Interview mit Heinke Schlünzen, März 2012

Prof. Heinke Schlünzen ist Meteorologin. Als Leitende Wissenschaftlerin in CliSAP koordiniert sie die Gruppe "Urban Systems". Außerdem leitet sie die Arbeitsgruppe "Mesoscale and Microscale Atmospheric Processes and Phenomena".

Profile Picture Heinke Schlünzen

Was waren bisher die wichtigsten Etappen in Ihrem Berufsleben?
Der allererste Schritt war meine Entscheidung, Physik und Meteorologie zu studieren. Meiner Meinung nach waren beide Fachgebiete besonders geeignet zur Untersuchung von Umwelteinflüssen, obwohl die zwei Wissenschaften nicht unbedingt als "klassischer Weg" in die Umweltforschung gelten. Das Studium der Meteorologie habe ich weiterverfolgt, um meinen Teil auf diesem Gebiet beizutragen. Ein weiterer wichtiger Schritt war die Entscheidung zu habilitieren mit dem Ziel, Professorin für Meteorologie zu werden. Ein ebenfalls maßgebliches Ziel in meinem Berufsleben besteht darin, die Kluft zwischen Wissenschaft und Praxis zu überbrücken. Aus diesem Grund koordiniere ich die Entwicklung von Richtlinien zur Luftreinhaltung der Kommission zur Reinhaltung der Luft des Vereins Deutscher Ingenieure. Des Weiteren bin ich Vorstandsmitglied der "International Association for Wind Engineering"; eine Meteorologin in dieser Position ist ein Novum.

Was ist Ihr wichtigster Beitrag für den Exzellenzcluster CliSAP?
Zusammen mit Prof. Jürgen Oßenbrügge vom Institut für Geographie koordiniere ich die CliSAP Forschungsarbeiten zu urbanen Systemen. In Zusammenarbeit mit 30 Natur- und Sozialwissenschaftlern untersuchen wir das Stadtklima und dessen Auswirkungen auf das Wohlergehen der Menschen und die lokale Wirtschaft. Es findet regelmäßig ein Ideenaustausch statt und wir entwickeln gemeinsam neue Ansätze für ein integriertes Konzept des urbanen Systems. Meine eigene Gruppe "Mesoscale and Microscale Atmospheric Phenomena" (MeMi) untersucht schwerpunktmäßig Hamburgs Stadtklima. Zudem bin ich leitende Wissenschaftlerin im Exzellenzcluster CliSAP und Mitglied im wissenschaftlichen Lenkungsgremium und kann so insgesamt zu CliSAP beitragen.

Und andersherum gefragt – in welcher Hinsicht hat CliSAP Sie am meisten unterstützt?
Bevor es den Exzellenzcluster CliSAP gab, hatte ich bereits viele Ideen für die quantitative Evaluierung des urbanen Klimas. Bei CliSAP fand ich Gleichgesinnte in einem interdisziplinären Arbeitsumfeld und Mitarbeiter für die Forschungsarbeiten: Derzeit führen ein erfahrener Wissenschaftler und ein Doktorand die Arbeiten durch. Dadurch konnten wir innerhalb der CliSAP-Forschungsgruppe "Urban Systems" schnelle Fortschritte erzielen und neue Forschungsprojekte auf den Weg bringen. In diesem Zusammenhang bauten wir auch ein interdisziplinäres Expertenteam für das Städtesystem auf, das zum Verständnis des Systems als Ganzes beiträgt.

Sie haben eine breitgefächerte interdisziplinäre Zusammenarbeit innerhalb des Exzellenzclusters aufgebaut. Können Sie etwas zu diesem Netzwerk sagen? Was ist der Mehrwert und wo sehen Sie das Potential für die Zukunft?
In unserem Netzwerk gibt es Experten aus den Gebieten Atmosphäre, Pflanzen und Böden sowie aus der Sozioökonomie. Mit diesem interdisziplinären Ansatz generieren wir Wissen fernab der üblichen Pfade. Wir verlinken unsere Forschung sowohl mit lokalen Entscheidungsträgern und Städteplanern als auch mit nationalen und internationalen Forschungsprojekten, die ebenfalls Städtesysteme untersuchen. Mit diesem Expertennetzwerk kann die Entwicklung von Anpassungsmaßnahmen sehr viel schneller entwickelt werden als mit einem disziplinären Ansatz.
Für die Zukunft sehe ich eine noch intensivere Zusammenarbeit und einen Wissenstransfer auf andere städtische Gebiete rund um den Globus. Für diese Aufgabe stellt die CliSAP-Forschungsgruppe Urbane Systeme eine einzigartige Wissensbasis zur Verfügung.

Ihr Kernthema in CliSAP ist das Stadtklima. Wie sehen Sie die Wechselwirkung von lokalen und globalen Themen in Bezug auf Ihre eigene Perspektive und die von CliSAP insgesamt?
In mancherlei Hinsicht stellen Stadtgebiete keine Besonderheit dar. Sie werden vom Klimawandel genau so betroffen sein wie ihre ländliche Umgebung. Doch in drei Bereichen sind sie sehr speziell:
1) Durch den Verbrauch von großen Energiemengen in städtischen Bereichen werden viel mehr Treibhausgase in die Erdatmosphäre ausgestoßen als in den umgebenden ländlichen Gebieten.
2) Aufgrund der hohen Bevölkerungsdichte in Ballungsgebieten werden auch viele Menschen von den Auswirkungen des Klimawandels betroffen sein. Daher ist es wichtig, die Einflüsse und Auswirkungen zu ermitteln, um darauf vorbereitet zu sein.
3) Temperatur, Wind, Luftfeuchtigkeit oder Niederschläge in den Städten werden durch Gebäude und andere urbane Strukturen beeinflusst und weisen einen für Städtegebiete typischen Effekt auf. Ein erhöhter Aerosolgehalt wirkt sich auf die Luftqualität und den Niederschlag aus.
Diese durch Stadtgebiete verursachten Veränderungen und die Auswirkungen des globalen Klimawandels verpflichten uns zu mehreren Dingen: Zur Reduzierung von Emissionen und zur Umstrukturierung von städtischen Gebieten, damit sie anpassungsfähiger werden und damit weniger gefährdet sind.
In CliSAP werden regionale Klimaänderungen in empfindlichsten Gebieten untersucht, wie zum Beispiel der Arktis aber auch in Städtesystemen. Für diese regionalen Studien sind verlässliche Zahlen auf globaler Ebene erforderlich, deshalb spielen die CliSAP-Untersuchungen weltweit eine sehr wichtige Rolle für die Stadtklimaforschung.

Sie haben in Hamburg studiert hat und arbeiten nun dort. Wie hat sich der "Atmosphärenforschung-Standort Hamburg" entwickelt?
Das Max-Planck-Institut für Meteorologie wurde 1975 gegründet und der Atmosphärenforschung angegliedert, welche in Hamburg eine lange Tradition hat. 1982 initiierte Michael Schatzmann die Forschungsgruppe Technische Meteorologie am Institut für Meteorologie der Universität Hamburg.
Ich begann mit meiner Doktorarbeit in dieser Forschungsgruppe und entwickelte ein mesoskalisches numerisches Modell. 1989 wurde das Zentrum für Meeres- und Klimaforschung (ZMK) gegründet. Das ZMK war das Ergebnis einer engen Zusammenarbeit zwischen Meteorologie, Meereskunde und Geophysik. Durch die Mitwirkung in verschiedenen Sonderforschungsbereichen (SFB) und großen Projekten, die vom Ministerium für Bildung und Forschung gefördert wurden, profitierte nicht nur die Gruppe für Technische Meteorologie, sondern der gesamte Campus. Viele Projekte wurden in Zusammenarbeit mit dem Max-Planck-Institut für Meteorologie und dem Institut für Küstenforschung am Helmholtz-Zentrum Geesthacht durchgeführt. Als Folge davon wurde 2004 ein gemeinsames Forschungszentrum (Zentrum für Marine und Atmosphärische Wissenschaften, ZMAW) gegründet, das seither die gemeinsamen Einrichtungen nutzt und schließlich zum auslösenden Moment für den Exzellenzcluster CliSAP wurde. Als Nachfolger des ZMK und mit der Eingliederung von universitären Forschungsbereichen, die in CliSAP involviert sind, wurde 2011 das Centrum für Erdsystemforschung und Nachhaltigkeit (CEN) gegründet.
Im Rückblick lässt sich ein kontinuierliches Wachstum aller Bereiche der Atmosphärischen Wissenschaften erkennen, und ich hatte dabei nie den Eindruck, dass es sich um ein ungesundes Wachstum handelt. Vielleicht liegt darin sogar das Geheimrezept der Atmosphärenforschung in Hamburg: Langsam aber kontinuierlich wachsen, sodass wirklich alle Beteiligten mit „an Bord“ genommen werden können.

Was ist die bedeutendste Leistung in Ihrer Karriere?
Ich habe mehrere Methodenlehren zur quantitativen Bewertung von Computermodellen in der Wissenschaftsgemeinschaft für Mesoskalen- und Mikroskalenmodellierung eingeführt. Ich würde diese Einführung als meine größte Leistung ansehen.
Ungefähr 1992 begann ich mit der Entwicklung von Methoden für die Modellberechnung und habe diese Thematik erstmals in Vorträgen bei Konferenzen vorgestellt. Manche Kollegen dachten, dies wäre das Ende der numerischen Wissenschaft. Doch es war nicht das Ende und heute ist der Einsatz solcher quantitativen Bewertungsmethoden gängige Praxis bei allen Untersuchungen im Bereich der Umweltforschung. Die Ergebnisse sehen nicht nur "gut" aus, sie zeigen auch die "Güte" der quantitativen Berechnungen.

Wenn Sie zurückblicken, was waren für Sie die bedeutendsten, spannendsten oder auch überraschendsten Entwicklungen bei den Atmosphärischen Wissenschaften?
Die bedeutendste war und ist die rapide Entwicklung der Computertechnologie, die zum Beispiel für hochauflösende Atmosphärenmodelle genutzt werden kann, um beispielsweise den Einfluss einzelner Gebäude auf die Umgebung zu untersuchen. Am spannendsten war für mich, dass die Ergebnisse der ersten Modellversuche zum Klimawandel durch später durchgeführte Studien immer wieder bestätigt wurden, natürlich in detaillierterer Form. Und überraschend war für mich die Tatsache, dass die Ergebnisse aus den Untersuchungen zum Klimawandel nicht mehr Reaktionen in der Öffentlichkeit hervorriefen.

Welche Aufgabe hat Ihrer Meinung nach die Wissenschaft für die Gesellschaft?
Die Wissenschaftler sollten die Gesellschaft objektiv informieren. Sie sollten nicht versuchen, durch Auslösen von Emotionen ihre Themen "zu verkaufen", sondern verlässliche Antworten liefern und damit eine vertrauenswürdige Atmosphäre schaffen.

Wie bewerten Sie die aktuelle Situation der Frauen in der Klimaforschung?
Als ich vor etwa 30 Jahren studierte war klar, dass: "Sie als Frau können nicht so gut sein wie Ihre männlichen Kommilitonen, das müssen Sie verstehen!" (Zitat einer unserer Professoren). Vor 20 Jahren hatten Frauen in wissenschaftlichen Fächern "... etwas mit der Beauftragten für Chancengleichheit zu tun - das muss Ihnen Hinweis genug sein!" (Zitat eines Kollegen aus jener Zeit). Und vor etwa 10 Jahren wurde die Teilname von Frauen bei Diskussionen am runden Tisch obligatorisch. Wie auch immer, trotz der Fortschritte an der Oberfläche gibt es in punkto Gleichberechtigung immer noch viel zu tun. Die Naturwissenschaften waren und sind immer noch eine Männerdomäne. Die harte Konkurrenz behindert den Aufstieg von Frauen. Weibliche Kolleginnen engagieren sich oft sozial sehr stark und tragen eher dazu bei, die Arbeitbedingungen zu verbessern, anstatt an Ihrer eigenen Karriere zu arbeiten. Trotzdem glaube ich ernstlich, dass wir in der Forschung eine gute Teamarbeit brauchen und deshalb der "weibliche Ansatz" zur Lösung unserer aktuellen Probleme von Nöten ist. Wenn dies einmal allgemein akzeptiert wird, gehört der geringe Frauenanteil in den Naturwissenschaften der Vergangenheit an.

Was würden Sie jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern raten, die sich auf dem Gebiet der technischen Meteorologie spezialisieren möchten?
Die technische Meteorologie befasst sich mit den Gebieten Schadstoffverteilung, hochauflösende Untersuchungen der Hindernisschicht, darunter auch urbaner Windkomfort, Wärmehaushalt in urbanen Gebieten, anthropogene Einflüsse auf Niederschläge und viele weitere quantitative Aspekte des Stadtklimas.
Ein Fokus der technischen Meteorologie liegt auf der Entwicklung von Lösungsmethoden für dringliche Umweltprobleme. Vor der Spezialisierung im Bereich der technischen Meteorologie sollten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler das Fach von Grund auf erlernen und Expertin bzw. Experte auf dem entsprechenden Gebiet werden. Dabei sollten sie auch lernen, mit Fachleuten aus angrenzenden Bereichen zusammen zu arbeiten. Multidisziplinäre Projekte eignen sich perfekt, um Erfahrungen in dieser Form der Zusammenarbeit zu sammeln. Gute Peers sind neugierig darauf, womit sich andere beschäftigen, und sie akzeptieren, dass andere Wissenschaftsbereiche genau so komplex sind wie der eigene, ganz egal, wie gut und einfach andere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ihr Fach erklären können.
In der Gruppe Technische Meteorologie der Universität Hamburg stehen die Ansätze von Ingenieurswissenschaften und Meteorologie in unmittelbarem Zusammenhang, sodass man sich hier das gesamte Expertenwissen aneignen kann, darunter auch das über physikalische und numerische Modellierung, Evaluierungsmethoden für Daten und Modellergebnisse sowie interdisziplinäre Teamarbeit und Gespräche mit Entscheidungsträgern. Und was die Zukunft dieses Wissenschaftsbereiches anbelangt: Jedes Mal, wenn eines der Umweltprobleme gelöst worden war, traten eine Reihe neuer Probleme auf. Deshalb gibt es nach wie vor einige aktuelle Probleme, zu deren Lösung Studierende beitragen werden, die sich auf dem Gebiet Technische Meteorologie spezialisiert haben.

Glauben Sie, dass Sie ein Vorbild für Ihre Studentinnen und Studenten sind?
Ich glaube nicht an Vorbilder. Ich glaube an die Individualität der Menschen. Allerdings würde ich es begrüßen, wenn meine Studentinnen und Studenten manche meiner Ideen ernsthaft in Betracht ziehen würden. Zum Beispiel, dass allen Mitgliedern eines Teams gleiche Chancen zugestanden werden, unabhängig von Stellung und Aufgabe. Und sie sollten auch darüber nachdenken, Wandervögel in Sachen Wissenschaft zu werden. Ich hatte zwar immer schon viele wissenschaftliche Ideen, habe aber einen Standortwechsel nie als hilfreich für meine Weiterentwicklung angesehen. Ein weiterer relevanter Punkt ist, dass man sich gegen Kommentare von Außenstehenden ein dickes Fell zulegen sollte, da die Entwicklung neuer Wege in der Wissenschaft immer mit neuen Ideen verbunden sein wird, und sich viele Menschen (darunter auch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler) gegen Änderungen auflehnen. Bisweilen bläst der Wind denen ins Gesicht, die neue Ideen entwickeln. Was wiederum beweist, dass es für Meteorologinnen und Meteorologen wichtig ist, die Windrichtung zu kennen – denn dann ist man gewappnet.

Das Interview wurde von geführt von Prof. Dr. Mike S. Schaefer, Leiter der Arbeitsgruppe "Media Constructions" am Exzellenzcluster CliSAP und Prof. Dr. Hans von Storch, Leiter des Instituts für Küstenforschung am Helmholtz-Zentrum Geesthacht.