Interview mit Dr. Jin-Song von Storch, July 2011

Dr. Jin-Song von Storchleitet die Arbeitsgruppe „Statistik des Ozeans“ am Max-Planck-Institut für Meteorologie und ist leitende Wissenschaftlerin am Exzellenzcluster CliSAP.

Profile Picture Jin-Song von Storch

Wann und warum haben Sie sich entschieden, wissenschaftlich in Deutschland zu arbeiten?

Zu der Zeit, als ich meine Promotion beendete, hatte ich keine klare Vorstellung von der Situation in China. Nachdem ich neun Jahren in Deutschland verbracht hatte, war es völlig naheliegend, hier zu bleiben.

Was sind bislang die Hauptstationen Ihres beruflichen Werdegangs?

Meine Habilitation und das Heisenberg-Programm1, das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft vergeben wird, hatten maßgeblichen Einfluss auf meine wissenschaftliche Karriere. Seit 2004 bin ich Senior-Wissenschaftlerin am Max-Planck-Institut für Meteorologie.

Worin besteht Ihr Hauptbeitrag zu CliSAP?

Innerhalb des STORM-Projektes (einem Konsortial-Projekt mit dem Ziel, hoch aufgelöste Klimawandel-Simulationen zu entwickeln) sind wir gerade dabei, eine Zehntel-Grad-Simulation des Ozeans für die letzten sechs Dekaden abzuschließen. Die Simulation beinhaltet einige neue Merkmale und ist weltweit eine von sehr wenigen Simulationen dieser Art. Sie stellt eine wichtige Datenbasis für eine große Anzahl von Forschungen zum Ozean innerhalb von CliSAP bereit. In diesem Jahr erwarten wir eine Simulation der gleichen Art für die Atmosphäre, mit ähnlichem Einfluss auf die Atmosphären-Forschung.

Und umgekehrt: Wie hat CliSAP Ihnen am meisten geholfen?

Die starke finanzielle Unterstützung durch CliSAP ist extrem wertvoll für das STORM-Projekt.

Was sind Ihrer Meinung nach die bislang größten Erfolge von CliSAP?

CliSAP ist es gelungen, Menschen verschiedener Fachrichtungen und Institute zusammenzubringen. Schwieriger ist es, mehr in die Tiefe gehende, wissenschaftliche Kooperationen auf die Beine zu stellen.

Denken Sie, dass Sie ein Vorbild für Ihre Studenten sind?

Ich betrachte mich selbst nicht als ein Vorbild. Menschen machen unterschiedliche Erfahrungen. Aber eine gute Mischung aus Entschlossenheit, Fleiß und Glück hilft.

Was ist der bedeutendste Erfolg Ihrer Karriere?

Ich neige dazu, mich für die jüngsten Ergebnisse am stärksten zu begeistern. Das trifft jetzt auf jeden Fall zu. Das hoch aufgelöste Klimamodell hilft mir, etwas über bestimmte Arten von Wellenprozessen zu lernen, von denen man bisher in der Ozeanografie nicht viel wusste. Aber nicht nur das. Die neuen Erkenntnisse haben das Potenzial, unser Verständnis davon zu ändern, wie die allgemeine Strömung im Ozean funktioniert. Wenn sich das in zunehmendem Maße bestätigt, wäre das ein bedeutender Erfolg. Wenn ich zurückblicke, war mein 2001 veröffentlichter Aufsatz zum „angular moment“2  bedeutend – zumindest für mich. Er liefert eine gründliche Erklärung dafür, wie die Dinge funktionieren. In diesem Fall, wie eine geophysikalische Flüssigkeit reagiert, wenn eine Drehkraft auf sie wirkt. Unser Untersuchungsobjekt, das Klima, ist so komplex, dass unsere Erklärungen oft entweder spekulativ oder unpräzise sind oder eine von verschiedenen Möglichkeiten darstellen. Angesichts dessen ist es eine große Befriedigung, einmal konkret und präzise zu sein.

Wenn Sie einmal zurückblicken: Was waren Ihrer Meinung nach die bedeutendsten, aufregendsten oder überraschendsten Entwicklungen in der ozeanografischen Forschung?

Als Meteorologin habe ich keinen wirklich guten Überblick über die Geschichte der Ozeanografie. Das vorweg geschickt, halte ich das RAPID-Programm (ein kontinuierliches Beobachtungssystem entlang des 26.5 Breitengrades im Atlantik) für eine bedeutende Entwicklung der modernen Ozeanografie. Meiner Meinung nach gibt es zwei Wege, um Fortschritte in der Wissenschaft zu erzielen: Entweder muss man äußerst intelligent sein (in sehr seltenen Fällen) oder man muss geschickt darin sein, Instrumente zu entwickeln, die es uns erlauben, Dinge zu sehen, die wir sonst nicht sehen würden. Das einzigartige Design von RAPID ist ein hervorragendes Beispiel einer cleveren Instrumentierung.

Was denken Sie, ist die Rolle der Wissenschaft in der Gesellschaft?


Wissenschaft ist ein Luxusgut, das eine Gesellschaft entweder haben will oder nicht.

Sehen Sie einen wachsenden Einfluss von Politik oder Wirtschaft auf die Klimawissenschaft?

Ja.

Worin besteht „gute“ Wissenschaft?

Gute Wissenschaft dient der Wissbegierde.

(Wo) Sehen Sie Unterschiede zwischen den wissenschaftlichen Kulturen in westlichen Ländern und in China?

Entsprechend dem, was ich gerade über gute Wissenschaft gesagt habe, sollte es keinen bedeutenden Unterschied machen, ob man im Westen oder in China wissenschaftlich arbeitet. Dennoch könnte die Herangehensweise an Problemstellungen sehr verschieden sein.

Wie bewerten Sie die gegenwärtige Situation von Frauen in den Klimawissenschaften?


Die Tatsache, dass wir nur sehr wenige Frauen in Spitzenpositionen haben, spiegelt unsere Gesellschaft wider. Diese bestimmt familiäre Werte und beeinflusst Frauen und Männer darin, wie sie ihre Rolle in ihrer Umgebung definieren. Das ist keine Frage der weiblichen Fähigkeiten und hat (in den meisten Fällen) wenig mit Diskriminierung zu tun.

Was würden Sie jungen Frauen und Männern empfehlen, die eine Karriere in der Klimawissenschaft in Erwägung ziehen?

Mach es, aber sei flexibel.

Was würden Sie mit einer zusätzlichen Million Euro für Ihre Forschung machen?

Eine Million Euro ist wirklich nicht viel Geld, wenn Deine Forschung auf Hochleistungsrechner angewiesen ist (Power63 kostete etwa 30 Millionen Euro, ohne den enormen Aufwand an Arbeitskräften zu berücksichtigen, der benötigt wird, um einen effizienten Einsatz von Power6 zu garantieren).

Das Interview wurde geführt von Prof. Dr. Hans von Storch, Leiter des Instituts für Küstenforschung am Helmholtz-Zentrum Geesthacht und von Jun.-Prof. Dr. Mike S. Schäfer, Leiter der Arbeitsgruppe ‘Media Constructions of Climate Change’ am Exzellenzcluster CliSAP.

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1 Das Heisenberg-Programm unterstützt Wissenschaftler, die alle Voraussetzungen für die Berufung auf eine Langzeit-Professur erfüllen. Während der Förderung können sie sich auf eine wissenschaftliche Leitungsposition vorbereiten und weiterführende Forschungsthemen bearbeiten.

2 von Storch, Jin-Song, 2001: How do surface torques affect the global atmospheric angular momenta? Journal of the Atmospheric Sciences, 58, 1995-1999.

3 Das Deutsche Klimarechenzentrum betreibt das Hochleistungsrechnersystem für die Erdsystemforschung (HLRE2); 2009 wurde der IBM Power6 Supercomputer „Blizzard“ dort installiert.