von Sascha etabliert und kann sogar per Funk gerufen werden. „Klein‐Samoylov“ erstreckt sich über max. 338 m von Osten nach Westen und max. 80 m von Süden gen Norden.

Die Bauarbeiten am neuen Stationsgebäude des Lena Delta Reservates gehen weiter voran und Sascha ist dabei, die Banja für die Sommergäste aufzuhübschen. Der leicht marode Steg zum See wurde neu beplankt und auch im Innenraum der Banja finden sich nun neue Sitzmöbel, welche die
Verbrennungsgefahr bei besonders hohen Raumtemperaturen senken sollen.

Wir bedanken uns für das Interesse und schließen hier nun die Ausführungen über eine doch sehr ereignisreiche Woche.

Viele Grüße von „Klein‐Samoylov“,

Manuel & Peter

Expeditionsbericht 2011 Nr. 6 - 08.06.2011

Liebe Freunde und Leser,

die Frühjahrsexpedition 2011 auf die Insel Samoylov geht in den nächsten Stunden zu Ende. Nach ein paar Veränderungen im Flugplan ist für den heutigen Mittwoch der Helikopterflug angekündigt. So bleibt noch etwas Zeit, allen Interessierten die letzten Neuigkeiten von der Insel zu schreiben. Die letzte Woche war wie gewöhnlich von viel Arbeit und wenig Muße geprägt. Alle noch nicht fertigen Dinge mussten zu Ende gebracht werden. Es wurde inventarisiert, Geräte wurden gewartet und erste Dinge für den Sommer vorbereitet. Begleitet wurden unsere Arbeiten im Feld von teilweise schönstem Wetter. Über einige Tage konnten wir fast ungetrübten Sonnenschein genießen. Die Temperaturen blieben tagsüber dabei dennoch moderat im einstelligen positiven Bereich und sanken nachts nur knapp unter den Gefrierpunkt. Deutlich erkennbar war der hohe Energieeintrag der solaren (kurzwelligen) Einstrahlung von deutlich über 650 W m-². Da in der Arktis momentan Polartag herrscht, ging die Sonneneinstrahlung in den klaren Nächten auch nie vollständig zurück und so erreichten selbst nachts immerhin noch mehr als 50 W m-² die Erdoberfläche. Die obersten Zentimeter der Vegetation hier in der polygonalen Tundra wurden deutlich über 10 °C erwärmt und an der Eddy-Kovarianz-Messstation konnten deutliche sensible wie auch latente Energieflüsse gemessen werden. Der Energieeintrag führte zu weiterem, deutlich beschleunigtem Auftauen des Permafrostes. Am 4. Juni betrug die mittlere Auftautiefe schon 11 cm ± 4,1 cm (n = 150). Im Einzugsbereich der Eddy-Kovarianz-Messstation sind elf Wasserstands-Sensoren installiert worden. Am Ausfluss des Eiskeilnetzes, welches sich von dem mikrometeorologischen Messturm in westlicher Richtung zur Überflutungsebene erstreckt, misst nun ein weiterer Logger die Veränderungen der Wasserstands. Über die vergangenen drei Wochen konnten wir dort einen wenn auch deutlich abnehmenden Abfluss feststellen. Der Hauptanteil bildete sich dabei aus Schmelzwasser. Bis in den Sommer soll hier der Fragestellung nachgegangen werden, wie groß das Einzugsgebiet dieser Senke ist und wie viel Wasser während der Vegetationsperiode hier die Insel fließend verlässt. Die verschiedenen Polygontypen zeigten leicht unterschiedliche Wasserregime. Der Wasserstand nahm jedoch an allen Messstellen in den letzten Wochen stetig ab. Diese Verluste sind wahrscheinlich auf Verdunstung bei ausbleibendem Niederschlag zurückzuführen.

Mit der Tieferlegung der Permafrosttafel und den ansteigenden Bodentemperaturen ging auch ein Anstieg der Treibhausgasflüsse einher. Während deutliche Verdunstung festgestellt werden konnte, stiegen die Methanemissionen langsam an und liegen nun bei ungefähr einem Drittel der üblichen Sommeremissionen. Begleitet wurden die langsam ansteigenden Emissionen von deutlichen Emissionsspitzen, die allem Anschein nach auf das Auftauen der über den Winter im Eis eingefrorenen Methanblasen zurückzuführen sind. Da die Vegetation sich erst spärlich entwickelte, dominiert noch die Respiration, was sich mit den gemessenen CO2 Flüssen deckt. Dies wird sich in den nächsten Wochen ändern, wenn die Vegetation auf Samoylov ergrünt. Die momentane Farbgebung ist von bräunlichen und ockerfarbenen Tönen bestimmt. Erste Anzeichen von Grün und einsetzender Photosynthese sind aber schon zu erkennen.

Die Flut der Lena hat sich weiter zurückgezogen, der Wasserspiegel ist im Vergleich zum Scheitelpunkt um 5 m gefallen. Samoylov ist damit wieder eine „ganze“ Insel und die temporäre Definition von „Klein“- und „Groß“-Samoylov konnte wieder abgeschafft werden. Genauso wurde die prima funktionierende Fährverbindung abgeschafft. Man kann wieder trockenen Fußes die „Putinsche Brücke“ überqueren. Der Höchststand der 2011er Flut wurde auch mit einer kleinen Hochwassermarke vermerkt. Vom ganzen Ereignis wurden Wasserproben genommen. Diese werden dann während der Sommerexpedition näher untersucht.

Während der letzten Banja konnten wir dann schon die ersten Gäste begrüßen, die während des Sommers den Expeditionsteilnehmern ordentlich auf die Nerven gehen werden. Die ersten Mücken sind da. Davon zum Glück unberührt werden wir uns heute aus dem Staub machen. Manuel, der auch am ersten Abschnitt der Sommerexpedition teilnehmen wird, wird den Mücken also nicht ganz entkommen können. Für Peter bleibt das Lächeln. Er hatte dieses „Vergnügen“ während der letzten beiden Jahre auf Samoylov schon ausreichend gehabt.

Wir möchten uns nun, auch und ganz besonders im Namen der Mitstreiter des ersten Teils Moritz Langer (AWI Potsdam) und Sebastian Zubrzycki (KlimaCampus, Universität Hamburg), bei allen Lesern verabschieden und beenden nun offiziell den wissenschaftlichen Teil der Frühjahresexpedition 2011.

Viele Grüße von Samoylov,

Manuel und Peter

Expeditionsbericht 2011 Nr. 7 - 27.06.2011

Verehrte Leserschaft, liebe Daheimgebliebene,

mit dem siebenten Wochenbericht der diesjährigen Expeditionen ins Lenadeta beginnt die Berichterstattung über die Sommeraktivitäten auf der Insel Samoylov. Die Anreise verlief halbwegs problemlos, und letztendlich gestaltete sich die zwölfstündige Warterei auf den Anschlussflug nach Tiksi auch recht kurzweilig, da dieser nicht wie geplant in Vnukovo sondern in Domodedevo eingesetzt wurde. Nach zwei Stunden durch Moskauer Staus, aber dennoch relativ gelassen, erreichten wir Domodedevo rechtzeitig zum Check in und Tiksi, die "Perle des Nordens" hinter dem nördlichen Polarkreis weitere sieben Stunden später, wie immer leicht übermüdet. Weitere 24 Stunden später, nach Überprüfung der Fracht und Erledigung der unumgänglichen administrativen Pflichten, hatte uns die Insel wieder und wir unsere Insel. Das Verstauen der Fracht war schnell erledigt und die Infrastruktur hergestellt, so dass schon am Folgetage mit der Durchführung des wissenschaftlichen Arbeitsprogramms begonnen werden konnte.

Den einfachsten Einstieg hatte die Arbeitsgruppe der Uni Hamburg, da die zu betreuende Eddy Kovarianzanlage schon in der Frühjahrsexpedition in Betrieb genommen wurde und nun Daten über Daten sammelt. Auch unsere Wissenschaftlerin der Uni Köln hatte einen erfolgreichen Wiedereinstieg. Sie konnte Gas- und Organic-Proben aus den Tundraböden nehmen und für die Datierungsanalyse von organischem Material vorbereiten.

Die "Hochwassertruppe" aus der HZG & AWI machte sich sofort ans Wasser "ran". Prüfproben der Lena wurden zum Eichen und Überprüfen der optischen Messgeräte von der Lena geholt und alle Transportzimperlein der Geräte ausgemerzt. Wir zogen sofort gut eingemummt im Boot los und haben die ersten optischen Eigenschaften des Wassers für die Satelliten Kalibrierung eingetütet. Es wurden der Lena Wasserproben für Kohlenstoffchemie, Fettsäure-, Pigment- und Nährstoffanalytik sowie Planktonproben abgerungen. Das Wasser ist schon bei 10- 13 oC, also fast Badetemperatur und hat eine Sichttiefe von 70 cm. Wie auf dem Land sind die Pflanzen (das Phytoplankton) schon in Ihrem Frühjahrskleid mit 1µg Chlorophyll /l. Glücklich sind wir über die gute Zusammenarbeit und das super Samoylov Team und die helfenden Hände der Kollegen und Kolleginnen bei den schweren Geräten und Wasserproben.

Russische Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen haben sofort Reiseproviant eingepackt, Wasserproben aus den Seen geholt und ein Herbar zu der terrestrischen Pflanzenpracht angefangen. Die Biologen der anderen Teams freuten sich über das umfangreiche Wissen der russischen Kollegen/innen zu der blühenden Pracht. Auch ist es super dass wir mehrsprachige Teams sind, was zu interessanten Abenddialogen in der Banja und beim Frühstück führt.

Die zurzeit noch recht frühlingshaften Temperaturen halten die Mückendichte bislang noch in akzeptierbaren Grenzen.

Beste Grüße von der Insel Samoylov im Lenadelta,

der Hausmeister

Expeditionsbericht 2011 Nr. 8 - 04.07.2011

Verehrte Leserschaft, liebe Daheimgebliebene,

mit Beginn der ersten Schönwetterphase dieses Expeditionsabschnitts verlassen die Küstenforscher Samoylov. Nach verregneten Tagen mit Temperaturen im mittleren einstelligen Bereich war uns ein Wochenende voller Sonnenschein vergönnt, was zu einem ausgiebigen Sonntagsspaziergang um die grünen- und blühende Insel inspirierte.

Nicht nur auf Grund der zahlreich genommenen Wasserproben senkte sich der Pegel der Lena beträchtlich, doch durch Filtration vor Ort und Rückführung der Proben ins Ökosystem wurde der natürliche Wasserkreislauf nur bedingt beeinflusst. Zusatzinformationen durch Satellitenaufnahmen können, als Folge des wolkenlosen Himmels der letzten beiden Tage genutzt werden, um weitere Informationen über das Delta einfließen zu lassen

Die CO2-Flüsse an der Eddy-Kovarianz Station zeigen seit Mitte Juni deutlich die Aktivität der Pflanzenwelt. CO2 wird der Atmosphäre entzogen und der Kohlenstoff wird in die ergrünende und blühende Vegetation eingebunden. Im Einzugsgebiet der Station ist seit dieser Woche nun auch ein Wehr installiert, das den Abfluss in die Überflutungsebene im Westen der Insel misst. Erste Messungen deuten auf einen relativ geringen Abfluss hin.  Lediglich 1 l/s  gibt das Einzugsgebiet  in die vorgelagerte Überflutungsebene ab.

Die automatischen Wetter- und Klimastationen haben den vergangenen Winter sehr gut überstanden. Trotz „gemeiner Mücken“ konnte ein ausgefallener Sensor an der Seestation ausgetauscht werden, sodass er den Temperaturanstieg am Wochenende schon wieder aufzeichnen konnte. Auch auf  der Nachbarinsel Kurungnagkh ist die Klimastation noch intakt. Allerdings interessieren sich leider nicht nur Forscher für Temperaturmessketten, sondern auch neugierige Arktistierwelt. Da kann es schon mal vorkommen den Verlust eines Sensors verzeichnen zu müssen.

Am 29. Juni wurde die bisher größte Auftautiefe von 22,5 cm zu diesem Zeitpunkt gemessen. Der bisherige Maximalwert aus dem Jahre 2006 lag bei 14,4 cm. Als Grund für diesen ungewöhnlich  starken Auftauprozess, von ca. 1/3 zusätzlich, kann eine extreme Warmphase während des arktischen Frühlings dieses Jahres angenommen werden.

Trotz der bis zum vergangenen Wochenende recht widrigen Witterungsverhältnisse ist die Brutsaison in vollem Gange bzw. hat teilweise ihren Höhepunkt schon überschritten. Die ersten Zwergstrandläufer haben ihr Nest verlassen und sind in den Weiten der Insel nicht mehr auffindbar, die Bachstelzen unterm Dach sorgen dafür, dass die Mückenpopulation in unmittelbarer Stationsnähe nicht ins Unermessliche steigt.

Beste Grüße von der Insel Samoylov im Lenadelta,
der Hausmeister

Expeditionsbericht 2011 Nr. 9 - 11.07.2011

Verehrte Leserschaft, liebe Daheimgebliebene,

mit Beginn der ersten Schönwetterphase dieses Expeditionsabschnitts verlassen die Küstenforscher Samoylov. Nach verregneten Tagen mit Temperaturen im mittleren einstelligen Bereich war uns ein Wochenende voller Sonnenschein vergönnt, was zu einem ausgiebigen Sonntagsspaziergang um die grünen- und blühende Insel inspirierte.

Nicht nur auf Grund der zahlreich genommenen Wasserproben senkte sich der Pegel der Lena beträchtlich, doch durch Filtration vor Ort und Rückführung der Proben ins Ökosystem wurde der natürliche Wasserkreislauf nur bedingt beeinflusst. Zusatzinformationen durch Satellitenaufnahmen können, als Folge des wolkenlosen Himmels der letzten beiden Tage genutzt werden, um weitere Informationen über das Delta einfließen zu lassen

Die CO2-Flüsse an der Eddy-Kovarianz Station zeigen seit Mitte Juni deutlich die Aktivität der Pflanzenwelt. CO2 wird der Atmosphäre entzogen und der Kohlenstoff wird in die ergrünende und blühende Vegetation eingebunden. Im Einzugsgebiet der Station ist seit dieser Woche nun auch ein Wehr installiert, das den Abfluss in die Überflutungsebene im Westen der Insel misst. Erste Messungen deuten auf einen relativ geringen Abfluss hin.  Lediglich 1 l/s  gibt das Einzugsgebiet  in die vorgelagerte Überflutungsebene ab.

Die automatischen Wetter- und Klimastationen haben den vergangenen Winter sehr gut überstanden. Trotz „gemeiner Mücken“ konnte ein ausgefallener Sensor an der Seestation ausgetauscht werden, sodass er den Temperaturanstieg am Wochenende schon wieder aufzeichnen konnte. Auch auf  der Nachbarinsel Kurungnagkh ist die Klimastation noch intakt. Allerdings interessieren sich leider nicht nur Forscher für Temperaturmessketten, sondern auch neugierige Arktistierwelt. Da kann es schon mal vorkommen den Verlust eines Sensors verzeichnen zu müssen.

Am 29. Juni wurde die bisher größte Auftautiefe von 22,5 cm zu diesem Zeitpunkt gemessen. Der bisherige Maximalwert aus dem Jahre 2006 lag bei 14,4 cm. Als Grund für diesen ungewöhnlich  starken Auftauprozess, von ca. 1/3 zusätzlich, kann eine extreme Warmphase während des arktischen Frühlings dieses Jahres angenommen werden.

Trotz der bis zum vergangenen Wochenende recht widrigen Witterungsverhältnisse ist die Brutsaison in vollem Gange bzw. hat teilweise ihren Höhepunkt schon überschritten. Die ersten Zwergstrandläufer haben ihr Nest verlassen und sind in den Weiten der Insel nicht mehr auffindbar, die Bachstelzen unterm Dach sorgen dafür, dass die Mückenpopulation in unmittelbarer Stationsnähe nicht ins Unermessliche steigt.

Beste Grüße von der Insel Samoylov im Lenadelta,

der Hausmeister

Expeditionsbericht 2011 Nr. 10 - 18.07.2011

Sehr geehrte Leserschaft, liebe Daheimgebliebene,
in dieser Woche glauben wir, während vorgewitterlicher Schwüle, die maximal mögliche Mückendichte erreicht zu haben. Ein Verfahren zur genauen Ermittlung dieser für uns, besonders im Felde wichtigen Daten, konnte bislang nur in Ansätzen realisiert werden. Die fast unerträgliche Mückenkonzentration am  vergangenen Dienstag wurde somit kurzer Hand zu 90% definiert, und seit dem liegen die minimal „gefühlten“ Werte bei ca. 40%. Aber es gibt ja Bug-Shirts, und selbst widrigste Arbeitsbedingungen stehen der Datenerhebung im Felde nicht im Wege.

So konnte unter besagten Bedingungen auf der Nachbarinsel Kurungnakh die Wetterstation mit reparierter Regenwippe wieder in vollem Umfang in Betrieb genommen und die Temperaturmesskette während einem schaukeligem Schlauchboot-Paddel-Abenteuer auf dem großen Alassee erfolgreich ausgelesen werden. Die Tachymetermessungen konnten nur Minuten vor einem kurzen jedoch heftigen Regenguss abgeschlossen werden. Somit sind nun 6 Polygone, 2 Transekte, 2 Permafrostmessfelder und beide Wehre genau eingemessen.

Mehrere Tage mit Lufttemperaturen über 20°C verhalfen den Methan-Emissionen zu neuen Rekordwerten der diesjährigen Messsaison. An der Eddy-Kovarianz-Station konnten mit 1 mg/m2 pro Stunde fast doppelt so hohe Flüsse als im bisherigen Frühsommer gemessen werden. Auch ist die Anzahl der Bodengasproben von Samoylov und Kurungnakh zur Altersdatierung des emittierten Kohlenstoffs stetig angewachsen. Des Weiteren konnten erfolgreich Bodenproben inklusive des oberflächennahen Permafrosts genommen werden, um daran die Zusammensetzung und die Stabilität der organischen Substanz zu studieren.

Die Woche klang mit einem Ausflug zum „De Long- Denkmal“ nach Amerika-Khaya aus, und des Abends, am freien Tag unserer Köchin, konnte ein Rentierbraten aus der Röhre gezaubert werden. Am heutigen Montag wurden vor unserer Eingangstür im Windschatten über 30°C angezeigt, die Wassertemperatur an der Badestelle im Fluß betrug zur selben Zeit 18,7°C, was nach getaner Arbeit bestimmt diesen oder jenen dazu bewegen wird, ein erfrischendes Bad zu nehmen. Zwischenzeitlich erfrischte ein Gewitter die Luft. Es ist immer wieder imposant in diesem Land der Horizonte, solche Ereignisse aus sicherer Entfernung oder mittendrin beobachten zu können. Nachdem der Pegel der Lena zwischenzeitlich um ca. 20 cm pro Tag fiel, steigt dieser in den letzten Tagen täglich um 6 bis 7 cm.

Das war´s in Kürze, und eben so schnell wie der Wochenbrief geschrieben wurde, änderte sich das Wetter. Die durchgezogene Gewitterfront brachte bei auf Nord gedrehtem Wind innerhalb von nur 15 min eine Niederschlagsmenge von 5,5 mm, eine Abkühlung um 15°C und außerhalb der Station sank die Mückendichte gegen Null. Das Bad in der Lena wurde vertagt.

Beste Grüße im Namen aller Expeditionsteilnehmer aus dem Lenadelta,
der Hausmeister.

Expeditionsbericht 2011 Nr. 11 - 25.07.2011

Sehr geehrte Leserschaft, liebe Daheimgebliebene,
jeder der in Erwägung zieht auf Samoylov arbeiten und gleichzeitig die unvergleichliche Blütenpracht erleben zu wollen, sollte den Expeditionszeitraum wenn möglich, auf den ersten Fahrtabschnitt bis ca. Mitte Juli festlegen. Schon jetzt stellt sich die Natur auf den Herbst um, und man könnte denken, dass der stürmische Wind aus Ost selbigen ankündigt. Doch mit Sicherheit wird der August noch schöne Tage für uns bereithalten. Für alle Fälle wurde jedoch unser Küchenherd auf die kältere Jahreszeit vorbereitet und frisch verputzt.

Auf eine konkrete Messung der Mückendichte wurde auf Grund ungeeigneter Messverfahren verzichtet, wir beschränken uns deshalb auf eine allabendliche Gruppenschätzung, die für diese Woche einen Maximalwert von 80% ergab und zum Ende der Woche gegen Null ging.

Ein Höhepunkt der vergangenen Woche war die sich alljährlich wiederholende Geburtstagsfeier zu Ehren des Hausmeisters. Geplant war ein Grillabend am Lenaufer, doch widrige Witterungsbedingungen veranlassten uns die Rentierstakes und den nicht genannt werden wollenden Fisch in der Küche zu zubereiten.

Am vergangenen Samstag wurde eine Auftautiefe des Permafrostes von durchschnittlich 41cm gemessen, 2010 war es zum selben Zeitpunkt der bisherige Maximalwert von 44cm. Mit 19,2°C konnte gestern das bisherige Temperaturmaximum dieses Jahres an der hauseigenen Badestelle in der Lena gemessen werden.

Zu unseren täglichen Aufgaben zählt die Bereitstellung frischer Fischfilets für unsere Köchin, da wir den hervorragenden Lenafisch auch gern grätenfrei genießen möchten. Um dem Ganzen auch noch einen wissenschaftlichen Hintergrund zu geben, werden den Fischen die Ortholithen (Gehöhrorgane) entnommen, um an Hand der Wachstumsraten Aussagen über die Produktivität des Gewässers treffen zu können.

Die Arbeiten der Kölner Wissenschaftlerin sind erfolgreich abgeschlossen. Sowohl auf Kurungnakh als auch auf Samoylov konnten von den unterschiedlichsten Polygon Zentren und Wällen emittierender Kohlenstoff auf Molekularsiebe gebracht werden, um diesen später mittels 14C-Analysen zu datieren. Nun warten gut 20 Gasproben und über 100 gefrorene Bodenproben des active layers und kleine Bohrkerne des obersten Permafrosts fertig verpackt in Kisten auf den Rücktransport nach Deutschland zur Weiterverarbeitung.

Mit der Abfahrt des Jungforschers der Uni Hamburg wird die Betreuung der Eddy-Kovarianz Station in neue Hände übergehen. So wird die Messperiode bis Mitte August verlängert. Am Ende der diesjährigen Expedition können dann mehrjährige Messreihen der Kohlendioxid- und Methanflüsse ausgewertet werden.

In den nächsten Tagen, bis zum Eintreffen der Expeditionsteilnehmer des zweiten Fahrtabschnitts, wird zwischenzeitlich auf Samoylov eine in diesem Jahr noch nicht gehabte Stille Einzug halten. Die Abfahrt von Silke und Manuel steht unmittelbar bevor, und Waldemar verlässt uns für einige Tage, um in Tiksi seinen Aufgaben nachkommen zu können. Den uns nun Verlassenden eine angenehme Heimreise und noch schöne Sommertage in gemäßigten Breiten.
Beste Grüße im Namen aller Expeditionsteilnehmer aus dem Lenadelta,
der Hausmeister

Expeditionsbericht 2011 Nr. 12 - 01.08.2011

Sehr geehrte Leserschaft, liebe Daheimgebliebene,
am vergangenen Mittwoch konnten Manuel, Silke und Waldemar nach einem aufregenden Wochenende die Insel verlassen. Wir hatten gerade begonnen die Ruhe zwischen den Expeditionsabschnitten zu genießen, als sich Waldemars Mütze am Küchenfenster zeigte. Die geplante Heimreise mit dem Schnellboot musste aufgrund der wetterbedingt unpassierbaren Lena und einem bis über den Freibord beladenem Boot zuerst verschoben und letztendlich abgebrochen werden. Zu allem Überfluss setzte auch noch ein Sandsturm ein, der uns drei Tage am Stück die Gesichter malträtierte. Die drei blieben uns somit noch zwei Tage länger erhalten, bis sie am Mittwoch schließlich mit dem Helikopter abreisen konnten. Schon einen Tag später trafen die Wissenschaftler der zweiten Etappe, wie oft bei Expeditionen leicht überstürzt und unerwartet, mit dem Helikopter ein. Ein fliegender Wechsel im wahrsten Sinne des Wortes. Gleichzeitig wurden Sasha und Yuri an der Kolymar ausgesetzt, um ein hydrologisches Messprogramm durchzuführen.

In den letzten Tagen haben sich die Neuankömmlinge ihre Arbeitsplätze eingerichtet und auch schon erste Feldarbeiten erledigt. Der Einstand konnte am Sonntag zusammen mit dem Geburtstag von Antonina gefeiert werden.

Die schwimmende Messstation auf dem Fishlake, welche letzte Woche erfolgreich in der Mitte des Sees platziert werden konnte, zog es vor sich während des Sturmes in sichere Gefilde am westlichen Ufer zurückzuziehen. Leider mussten wir den Verlust des Ankers verzeichnen, offensichtlich konnte der Sturm genug Kraft aufbringen, um das Stahlseil zu zerreißen.

Der Gaschromatograph konnte nach anfänglichen Zündungsproblemen der Flamme für die Detektion von Methan unter Jubelrufen in Betrieb genommen werden. Die noch vorhandenen Unstimmigkeiten werden mit Hochdruck und unter Einsatz aller verfügbaren personellen und technischen Ressourcen versucht zu beheben.

Die z.Z. spürbar zurückgegangene Mückendichte kommt den durchzuführenden Feldarbeiten sehr entgegen. Nach einem sonnigen Wochenende zeigt sich der heutige Montag, bei mäßigem Wind aus Ost, Wolken verhangen und kühl. Die Wassertemperatur in unserem Freibad hat ihr Maximum überschritten und betrug bei der letzten Messung 16,1°C.
Beste Grüße im Namen aller Expeditionsteilnehmer aus dem Lenadelta,
der Hausmeister

Expeditionsbericht 2011 Nr. 13 - 08.08.2011

Sehr geehrte Leserschaft, liebe Daheimgebliebene,
große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus. Am Ende der vergangenen Woche machte ein voll beladener Frachtkahn an Samoylovs Küste fest, zu dem sich binnen weniger Stunden ein zweiter gesellte, in Kürze folgen drei weitere. Auf Grund des geringen Wasserstandes gestalteten sich die anschließenden Entladearbeiten als nicht so trivial, doch in der Zwischenzeit ist auch dieses Problem gelöst, und eine befestigte Straße verbindet die Entladestelle mit dem höher gelegenen Inselkern.

Grund dieser Aktivitäten ist der Bau einer modernen russischen Forschungsstation auf Samoylov, welche im nächsten Jahr eingeweiht werden soll. Ca. 100 Bauarbeiter sorgen dafür, dass dieser Termin auch eingehalten wird. Neben der Erstellung der Infrastruktur ist mit ersten Bohrungen zur Fundamentgründung begonnen worden. Trotz der Komplexität der Arbeiten werden unsere Forschungsaktivitäten bislang nicht beeinträchtigt. Nur unsere Damen vermissen die freizügige Nutzung des Banyasees als willkommene Abkühlung zwischen den Saunagängen.

Bezüglich des Wetters brachte die letzte Woche wieder von Allem, was man hier auf Samoylov erwarten kann: Montags Abkühlung, am Dienstag Durchzug einer Kaltfront, die uns 41 mm Niederschlag bescherte. Unsere Zeltschläfer konnten am eigenen Leibe erfahren wie es wäre, unter einem Regenschirm in der Tundra zu nächtigen. Danach langsame Wetterbesserung mit spätsommerlichen Temperaturen und am Sonntag einsetzender stürmischer Wind und Abkühlung, was den Windgenerator dazu bewegte, das uns allseits gut bekannte Lied vom Sturme zu singen. Unsere russischen Kollegen mussten ihren geplanten mehrtägigen Arbeitsaufenthalt auf Kurungnakh wetterbedingt verschieben.

Ein Hubschrauberflug zur Kelemer, einem Nebenfluss des Olonyok, der dazu diente, unsere beiden Expeditionisten Sasha und Jury aus ihrem Arbeitsgebiet abzuholen und die im letzten Jahr aufgestellte automatische Wetterstation „Mitte“ abzubauen, konnte zur fotografischen Erfassung des Deltas entlang der Flugstrecke genutzt werden. Darunter auch einige schöne Aufnahmen unserer Trauminsel, womit die Dokumentation über die Veränderung der Küstenverläufe während der vergangenen acht Jahre vervollständigt wird. Erste Auswertungen ergaben, dass sich der rasante Rückzug des Steilufers vor unserer Haustür zwischen 2003 und 2008 während der vergangenen drei Jahre verlangsamte. Die abgebaute Wetterstation hatte über den Winter zuverlässig Daten gesammelt, doch leider mussten wir auch feststellen, dass gewisse Nager gesteigertes Interesse an speziellen Kabeln haben, andere jedoch vollkommen ignorieren. Somit können wir konkrete Angaben über Aktivitäten von Lemmingen nach dem Winterschlaf und deren bevorzugte Geschmäcker zu dieser Zeit ableiten.

Die am heutigen Tage gemessene Auftautiefe des active layer, der alljährlich auftauenden oberen Schicht des Tundrabodens, beträgt 50,18 cm. Der während der zehnjährigen Messungen maximal gemessene Wert aus dem Jahre 2008 betrug zu diesem Zeitpunkt 50,2 cm.
Beste Grüße im Namen aller Expeditionsteilnehmer aus dem Lenadelta,
der Hausmeister

Expeditionsbericht 2011 Nr. 14 - 15.08.2011

Sehr geehrte Leserschaft, liebe Daheimgebliebene,
mit Beginn der letzten Woche ist die Messung der samoylovschen Mückendichte aus Mangel an geeigneten Probanden für die Saison 2011 eingestellt worden. Ein drei Tage währender Sandsturm zu Wochenbeginn mag dazu beigetragen haben. Besondere Schwierigkeiten mit dem Treibsand hatten die russischen Bauarbeiter in ihrem an der Küste gelegenen Baucamp. Auch veranlasste dieser Sturm die mechanische Uhr des Hausmeisters dazu, stehen zu bleiben, was fatale Folgen für den Tagesablauf an der Station haben könnte, beginnend mit dem Einschalten des großen Weckers (Generator) morgens 07:30, um das gemeinsame Frühstück einzuläuten. Zur Zeit hält die, die gesamte Woche prägende Schlechtwetterperiode noch immer an, und die Temperaturen verharren im oberen einstelligen Bereich, bei meist mäßigem Wind. Die Wassertemperatur an der verwaisten Badestelle vor unserer Haustür ist in der Zwischenzeit auf 15 °C zurückgegangen.

Der uns seit Expeditionsbeginn begleitende Kummer mit dem auf dem Fishlake installierten, nicht am festgelegten Ort verharren wollenden Messfloß, hat nun auch ein Ende. 60 Kg massives Eisen geben der angreifenden Windlast wenig Möglichkeit unsere Messungen zu verfälschen.

Am vergangenen Mittwoch wurde mit dem Rückbau der im Entstehen gewesenen, neuen AWI - Forschungsbasis auf Samoylov begonnen. Tränenden Herzens musste sie den Fundamenten der im nächsten Jahr einzuweihenden russischen Arktisstation auf unserer Trauminsel weichen.

Seit Freitag entspricht die Forscherdichte an der Station etwa der während der Expedition maximal gemessenen Mückendichte. Mit einer Mi 8 schwebten AWI – Inspektoren und weitere Expeditionsteilnehmer des zweiten und letzten Fahrtabschnitts der diesjährigen Expedition auf der Insel ein. Besuche von Sardackh, Tit Ary und des Eiskomplexes auf der Nachbarinsel Kurungnakh prägten das Arbeitsprogramm der letzten drei Tage. Der Kurzbesuch des Inspektionsteams endet morgen mit einem Flug nach Arga, auf der dritten Terrasse im Nordwesten des Lenadeltas gelegen, wo gleichzeitig zwei automatische meteorologische Messstation geborgen werden müssen. Abschied nehmen fällt immer schwer, aber viele gute Eindrücke von Samoylov und Umgebung werden mit zurück in die Heimat gehen.
Beste Grüße im Namen aller Expeditionsteilnehmer aus dem Lenadelta,
der Hausmeister

Expeditionsbericht 2011 Nr. 15 - 22.08.2011

Sehr geehrte Leserschaft, liebe Daheimgebliebene,
unsere Stationsbesatzung ist nun wieder von 22 auf 15 Expeditionsteilnehmer zurückgegangen. Das AWI – Inspektionsteam hat uns verlassen. Da jetzt aber sämtliche Arbeiten im vollen Umfang laufen, ist der verfügbare Arbeitsplatz im Korridor und besonders in den Laboren sehr beengt. Dank der Kulanz aller Expeditionsteilnehmer ist jedoch weitgehend störungsfreies Arbeiten möglich.

Jedoch der Reihe nach: Die Abreise des Inspektionsteams wurde mit der Demontage zweier abzubauender automatischer Wetterstationen kombiniert. Bei Ankunft an der ersten Station offenbarten sich uns die ungestüme Kraft der Herbst- und Winterstürme. Die Station war aus den Verankerungen gerissen. Späteres Auslesen der gewonnenen Daten ergab, dass sich der Argamast am 26.08.2010 zwischen 10 & 20 Minuten nach 0 Uhr Samoylovzeit bei einer Windgeschwindigkeit von 10,8 m/s zur Ruhe gelegt hatte.

Die Station West lief trotz um 2/3 verminderter Energieressource über den gesamten Messzeitraum stabil. Zwei der drei Akkumulatoren für die Stromversorgung versehen ihren Dienst zweckentfremdet irgendwo in den Weiten des Lenadeltas.

Auf Grund schlechter Witterungsbedingungen hatten unsere Kurzbesucher die Möglichkeit noch einige Herbsttage in Tiksi, der Perle des Nordens hinter dem nördlichen Polarkreis, mehr oder weniger zu genießen.

Nach einer gewissen Auszeit ist die Frischfischversorgung an der Station wieder gewährleistet, und die Filetierung der im Angebot befindlichen Lenafische konnte wieder in den allgemeinen Arbeitsablauf aufgenommen werden. In der Zwischenzeit sind wir so weit, dass selbst die allseits beliebte Fischsuppe kopf- und grätenlos serviert wird, ja die Köchin weigert sich unvorbereiteten Fisch zu verarbeiten.

Der Dauerbrenner der Saison, das widerspenstige Floß, von welchem in vergangenen Wochenberichten schon des Öfteren die Rede war, trotzte zwar dem Eisgang des Frühlings und den Schneestürmen des Winters, doch den samoylovschen Herbststürmen war es nicht gewachsen. Einzelteile konnten am Westufer des Fishlake geborgen und das Puzzle wieder im Schweiße des Angesichts zusammengesetzt und seiner Bestimmung am vorgesehenen Orte überlassen werden.

Der Stationsneubau auf Samoylov schreitet weiter voran. Die Fundamente für Station und Nebengebäude sind gesetzt. Auf dem Platz, der für den AWI - Neubau vorgesehen war, wird in Kürze das Treibstofflager entstehen. Nun stellt sich dem Hausmeister die Frage, wo der Aufkleber mit der Inventar Nr. 66101, für das nun nicht mehr existierende Bauprojekt anzubringen ist. Das schlechte Wetter der vergangenen Woche ließ die Umschlagarbeiten weiteren Baumaterials vor Tiksi für den Stationsneubau von Hochsee- auf Flussschiffe ins Stocken geraten. In Kürze ist jedoch mit Nachschub zu rechnen.

Am vergangenen Sonntag wurde die während der vergangenen 10 Jahre bisher zu diesem Zeitpunkt maximal gemessene Auftautiefe ermittelt, die die aus dem Vorjahre um 0,9 cm überschreitet. Damit geht die Auftautiefe des Permafrostbodens mit der Erhöhung der Bodentemperaturen im Messgebiet und dem Temperaturtrand der Temperaturmesskette in der nahe gelegenen 27 m - Bohrung einher, während die Lufttemperatur sich im Jahresmittel in den vergangenen Jahren nur unwesentlich veränderte.

An den letzten Tagen stieg die Wassertemperatur der Lena auf Grund erhöhten Wassereintrages aus dem Süden von 15,0 auf 17,8 °C. Diese Veränderungen scheinen sich im Stationsbereich noch nicht herumgesprochen zu haben, da diese bislang nicht zur Wiedereröffnung der Badesaison führten. Ggf. steigert dieser Wochenbrief ja die diesbezügliche Motivation.

Nach einer stürmischen, verregneten Woche konnten wir gestern nach langer Zeit einmal wieder einen Sonntag, der diesen Namen verdiente, genießen.

Ein Eisbär im Expeditionscamp am Mammutovy Klyk führte zur Umsetzung dieser Gruppe nach Muastakh, einer stark durch Küstenerosion geprägten Insel östlich der Halbinsel Bykovsky.
Beste Grüße im Namen aller Expeditionsteilnehmer aus dem Lenadelta,
der Hausmeister

Expeditionsbericht 2011 Nr. 16 - 29.08.2011

Sehr geehrte Leserschaft, liebe Daheimgebliebene,

Die Zeit, zu der das Wasser zunehmend kälter aus der Wasserleitung kommt und bald seinen Fluss vollkommen einstellt, ist angebrochen. Ein Zeichen dafür, den Ort unserer saisonalen Expeditionstätigkeit zu verlassen. Die Seesäcke sind gepackt, unsere Fracht steht am Hubschrauberlandeplatz zur Verladung bereit. Die geplanten Arbeiten wurden in vollem Umfange abgeschlossen, die Station einer Grundreinigung unterzogen und es bleibt noch Zeit den Blick, bei schönem Herbstwetter, über die Weiten des Deltas schweifen zu lassen. Zur Mittagszeit des heutigen Montag soll uns der Hubschrauber in Richtung Tiksi bringen.

Soweit das Aktuelle, doch die vergangene Woche barg noch mehr Erwähnenswertes in sich.

Das Kollektiv besteht darauf, dass erwähnt wird: Der Hausmeister hat am Mittwoch dem 24.08.2011 verschlafen! Das zweite Mal während der letzten 10 Jahre, aber es war das Thema des Tages, bis Katya von ihrem abendlichen Spaziergang zurückkam und von einer angetriebenen Leiche berichten musste. Das wäre ja eigentlich schon genug um einen Wochenbericht auszufüllen, doch der Abend brachte noch eine zusätzliche Überraschung, denn unsere von den Bauarbeitern der benachbarten Baustelle restaurierte Sauna war angeheizt, um dem russischen Dampfbade zu frönen. So weit, so gut, doch nach einiger Zeit wurde es brenzlig, denn Rauchschwaden, die nicht dem Schornstein entwichen, zeigten sich über dem Dache, auch schlugen Flammen im Garraum aus der Decke und die Samoylovsche Freiwillige Feuerwehr musste im Adamskostüm und mit Eimern bewaffnet zur Brandbekämpfung ausrücken. Als alles unter Kontrolle war, hörte man aus sicherer Entfernung das Gelächter der Damenwelt, dank welcher diese Bewährungsprobe der Brandbekämpfungsgruppe Samoylov, unter zur Hilfename eines von der benachbarten Bauarbeitern gereichten Fernglases und geeigneten Superzooms, auch reichlich dokumentiert wurde.

In der Zwischenzeit sind die Schäden beseitigt und der normale Saunabetrieb ist wieder aufgenommen worden, was auch notwendig ist, da wir ab morgen ja mit dem in Tiksi zur Verfügung stehenden Wasser auskommen müssen.

Anfang der Woche konnten wir mit dem Ausbau eines 20 Fuß Containers zur Verbesserung der Lagerkapazität beginnen. Diese Arbeiten sind in der Zwischenzeit abgeschlossen, und unsere Lagerhaltung hat wesentlich an Übersichtlichkeit gewonnen.

Der Neubau der „Forschungsstation Samoylov“ ist leicht ins Stocken geraten, da sich wegen nicht zur Verfügung stehender Schlepper, so hört man, die Materialversorgung nicht kontinuierlich gewährleistet werden kann. Wir hätten gern schon mal die ersten Container des Neubauprojektes auf ihren Fundamenten stehen sehen, so müssen wir uns bis zum nächsten Jahr gedulden.

Die gestrige letzte Messung der Auftautiefe des Permafrostes während dieser Expedition ergab einen Mittelwert von 56,6 cm, womit die im Messzeitraum zu dieser Zeit maximal gemessene Tiefe des aufgetauten Permafrostes auf Samoylov um 1% überschritten wurde.

Dann war da noch der Sonnabend, es galt Serjogas Geburtstag zu feiern. Der grüne Salon wurde mit einer Eisbar aus nicht mehr benötigtem Probenmaterial ausgestattet und bei Schaschlik, den letzten Wodkareserven und ausgezeichneter kultureller Umrahmung gab es eine unvergessliche Geburtstagsfeier.

An dieser Stelle möchte sich der Hausmeister bei allen Teilnehmern der diesjährigen Expedition ins Lenadelta und allen, die diese Expedition unterstützten und ermöglichten, für den in jeder Hinsicht gelungenen Verlauf bedanken.

Am Donnerstag treten wir den Rückflug von Tiksi in Richtung Heimat an. Wir freuen uns auf Euch, die Ihr mehr oder weniger lang ohne uns auskommen musstet.

Beste Grüße im Namen aller Expeditionsteilnehmer aus dem Lenadelta und bis die Tage,

der Hausmeister