Interview mit Michael Brzoska, September 2011

Michael Broszka ist seit 2006 wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg. In CliSAP beschäftigt er sich mit der Sicherheits- und Konfliktforschung vor dem Hintergrund des Klimawandels.

Profile Picture Michael Brzoska

Was waren in Ihrer bisherigen Laufbahn die wichtigsten Etappen?

Nachdem ich an den Universitäten in Hamburg und Fribourg (Schweiz) Volkswirtschaftslehre und politische Wissenschaften studiert habe, arbeitete ich als Projektmitarbeiter und Nachwuchswissenschaftler am Deutschen Institut für Afrikakunde sowie am Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik der Universität Hamburg. Dort entstand mein Interesse für Themen, die mit dem internationalen Waffenhandel und der Rüstungsindustrie in Verbindung stehen. Auch meine ersten akademischen Arbeiten wurden in dieser Zeit veröffentlicht. Im Jahr 1983 wurde ich Mitglied im Forschungsteam für Waffenhandel und Rüstungsindustrie am International Peace Research Institute in Stockholm, das bereits damals auf diesem Gebiet weltweit führend war. Ende der 80er Jahre kehrte ich an die Universität Hamburg zurück, um als Hochschulassistent im Fachbereich Politische Wissenschaft zu arbeiten und lehrte dort internationale Beziehungen. 1993 wechselte ich dann zum damals neu gegründeten Internationalen Konversionszentrum nach Bonn, das Forschung und Beratung vereint. Verschiedene Akteure wie internationale Organisationen und örtliche Gemeinden nahmen die Beratung in Anspruch. Während ich mich zunächst auf Methoden konzentrierte, die nach dem Ende des Kalten Krieges in Europa eine "Friedensdividende" sicherten, beschäftigte ich mich später auch mit Nachkriegssituationen auf der ganzen Welt. Im Jahr 2006 kehrte ich erneut nach Hamburg zurück und leite seitdem das Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik. Neben meinen Führungsaufgaben setze ich hier meine Forschung zu wirtschaftlichen und politischen Ursachen und Folgen von Krieg und Frieden fort.

Welchen Beitrag leisten Sie gegenüber CliSAP?


Ich versuche, meine Qualifikation und das Wissen, das ich in meiner bisherigen beruflichen Laufbahn sammeln konnte, in CliSAPs Forschung zu den Folgen des Klimawandels einzubringen. Dies geschieht in der Arbeitsgruppe "Klimawandel und Sicherheit", die ich mitleite. Hier betreue ich auch zwei Doktorarbeiten. Zusammen mit meinen Kollegen Martin Kalinowski und Jürgen Scheffran habe ich eine Vielzahl nationaler und internationaler Konferenzen zum Klimawandel und bewaffneten Konflikten sowie zu allgemeineren Themen im Kontext menschlicher Sicherheit organisiert. Ich habe mithilfe des Konzepts der "Securitization" (Versicherheitlichung)1 zum Teil in Zusammenarbeit mit Angela Oels Grundlagenforschung darüber betrieben, in wieweit der Klimawandel eine Sicherheitsproblematik darstellt. Zurzeit untersuche ich, wie sicherheitsbezogene Institutionen, insbesondere das Militär, zum Klimawandel stehen und wie man sich dort auf die bevorstehenden Folgen vorbereitet.

Und anders herum gefragt, auf welche Weise konnte CliSAP Sie am meisten unterstützen?


CliSAP hat es mir ermöglicht, meine frühere Arbeit auszuweiten. Das war besonders spannend für mich, denn der Klimawandel ist ganz typisch für ein "neues" Verständnis von Sicherheit, das sich seit dem Ende des Kalten Krieges entwickelt hat. Geprägt ist diese Auffassung eher von "Risiken" als klar erkennbaren Bedrohungen – oft verbunden mit einem hohen Maß an Ungewissheit über ihre Entstehung. Andererseits ist dieses Verständnis auch von einer weitreichenden Sicht darüber beeinflusst, was Unsicherheit begründet – weit über traditionelle Meinungen zu Krieg und anderen Formen organisierter Gewalt sowie Gefahren für Leben und Existenz von Individuen hinaus ("menschliche Sicherheit"). Darüber hinaus sind durch CliSAP meine Kontakte zu Kollegen gestiegen, die sich für ähnliche Fragestellungen interessieren, jedoch aus anderen Fachbereichen bzw. von einem anderem thematischen Hintergrund kommen. Schließlich habe ich auch recht viel über Themen gelernt, die mit dem Klimawandel verknüpft sind. Dies hilft mir heute dabei, Fehler und Missverständnisse bei meiner eigenen Arbeit zu vermeiden.

Worin sehen Sie die bisher größte Errungenschaft von CliSAP?

Ich kann Ihnen diese Frage nicht wirklich beantworten. Mir fehlt dazu einfach der nötige Einblick in viele Forschungsthemen und Fachbereiche von CliSAP. Ich habe den Eindruck, dass CliSAP ziemlich große Fortschritte gemacht hat, die Aspekte des Klimawandels umfassend zu erforschen. Zu den Sozialwissenschaften kann ich Ihnen mehr sagen. Hier gibt es noch große Lücken, aber CliSAP ist es gelungen, viele Kollegen für das Thema zu begeistern.

Worin sehen Sie die Rolle der Friedens- und Sicherheitsforschung in Rahmen der Klimawissenschaft?

Ich kann drei verschiedene Ansätze erkennen, wie die Friedens- und Sicherheitsforschung einen Beitrag zur Forschung über den Klimawandel und seine Folgen leisten kann. Der erste besteht darin, eine bestimmten Art potenzieller Folgen des Klimawandels zu untersuchen, nämlich die Verbindungen zwischen Umweltzerstörung und natürlicher Ressourcenknappheit, menschlicher Unsicherheit und gewaltsamer Konflikte. Dabei handelt es sich um ein besonderes Gebiet der Friedens- und Konfliktforschung, das bisher nur wenig fundierte Erkenntnisse liefern konnte. Das ist wichtig wegen des zweiten Beitrags, den die Friedens- und Sicherheitsforschung zu leisten versucht: zukünftige Gewalt und menschliche Unsicherheit in einem Modell abzubilden, das auf Vorhersagen zum  physikalischen Klimawandel und seinen Folgen für die Umwelt basiert. Noch gibt es relativ wenig Kompatibilität zwischen den Methoden und Ansätzen, welche in der Konfliktforschung zum Einsatz kommen, im Vergleich zu denen, die von Klimaforschern verwendet werden. Hier gibt es Annäherungsbedarf. Zuletzt untersuchen wir die möglichen Implikationen des Klimawandels im Hinblick auf die Sicherheit. Zum Beispiel, ob diese – wie auch in anderen politischen Bereichen – eine zunehmende Rolle für das Militär und andere Sicherheitseinrichtungen spielen.

Was erachten Sie als die bedeutendste Leistung in ihrer beruflichen Karriere?


Formal gesehen, die Tatsache, dass ich heute das Institut leite, an dem ich als Projektmitarbeiter meine Laufbahn begonnen habe. Im Hinblick auf meinen Beitrag zur akademischen Forschung würde ich meine wirtschaftspolitische Arbeit zu Waffenhandel und der Rüstungsindustrie nennen. Am spektakulärsten war wohl meine Teilnahme (als Sachverständiger) an einer Debatte über Waffenembargos beim Sicherheitsrat der Vereinten Nationen im Jahr 2001.

Sehen Sie sich als Vorbild für Ihre Studenten?

Keine Ahnung. Ich hoffe jedenfalls, dass meine Studenten meine Laufbahn nicht als ein Musterbeispiel dafür ansehen, wie man Leiter des Instituts wird, an dem man seine berufliche Karriere begann. Mein Werdegang war eher untypisch und ungeplant, vielmehr gelenkt von meinen Interessen für bestimmte Themen. Ich hätte niemals gedacht, dort hinzugelangen, wo ich heute stehe. Andererseits hoffe ich, dass Studenten ein starkes Interesse für bestimmte Themen entwickeln, auch wenn sie nicht wissen, wo sie dies in ihrer Laufbahn hinführt. Wenn mein persönlicher Fall die Hoffnung weckt, dass man in seiner akademischen Laufbahn am Ziel ankommen kann, ohne einem ausgetretenen Pfad zu folgen, so macht mich das glücklich. 

Worin sehen Sie die Rolle der Wissenschaft in der Gesellschaft?

Die Wissenschaft spielt viele Rollen in der Gesellschaft, manchmal auf ergänzende Weise und manchmal auch gegensätzlich. Eine davon zeigt Wege auf, um mit Problemen umzugehen, denen die Gesellschaft gegenübersteht, wie beispielsweise die Folgen der Erderwärmung. Die andere öffnet der Gesellschaft die Augen, damit sie erkennt, was sie sich antut, zum Beispiel durch den vermehrten Ausstoß von Treibhausgasen. Die dritte Rolle besteht darin, über Alternativen zu derzeitigen Gewohnheiten nachzudenken – zum Beispiel, wie wir mit dem Problem der steigenden Treibhausgasemissionen umgehen.

Können Sie einen zunehmenden Einfluss der Politik beziehungsweise der Wirtschaft auf die Klimaforschung feststellen?

Es scheint mir, dass der Einfluss eine ganze Zeit lang sehr stark gewesen ist. Mein Eindruck ist jedoch, dass es Zyklen des Einflusses gibt und weniger einen allgemeinen Trend. Manchmal wird dies durch die Wissenschaft forciert, zum Beispiel durch Sachstandsberichte des IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change) oder durch neue Berichte, wie den STERN-Report. Manchmal geschieht dies auch durch Politiker, wie zum Beispiel im Rahmen der "Klima und Sicherheit" Debatte im Jahr 2007/8, die sich durch die Suche nach starken Argumenten gegen die Klimawandel-Verleugnungspolitik der US Regierung ergab.

Ist es erforderlich, dass Wissenschaftler direkt auf Politiker und politische Institutionen zugehen?

Vielleicht nicht direkt erforderlich, aber im allgemeinen doch hilfreich bei Themen, über die Politiker schlecht oder nur wenig informiert sind. Zeit und Aufmerksamkeit sind in der Politik sehr knappe Ressourcen. Renommierte und ideenreiche Wissenschaftler besitzen ein Zahlungsmittel, welches Aufmerksamkeit kaufen kann. Jedoch müssen sie sich darüber im Klaren sein, dass dieses Zahlungsmittel an Wert verlieren kann, wenn sie es übertreiben.

Was begründet gute Wissenschaft?

Max Weber hat einmal geschrieben, dass das Ziel eines Wissenschaftlers darin besteht, zu versuchen, seine eigenen Forschungsergebnisse zu widerlegen. Somit ist gute Wissenschaft eine kritische Wissenschaft, auch im Bezug auf Dinge, die man selbst erforscht hat.

Was wäre Ihr Rat für junge Forscher, die zu Klimawandel und Sicherheit forschen möchten?


Sie sollen nicht denken, dass dies auf weite Sicht ein großes Forschungsgebiet darstellen wird. Sie sollten sich eine gute Grundausbildung im Bereich der Friedens- und Konfliktforschung sowie weiteren Fachbereichen aneignen, die einen direktem Bezug zu den Folgen des Klimawandels haben: beispielsweise Geografie, Hydrologie oder Meteorologie. Auch Feldstudien zu einen bestimmten Fall oder Fallgruppen wären hier mein Rat!

Was würden Sie mit einer zusätzlichen Million Euro für Ihre Forschung tun?


Da würde es mir sehr schwer fallen, mich zwischen einer Vielzahl von Ideen entscheiden zu müssen. Eine Idee wäre, einige tiefgehende Vergleichsstudien über den Einfluss der Umweltveränderung auf gewaltsame Konflikte in der Sahelzone zum Zeitpunkt der großen Dürre in den späten 70er / frühen 80er Jahren zu fördern. Eine andere Idee wäre, eine Forschungsgruppe für überregionale Migration, die durch die Umwelt herbeigeführt wurde, aufzustellen und dabei Friedens- und Konfliktforscher mit Migrationsexperten zusammenzubringen. Eine dritte Idee: Eine große Studie ins Leben zu rufen, die sich mit den Auswirkungen von Naturkatastrophen beschäftigt. Das Ziel: herauszufinden, wie Konflikte nach solchen Katastrophen verhindert werden können und wie man damit umgehen kann.

Das Interview wurde geführt von Prof. Dr. Mike S. Schaefer, Leiter der Arbeitsgruppe "Media Constructions" am Exzellenzcluster CliSAP und Prof. Dr. Hans von Storch, Leiter des Instituts für Küstenforschung am Helmholtz-Zentrum Geesthacht. 

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1 Weitere Informationen zum Thema z.B.: M. Brzoska (2009): The Securitization of Climate Change and the Power of Conceptions of Security, Sicherheit und Frieden, 27 (3), S. 137-145.