Lena Delta 2009

Fahrtbericht vom 23.-30. Juni 2009

Liebe Daheimgebliebene,

unsere diesjährige Sommerexpedition ins Lena-Delta begann am Morgen des 23. Juni mit dem Zusammentreffen der ersten Expeditionsteilnehmer am Flughafen Berlin Schönefeld. Die erste Gruppe bestand aus Julia Boike (Hydrologin), Konstanze Piel (Ingenieurin), Artur Zielke (Techniker, alle AWI Potsdam), Susanne Liebner (Mikrobiologin, ETH Zürich), Inken Preuss (Umweltwissenschaftlerin), Christian Knoblauch (Mikrobiologe), Peter Schreiber (Geograph) und Christian Wille (Ingenieur, alle Uni Hamburg). In Moskau wurden wir vom AWI-Logistiker Waldemar Schneider empfangen und mit der zweiten Expeditionsgruppe, bestehend aus Katya Abramova (Hydro-Biologin, Lena-Delta Reservat), Tonya Chetverova (Hydrologin, St. Petersburg Universität) und Grisha Solovyov (Hydro-Biologe, St. Petersburg Polytechnik), vereint. Am Nachmittag des 24. Juni erreichten wir Tiksi, wo sich schließlich Anna Urban und Sasha Sandakov (beide Geo-Kryologen, Permafrost Institut Yakutsk) zu uns gesellten.

Es stellte sich heraus, dass mit unserer Anreise auch der Sommer in Tiksi Einzug gehalten hatte. So nutzten wir nach Sichtung und Vorbereitung des Expeditions-Proviants und der Ausrüstung den Nachmittag des folgenden Tages für einen Ausflug auf einen nahe Tiksi gelegenen Berg, von wo aus sich ein herrlicher Rundblick über die noch zugefrorene Tiksi-Bucht und das karge, bergige Hinterland bot. Am 26. Juni flogen wir zusammen mit dem neuen Stationsleiter Sasha, der Köchin Luba, und etwa zwei Tonnen Proviant auf die Trauminsel Samoylov. Waldemar Schneider blieb in Tiksi zurück, um den noch ausstehenden Transport der wissenschaftlichen Ausrüstung von St. Petersburg zu organisieren.

Die ersten Tage auf Samoylov waren geprägt von hochsommerlichem Wetter, mit Höchsttemperaturen von bis zu 28°C und strahlendem Sonnenschein rund um die Uhr. Dabei liegen noch große Mengen Eisschollen an den Ufern der Inseln und auf den Sandbänken des Deltas, und sogar die Lena trägt noch eine beträchtliche Eisfracht gen Laptev-See. Nach unserer Ankunft wurde die Station mit vereinten Kräften auf Vordermann gebracht; es wurde geputzt, der Proviant wurde eingelagert, die ersten Ausrüstungsgegenstände ausgepackt, Feuerholz gesägt und gehackt, zusätzliche Betten aufgebaut und die Wasser- und Energieversorgung in Gang gesetzt. Am Samstag Abend heizten wir den verbeulten, aber sehr effektiven Banja-Ofen an und saunierten ausgiebig, wobei der noch teilweise eisbedeckte Banja-See mit 3.7°C Wassertemperatur die notwendige Abkühlung bot. An den Tagen ohne Banja (die leider in der Überzahl sind) bietet die Lena mit derzeit 15.6°C Wassertemperatur die Möglichkeit zum Wachwerden, zur Erfrischung und zur Körperpflege.

Obwohl die Fracht mit den wissenschaftlichen Geräten noch nicht zur Verfügung steht, sind alle mit vorbereitenden Arbeiten voll beschäftigt. So wurden neue Messfelder gesucht und gefunden, wissenschaftliche Geräte gewartet und umgebaut, und die gemeinsamen Arbeiten auf der Insel geplant. Schließlich wurde in einer gemeinsamen Anstrengung aller 14 Expeditionsteilnehmer ein 1000 Meter langes und 800 Kilogramm schweres Kabel vom Rande der Insel in deren Mitte gezogen. Das Kabel wird die zukünftige zentrale Stromversorgung mit einem 800m entfernten Messfeld verbinden. Auf diesem Feld werden verschiedene Messstationen aufgebaut, um grundlegende Daten über die Energie- und Treibhausgasflüsse zwischen Tundra und Atmosphäre zu erhalten. Auf dem neuen Messfeld fand bereits die erste Bohrung in den Permafrostboden statt.

Nach vier heißen Tagen auf der Trauminsel wurden wir heute Nachmittag von mehreren Gewitterwolken eingekreist, die starken Regen und damit die von allen ersehnte Abkühlung brachten. Damit gehen wir erfrischt in die zweite Expeditionswoche, die morgen mit dem Eintreffen unserer wissenschaftlichen Ausrüstung beginnen wird.

Herzliche Grüße von den sonnenverwöhnten Lena-Fahrern!

Fahrtbericht vom 1.-7. Juli 2009

Liebe Daheimgebliebene,

„Herzliche Grüße von den sonnenverwöhnten Lena-Fahrern!“ So verabschiedeten wir uns im letzten Fahrtbericht. Seitdem blieb uns allerdings das gute Wetter fern; das kalte, nebelige und windige Regenwetter mit Durchschnittstemperaturen weit unter 10 °C tat unserer guten Stimmung keinen Abbruch. Die wasserdurchlaessigen Stellen im Stationsdach und damit verbundene Wasserbeulen in eben diesem wurden ebenso von Artur repariert wie defekte Türen, Fenster und Wasserleitungen. Dann gab es zwei Hurra Erlebnisse: Am Donnerstag wurde die neue, dezentrale Stromversorgung (im Container nahe des Permafrostkellers) zum ersten Mal erfolgreich in Betrieb gesetzt. Und am Freitag trafen Waldemar und die Fracht ein, so dass das wissenschaftliche Programm ENDLICH mit voller Geräteauswahl begonnen werden konnte. Das Programm beinhaltet den Umbau und Wartung der Dauermessfelder mit neuen Datenloggern und neuer Energieversorgung, Inbetriebnahme einer 10 m hohen thermalen Infrarotkamera zur Messung der Oberflächentemperaturen und Aufbau eines 10 m hohen Eddy Kovarianz und Klimamastes.

Gemeinsam werden von allen Expeditionsteilnehmern vier hydrologisch unterschiedliche Polygone beprobt mit dem Ziel, die physikalischen und biogeochemischen Prozesse umfassend zu verstehen. Die Messungen beinhalten Sauerstoff-, CH4-, CO2-Konzentrationen, Bestimmung der Diversität des Zooplanktons und der benthischen Organismen, Probenentnahme von Wasser und Sediment für chemische Parameter. Ebenfalls erfolgt die Installation von Temperaturloggern in Bohrlöchern zur Messung von Tiefenprofilen.

In diesem Jahr werden erstmalig auch Sauerstoff-Tiefenprofile in unterschiedlichen Polygonzentren gemessen. Dabei zeichnet sich ab, dass in Polygonseen mit umfangreicher Moosvegetation Sauerstoff deutlich tiefer ins Sediment eindringt als in feuchten, von Carex dominierten Polygonzentren. Dort verschwindet der Sauerstoff innerhalb weniger Zentimeter bereits an der Sedimentoberfläche. Ein weiteres Experimentes untersucht den Einfluss von Strahlung auf die Aktivität Methan oxidierender Bakterien, die, so die Hypothese, an photosynthetisch aktive Moose assoziiert sind.

Ob eine unterbundene Einstrahlung zu einem Anstieg der Methankonzentration in besagter Moosschicht führen wird, bleibt abzuwarten. Fortsetzung folgt!

Unsere russische Kollegin Katya und die Studenten Tonya und Grisha beproben zusätzlich zu den Polygonzentren auch alle grösseren Seen auf Samoylov. Die zwei Studenten aus St. Petersburg begannen mit Tiefenmessungen der Seen. Während die „Thermokarstseen“ eine maximale Tiefe von ca. 7 m aufweisen (Fischsee), liegt die maximale Tiefe des Banja II Sees bei 15 Metern. Die Messungen in den grösseren Seen Samoylovs erfolgte in Kombination mit einer Probennahme für hydrochemische Analytik und zum Bestimmen von Artenzusammensetzung, Diversität und Biomasse des Zooplanktons und der benthischen Organismen. Ziel dabei ist unter anderem, den Einfluss vom Lenahochwasser im Frühling auf die limnischen Systeme Samyolovsm Abschluss soll auf eine wunderbare Nachbarschaft verwiesen werden, die uns tagtäglich erfreut und erstaunt: Die zum Vogelvolk. Ausnahmenachbarn wie Küstenseeschwalben werden dabei um der allgemeinen Harmonie willen nicht genannt. Überall nistet und kreischt es; ganz besonders in unmittelbarer Nähe zu unseren Stationshäuschen. Katja, Tonya und Grisha fanden zudem heute zum ersten Mal überhaupt aus Samoylov das Nest eines Schwanenpärchens. „It's a surprise“, meinte Katya. „Looks we live in very good symbiosis with the birds!!“

Herzliche Grüße von den Lena-Fahrern!