Interview mit Sebastian Sonntag, Dezember 2011

Sebastian Sonntag ist seit Juli 2009 Doktorand an der School of Integrated Climate System Sciences (SICSS). Er untersucht mit unterschiedlich komplexen Modellen biologische und physikalische Rückkopplungsprozesse in marinen Systemen.

Welches waren die bislang wichtigsten Stationen Ihrer wissenschaftlichen Laufbahn?

Ich habe an der Universität Freiburg und in Spanien an der Universidad Complutense de Madrid Physik studiert. Im Rahmen meiner Diplomarbeit im Bereich Theoretische Physik beschäftigte ich mich mit mathematischen Modellen für intrazelluläre Prozesse. Vor zwei Jahren bin ich dann nach Hamburg gezogen und habe mit meiner Promotion in der CliSAP-Forschungsgruppe „Fortentwicklung gekoppelter Klima-Ozean-Ökosystemmodelle“ begonnen, die am Institut für Hydrobiologie und Fischereiwissenschaft der Universität Hamburg angesiedelt ist.

Welchen Beitrag leistet Ihre Forschung in CliSAP?

In meiner Promotion untersuche ich biologisch-physikalische Rückkopplungsprozesse in marinen Systemen. Dabei arbeite ich mit unterschiedlich komplexen Modellen mit dem  Ziel das Ausmaß möglicher Auswirkungen von Rückkopplungsprozessen auf den oberen Bereich des Ozeans einschätzen zu können. So können wir beurteilen, welche Prozesse wir bei Ozean-Modellen berücksichtigen müssen, um in Klimaszenarien zukünftige Veränderungen angemessen zu erfassen.Ich bin von Haus aus Physiker, hatte aber so gut wie keine Vorkenntnisse im Bereich Ozeanographie. Zudem hatte ich bereits Erfahrung mit der mathematischen Beschreibung biologischer Prozesse, nicht aber mit der Modellierung von Ökosystemen. Ich betrachte daher Dinge oft aus einem anderen Blickwinkel und bringe hilfreiche ergänzende Methoden ein. Daher glaube ich, dass ich sowohl in unserer Arbeitsgruppe als auch in CliSAP viel beitragen kann.

Und inwiefern hat CliSAP Ihnen besonders geholfen?

Mir gefällt der Ansatz, viele Disziplinen zusammenzubringen, um das Erdsystem als Ganzes zu verstehen. CliSAP bietet die besondere Gelegenheit, mit Experten der unterschiedlichsten Forschungsgebiete zusammenzuarbeiten und von ihnen zu lernen. Ich muss jedoch sagen, dass auch eine gute Portion Eigeninitiative gefragt ist, um die benötigte Hilfe zu bekommen. Ich persönlich profitiere sehr von Kontakten zu anderen Institutionen innerhalb von CliSAP, die sich mit Ozean- und Klimamodellierung beschäftigen. Außerdem sind auch die IT- und Computer-Einrichtungen des Central IT Services und des Deutschen Klimarechenzentrums eine große Hilfe für meine Forschung.

Wie sieht die derzeitige Situation der CliSAP Doktoranden aus?


Während meiner Zeit als Doktorandensprecher der School of Integrated Climate System Sciences (SICSS) habe ich erfahren, dass viele CliSAP-Doktoranden vor allem die Möglichkeit zum Austausch und zur Kontaktpflege mit anderen Doktoranden schätzen. Auch mit der finanziellen Unterstützung und dem Advisory Panel System sind die Studenten zufrieden. Für Letzteres bzw. für die unterstützenden Strukturen im Allgemeinen sollte die Graduiertenschule jedoch klar die Richtlinien kommunizieren und sicherstellen, dass sowohl die Studierenden als auch Betreuerinnen und Betreuer diesen Richtlinien folgen. Außerdem fehlt weitgehend eine allgemeine Orientierung, die den Doktoranden eine Übersicht über die verschiedenen Forschungsfelder verschafft, die CliSAP abdeckt. Letztlich darf an dieser Stelle aber nicht vergessen werden, dass interdisziplinäre Projekte natürlich an sich Probleme der Orientierung bergen. Es ist ein anspruchsvolles und ehrgeiziges Ziel, die Vielfalt an Forschungsthemen zu vereinen. Die ersten Schritte wurden dabei sicherlich bereits getan.

Warum haben Sie sich für eine wissenschaftliche Laufbahn entschieden und warum für Ihren speziellen Arbeitsbereich?


Meine ersten Berührungspunkte mit der Wissenschaft hatte ich bereits bevor ich nach Hamburg kam. Zwei Jahre lang war ich Teil einer  sehr dynamischen und interdisziplinären Forschungsgruppe. Wissenschaftlich zu arbeiten hat mir sehr gefallen und ich war fasziniert davon, wie die Mathematik wesentlich zum Verständnis natürlicher Phänomene beitragen kann. Während ich nach einem Forschungsfeld suchte, in dem ich mathematische Modellierung, Biologie und Physik miteinander kombinieren konnte, stieg mein Interesse für die Klimawissenschaften und konkret für Fragen rund um die Modellierung des Erdklimas. Als ich von der Ausschreibung der Doktorandenstelle erfuhr, die meine Interessensschwerpunkte perfekt verband, war meine Freude entsprechend groß.

Für welche Forschungszwecke würden Sie eine Million Euro verwenden?


Auch wenn mir eine Einschätzung schwer fällt, wie viel man wirklich mit einer Million Euro erreichen könnte, würde ich wahrscheinlich einen Großteil für die Entwicklung und Anwendung theoretischer Konzepte in den Erdsystemwissenschaften ausgeben. Dabei würde ich mich für Themen interessieren, die sich mit der Vorhersagbarkeit und Multistabilität von Modellen unterschiedlicher Komplexität beschäftigen, ebenso  mit der Quantifizierung von Modell-Unsicherheit. Einen Teil des Geldes würde ich darüber hinaus in Forschung investieren, die sich mit der Frage auseinandersetzt, wie sich die Unsicherheit von wissenschaftlichen Ergebnissen an die Öffentlichkeit kommunizieren lässt. Ein anderer Bereich, für den ich Geld ausgeben würde, ist die Entwicklung von Erdsystemmodellen sowie Rechenzeit für Langzeit-Klima-Simulationen. Auch wäre es sinnvoll, in die Qualitätskontrolle hoch aufgelöster Beobachtungen biogeochemischer und physikalischer Variablen des Meeres zu investieren. Allerdings befürchte ich, dass ich an dieser Stelle schon kein Geld mehr zur Verfügung hätte.Was glauben Sie, welche Rolle die Wissenschaft in der Gesellschaft spielt?Kurz gesagt, denke ich, dass Wissenschaft der Gesellschaft dabei helfen sollte, Wissen über und Verständnis von der Welt zu erlangen. Darüber hinaus sollte Wissenschaft zum gesellschaftlichen Wohlergehen beitragen. Nichtsdestotrotz sollte es jedoch immer auch einen Bereich der Wissenschaft geben, dessen Motor weder Anwendbarkeit oder Nützlichkeit, sondern vielmehr Neugierde ist.  

Findet eine Politisierung der Klimawissenschaften statt?


Ja, auch wenn ich nicht sicher bin, ob diese noch weiter voranschreitet. Ich denke, Klimawissenschaftler sollten ihre Ergebnisse sachgemäß kommunizieren und darüber aufklären, welche Fragen tatsächlich von der Wissenschaft beantwortet werden können. Da eine angemessene Kommunikation mit der Öffentlichkeit und politischen Entscheidungsträgern oft problematisch ist, plädiere ich für eine offene Debatte und Forschung darüber, wie man dies angemessen umsetzen kann. Schlussendlich ist es wichtig, Klimawissenschaftler darin zu schulen, ihre wissenschaftliche Perspektive dem Laien erklären zu können. Dies sollte bereits zu einem frühen Zeitpunkt der wissenschaftlichen Karriere stattfinden.

Was macht „gute“ Wissenschaft aus?

Im ethischen Sinne „gut“ ist eine Wissenschaft, die sich keinerlei Fehlverhalten erlaubt. Im Sinne von „exzellent“ bin ich der Meinung, dass Wissenschaft  in erster Linie innovativ, kritisch und bedeutsam ist sowie angemessen kommuniziert werden muss. Zudem denke ich, dass man kein Genie sein muss, um „gute“ Wissenschaft zu leisten. Vielmehr benötigt ein Wissenschaftler eine große Portion Enthusiasmus, Freude, Neugierde, ein wenig Ruhe und schlussendlich strukturiertes und logisches Denken.

Was möchten Sie gerne beruflich in 10 Jahren tun?
Ich würde gerne einer Arbeit nachgehen, die mir Spaß macht…

Das Interview wurde von geführt von Prof. Dr. Mike S. Schaefer, Leiter der Arbeitsgruppe "Media Constructions" am Exzellenzcluster CliSAP und Prof. Dr. Hans von Storch, Leiter des Instituts für Küstenforschung am Helmholtz-Zentrum Geesthacht.