Interview mit Eduardo Zorita, August 2011

Der Physiker Eduardo Zorita ist Senior Scientist am Institut für Küstenforschung des Helmholtz-Zentrums Geesthacht und leitet dort die Abteilung für Paläoklima. Im CliSAP Projekt PLUSDATA untersucht er Auswirkungen des Klimawandels in Gewässern.

Profile Picture Eduardo Zorita

Was waren in Ihrer bisherigen Laufbahn die wichtigsten Etappen?
Ich habe Physik studiert und im Jahr 1988 in Saragossa (Spanien) meinen PhD in Festkörperphysik gemacht. Im Anschluss arbeitete ich als Post-Doc in Hamburg am Max-Planck-Institut und wechselte später zum LODYC (Laboratoire d'Oceanographie Dynamique et de Climatology) nach Paris. Dann kam ich schließlich wieder nach Deutschland zurück und arbeitete am GKSS-Forschungszentrum, dem heutigen Helmholtz-Zentrum Geesthacht.

Welchen Beitrag leisten Sie gegenüber CliSAP?
Hauptsächlich war ich mit der Klimasimulation des letzten Jahrtausends beschäftigt, sowie mit einem Flexpool-Projekt, welches langfristig limnologische Daten analysiert.

Und anders herum gefragt, auf welche Weise konnte CliSAP Sie am meisten unterstützen?
Die Zusammenarbeit mit anderen Bereichen von CliSAP war für mich äußerst interessant. Wir haben Kontakte zu Sozialwissenschaftlern, ich betreue einen Doktoranden der Limnologie und arbeite in Kooperation mit dem Max-Planck-Institut an der Klimaentwicklung des letzten Jahrtausends. Zudem erforsche ich zusammen mit der Universität Hamburg die Veränderung des Meeresspiegels. Mir gefällt die Vielfältigkeit der Fachgebiete.

Worin sehen Sie die bisher größte Errungenschaft von CliSAP?
CliSAP hat ein System aufgestellt, an dem verschiedene Gruppen zusammen an einem gemeinsamen Ziel arbeiten. Das ist an sich schon eine großartige Leistung, beansprucht jedoch viel Zeit und bringt viel Arbeit mit sich. Doch wir werden schon bald Erfolge sehen.    
 
Was erachten Sie als die bedeutendste Leistung in ihrer beruflichen Karriere?
Der Hauptbeitrag, den ich für die Gemeinschaft leisten konnte, lag in der 'Entdeckung', dass die Klimarekonstruktion basierend auf Ersatzindikatoren sehr wahrscheinlich eine Verkennung vergangener Klimata ist. Das bedeutet, dass zurückliegende Veränderungen vermutlich größer waren als ursprünglich angenommen. Auf persönlicher Ebene jedoch war der Wechsel von der Festkörperphysik hin zur Klimaforschung ein bedeutender Schritt, den ich mit Hilfe der Bibliothek bewältigte. Diese befand sich übrigens damals auf der 15. Etage des Geomatikums.

Sehen Sie sich als Vorbild für Ihre Studenten?
Ich denke nicht, aber ich bin der Meinung, dass Studenten generell keinem Vorbild nacheifern sollten. Jeder Mensch ist einzigartig, hat unterschiedliche Schwächen und Fähigkeiten. Mit etwas Glück kann man das meiste aus seinen Fähigkeiten herausholen und seine Fehler korrigieren. In jedem Fall ist es ein sehr persönliches Unterfangen. Die Wissenschaft lebt von neuen Ideen und Herangehensweisen. Studenten sollten hartnäckig und zielstrebig sein, ohne eine Rolle zu kopieren.

Worin sehen Sie die Rolle der Wissenschaft in der Gesellschaft?
Das ist eine schwierige Frage, denn Wissenschaft entsteht mitten in der Gesellschaft. Ich werde versuchen, meine Sicht schematisch darzustellen. Es gibt, oder besser gesagt, es sollte einen stillen Vertrag zwischen der Wissenschaft und der Gesellschaft geben. Die Wissenschaft sollte bei der Bewältigung lösbarer Gesellschaftsprobleme helfen. In diesem Sinne haben Wissenschaftler eine Verantwortung, das Wohl der Gesellschaft zu fördern. Andererseits ermöglicht die Gesellschaft den Wissenschaftlern, das zu tun, was sie wirklich möchten. Das bedeutet, mit Daten, Konzepten, Theorien unabhängig von deren direkten Nutzen zu experimentieren. Im Idealfall ist die von Neugier angetriebene Wissenschaft sehr produktiv für die Gesellschaft, aber auch nicht immer. Das Problem besteht darin, dass wir dies im Vorfeld nicht wissen können.

Können Sie einen zunehmenden Einfluss der Politik bzw. der Wirtschaft auf die Klimaforschung feststellen?
Ja, durchaus, leider. Die Klimaforschung wird schnell zum Thema öffentlicher Debatten. Ihre Ergebnisse können für politische Machtkämpfe jeglicher Art verwendet werden. Zudem birgt die Forschung Unsicherheiten und kann ziemlich gravierende wirtschaftliche Auswirkungen haben. Letztendlich hat, wie im Fußball, jeder eine Meinung darüber - denn Regen, Temperatur oder der Meeresspiegel sind  Begriffe aus dem täglichen Leben. Ehrlich gesagt kann ich mich noch gut daran erinnern, mich nach meinem PhD für die Klimaforschung entschieden zu haben, da ich bereits damals viele interessante Artikel über den Klimawandel gelesen habe, die von Klimaforschern geschrieben und für die Öffentlichkeit bestimmt waren. Damit will ich sagen, dass es mir so vorkommt, als ob die Initiative, die Gesellschaft anzusprechen, von den Forschern kam. Aus diesem Grund überrascht es nicht, dass die Gesellschaft nun auch reagiert. Sicherlich war die Reaktion nicht immer sehr freundlich, aber wir sollten nicht vergessen, dass die politische Diskussion ein ruhendes Wespennest ist. Wenn man sich entschließt, in dieses Nest einzudringen, sollte man entsprechend vorbereitet sein.

Was begründet gute Wissenschaft?
Wie ich bereits sagte, ist jeder Mensch und damit auch jeder Wissenschaftler verschieden. Zum Beispiel arbeiten manche Wissenschaftler auf sehr systematische und detaillierte Weise, um sehr präzise Messungen zu erreichen. Das ist gute Wissenschaft. Im Gegensatz dazu sind andere Forscher sehr schlecht organisiert und chaotisch - haben aber die Fähigkeit, mit Theorien und Konzepten zu jonglieren und sehen Verbindungen, die niemand zuvor wahrgenommen hatte. Auch das ist gute Wissenschaft. Schließlich sind wieder andere in der Lage, ein großes Team von Wissenschaftlern im Rahmen großer Projekte zu koordinieren. Er oder sie ist vielleicht nicht gut im Umgang mit Zahlen oder Theorien, erkennt jedoch  bedeutende Zusammenhänge und kann ein Team zu wichtigen Ergebnissen führen. Das ist, in meinen Augen, ebenfalls gute Wissenschaft. Vielleicht könnten alle mit einem gemeinsamen Nenner beschrieben werden, und es wäre das Ziel, eine wichtige Lücke im Puzzle zu füllen. Eventuell könnte man alle als unterschiedliche Ausprägungen eines gemeinsamen Bestrebens ansehen, denn sie sind alle dazu da, wichtige Lücken im Puzzle der Wissenschaft zu füllen.

Was wäre Ihr Rat für junge Forscher, die im Bereich der Klimasimulation arbeiten möchten?
Klimamodelle stellen einen recht breiten und komplexen Bereich dar. Meiner Meinung nach gibt es zwei Gefahren, die ein Student vermeiden sollte. Eine besteht darin, in eine tagtägliche Routine zu verfallen, in der man Simulationen programmiert und startet und dabei vergisst, dass sie dazu gemacht werden,  Antworten auf Fragen zu finden. Diese Fragen sollten der „Motor“ der Arbeit sein - das Modell ist nur das Werkzeug. Klimamodelle sind heutzutage sehr komplex und erfordern enormes technisches Wissen, sodass man leicht vom Thema abkommt. Die zweite Gefahr besteht darin, sich in sein Modell zu verlieben und die Sicht für die wirklichen Beobachtungen draußen zu verlieren. Modelle sind in diesem Sinne also gefährlich und Klimamodelle sogar um so mehr.

Was würden Sie mit einer zusätzlichen Million Euro für Ihre Forschung tun?
Eine Million Euro sind heute nicht mehr viel Geld. Aber um Ihre Frage zu beantworten, ich würde ein Projekt starten, zum besseren Verständnis des Verhaltens tropischer Wolken im späten Maunderminimum zur Zeit der Kleinen Eiszeit vor 300 Jahren - aus Proxy-Aufzeichnungen und Modellsimulationen. Das könnte uns Hinweise über die Veränderung von Wolkendecken in Klimata geben, welche ein wenig von der Gegenwart abweichen und uns damit Aufschluss über zukünftige Klimaveränderungen liefern.

Das Interview wurde geführt von Prof. Dr. Hans von Storch, Leiter des Instituts für Küstenforschung am Helmholtz-Zentrum Geesthacht und von Jun.-Prof. Dr. Mike S. Schäfer, Leiter der Arbeitsgruppe ‘Media Constructions of Climate Change’ am Exzellenzcluster CliSAP.