Interview mit Jun.-Prof. Dr. Johanna Baehr, April 2011

Johanna Baehr ist seit Januar 2009 als CliSAP Juniorprofessorin am Exzellenzcluster tätig. Sie ist Leiterin der Nachwuchsforschungsgruppe „Climate System Data Assimilation“.

Was sind bislang die Hauptstationen Deines beruflichen Werdegangs?
Nach dem Studium der Meereskunde an der Universität Kiel und an der University of Southampton (UK) habe ich im Rahmen meiner Doktorarbeit in Southampton und am Max-Planck-Institut für Meteorologie hier in Hamburg geforscht. Anschließend war ich als Postdoc am Massachusetts Institute of Technology (MIT) (USA) und bin jetzt als CliSAP-Juniorprofessorin zurück in Hamburg.

Worin besteht Dein Hauptbeitrag zu CliSAP?

Ziel meiner Arbeit ist es, Klimamodelle mit Beobachtungen zu verbinden. In erster Linie, um Klimavorhersagen aus einer „informierten“ Ausgangsposition heraus zu ermöglichen. Genauer gesagt: saisonale-bis-zwischenjährliche Vorhersagen, initialisiert sowohl in der Atmosphäre als auch im Ozean.

Und umgekehrt, wie hat CliSAP Dir am meisten geholfen?
CliSAP – oder im weiteren Sinne die Einrichtungen, die CliSAP zusammenbringt – bietet eine höchst anregende Forschungsumgebung. Meine Gruppe profitiert sehr von den zahlreichen Disziplinen innerhalb von CliSAP und der Mischung aus jungen und erfahrenen Wissenschaftlern um uns herum.

Wie ist die gegenwärtige Situation für Frauen in den Klimawissenschaften?
Seit einigen Jahren schließen Studentinnen und Studenten in ungefähr gleicher Zahl ihre Promotion ab – die aktuellen Studierendenzahlen in beiden CliSAP Graduiertenschulen spiegeln das wider. Schon auf dem PostDoc-Level ändert sich die Situation jedoch stark: Die CliSAP-PostDoc-Liste enthält zu ungefähr 20% weibliche PostDocs. Wir sind zwar weit gekommen, haben aber offensichtlich noch immer einen weiten Weg vor uns.

Was würdest Du Frauen empfehlen, die eine Karriere in der Klimawissenschaft in Erwägung ziehen?
Wenn Klimawissenschaft Dich interessiert, dann lass dich durch die niedrige Zahl etablierter Wissenschaftlerinnen nicht von einer Karriere in den Klimawissenschaften abhalten. Es ist ein sehr spannendes Gebiet mit vielen Möglichkeiten. Du musst allerdings proaktiv sein: Scheue dich nicht herauszufinden, was du wirklich willst, plane voraus und sei flexibel genug, deine Pläne bei Bedarf zu ändern.Und noch eine persönlichere Bemerkung: Wenn du vorhast, Kinder zu bekommen und gleichzeitig wissenschaftlich zu arbeiten, geh für einige Zeit ins Ausland, um zu erleben, dass es weder in der Gesellschaft noch in der akademischen Welt für Männer oder Frauen als seltsam angesehen wird, mit Kindern Vollzeit zu arbeiten. Bewahre Dir dieses Gefühl.

Betrachtest Du Dich als Vorbild für junge Studentinnen?
So nehme ich mich nicht wahr. Ich bin allerdings davon überzeugt, dass es genau das ist, was wir brauchen: Sehen, dass es das gibt. Als ich während der zweiten Hälfte meiner Promotion ein Vorbild suchte, habe ich schließlich Bücher über Frauen gelesen, die erfolgreich Mutterschaft mit einer wissenschaftlichen Karriere verbunden haben. Es waren diese Geschichten, die mich ermutigt haben, mit einem sechs Wochen alten Baby im Schlepptau ans MIT zu gehen, während mein Mann weiter in Hamburg arbeitete.

Wie ist es, nachdem Du Deine Doktorarbeit erst vor ein paar Jahren verteidigt hast, jetzt selber die Verantwortung für Doktoranden und Doktorandinnen zu übernehmen?
Wirklich spannend!

Was würdest Du mit einer zusätzlichen Million Euro für ihre Forschung machen?
Keine Einschränkungen? Ich fürchte, die ehrliche Antwort klingt etwas technisch… Ich würde das Geld in Modellentwicklung investieren – in die Implementierung riskanterer und zeitaufwändigerer Sachen als üblich. Und ich wäre versucht, mir Zeit zu erkaufen, um mehr eigene Forschung betreiben zu können. Ganz oben auf meiner Wunschliste wäre eine selbstverkürzende To-do-Liste für gewisse administrative Aufgaben, ein Beschleuniger für ‘unproduktive Treffen’, apparieren zwischen ZMAW und Grindelberg, und eine Kindertagesstätte bei CliSAP.

Was denkst Du, ist die Rolle der Wissenschaft in der Gesellschaft?
Wissen zu erzeugen – als Basis für Innovation aber nicht minder schlicht als Wissen. Und um der Gesellschaft Einblicke zu vermitteln – zusammen mit den dazugehörigen Unsicherheiten. Für mich endet die Wissenschaft dort, wo die Bewertung von Unsicherheiten und Entscheidungen – d.h. Politik – anfangen.

Wird die Klimawissenschaft politisiert?
Ja. Und ich halte es für wichtig, dass einige Wissenschaftler sich aktiv am politischen Prozess beteiligen und auch regelmäßig mit den Medien kommunizieren. Wesentlich für mich ist, dass wir eine klare Unterscheidung zwischen wissenschaftlichen Ergebnissen und politischer Strategie oder persönlicher Meinung treffen sollten.

Worin besteht „gute“ Wissenschaft?
In nullter Ordnung: Gute wissenschaftliche Praxis, obwohl das selbstverständlich sein sollte. Darüber hinaus heißt gute Wissenschaft, den Sachen auf den Grund zu gehen und neuartige Ansätze zu verfolgen. Manchmal bedeutet das Sackgassen; andere Male sprühende Ideen – und überraschende Ergebnisse.

Beruflich gesehen, wo siehst Du Dich in zehn Jahren?
Ist das hier ein Vorstellungsgespräch …?

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z.B. Nikola Biller-Andorno et al. (eds), Karriere und Kind: Erfahrungsberichte von Wissenschaftlerinnen, Frankfurt am Main & New York: Campus, 2005.


Das Interview wurde geführt von Prof. Dr. Hans von Storch, Leiter des Instituts für Küstenforschung am Helmholtz-Zentrum Geesthacht und von Jun.-Prof. Dr. Mike S. Schäfer, Leiter der Arbeitsgruppe ‘Media Constructions of Climate Change’ am Exzellenzcluster CliSAP.