Interview mit Prof. Dr. Beate Ratter, Mai 2011

Beate Ratter ist seit drei Jahren Professorin am Institut für Geographie der Universität Hamburg und Leiterin der Abteilung „Sozioökonomie des Küstenraumes“ am Institut für Küstenforschung des Helmholtz-Zentrums Geesthacht.

Profile Picture Beate Ratter

Was sind bislang die Höhepunkte Ihres beruflichen Werdegangs?
Da gab es einige. Ich arbeitete an Forschungsprojekten zum Seerecht und zum Ressourcenmanagement in der Karibik und war dort auf verschiedenen Inseln. Für meine Habilitation reiste ich nach Kanada und erforschte unterschiedliche Ansätze zu Umweltschutz und -management. Dabei konzentrierte ich mich auf die Sicht der Einwohner und wie sie die Umwelt wahrnehmen. Danach leitete ich beim World Wildlife Fund For Nature (WWF) ein internationales Projekt zur trilateralen Wattenmeerkooperation. Ich war Gastdozentin an der Universidad Nacional im kolumbischen San Andrés und an der kanadischen McGill University in Montreal. Erst vor kurzem arbeitete ich an der National Taiwan Normal University in Taipei. Von 2002 bis 2007 hatte ich den Lehrstuhl für interkulturelle Geographie an der Johannes Gutenberg Universität in Mainz inne. Seit Oktober 2007 bin ich Professorin für Geographie an der Universität Hamburg und leite zudem die Abteilung „Sozioökonomie des Küstenraumes“ am Institut für Küstenforschung des Helmholtz-Zentrums Geesthacht (HZG).


Worin besteht Ihr Hauptbeitrag zu CliSAP?

Ich arbeite in vier Bereichen mit:
a) an einem gemeinsamen Projekt mit Meeresbiologen, um die Auswirkungen des Klimawandels auf den Krabbenfang an der Nordseeküste zu analysieren;
b) an einem Flexpool-Projekt1 zusammen mit Prof. Irene Neverla vom Institut für Journalistik und Kommunikationswissenschaft. Thema ist die Hamburger Sturmflut von 1962 und deren Auswirkung auf aktuelle Diskussionen zum Klimawandel in den Medien, der Politik und der Bevölkerung;
c) an der Organisation von zwei Lehrworkshops: einen zu „Klimawandel und die Küste“ und – zusammen mit Prof. Jürgen Böhner – einen weiteren zu „Klimawandel und Klimaeinfluss“;
d) und an der Entwicklung eines neuen Gender-Aktionsplanes für CliSAP.


Wie hat CliSAP Ihnen am meisten geholfen?
CliSAP hat mir geholfen, mit neuen Fachgebieten und Kollegen in Kontakt zu kommen und fördert so die interdisziplinäre Arbeit zu den gesellschaftlichen Auswirkungen des Klimawandels.


Was kann die Klimawissenschaft lernen, wenn lokale Kontexte wie Hamburg erforscht werden?
Das Fallbeispiel Hamburg – vor allem die große Sturmflut von 1962 – zeigt, wie Geohazards mentale Konstrukte von Krisenereignissen in der Gesellschaft formen. Das ist wichtig, um die Rolle der Medien in der Gesellschaft zu verstehen und das Zusammenspiel von Gesellschaft, Politik und Medien zu erklären. Eine Bedrohung wird erst dann zur Katastrophe, wenn ein extremes Naturereignis auf eine unvorbereitete oder verwundbare Gesellschaft trifft. Das gilt nicht nur für Länder der Dritten Welt wie Haiti, sondern auch für Industrieländer wie die USA beim Hurrikan Katrina. Die jüngsten Ereignisse in Japan zeigen, dass sogar vermeintlich vorbereitete und nicht-gefährdete Gesellschaften anfällig für Katastrophen sein können, wenn komplexe Gefahren aufeinander treffen. Denken wir nur an das Erdbeben und den Tsunami sowie deren Auswirkungen auf das Atomkraftwerk. Sicherheit ist ein relativer Begriff.

In unserem Forschungsprojekt untersuchen wir die kognitive Perspektive von Gefahren – die wir als psychologisches Ergebnis von Wahrnehmen, Lernen und Schlussfolgern verstehen. In diesem Kontext ist die Wahrnehmung von Geohazards zentral. Und Wahrnehmung hat eine praktische Folge: Wenn man nicht weiß, was Menschen wahrnehmen, kann man kaum einen geeigneten Plan zum Gefahrenmanagement erstellen. Menschen, die Gefahren nicht als Bedrohung für ihren Lebensstil wahrnehmen, sind in der Regel nicht bereit, sich aktiv an Strategien zur Gefahrenbekämpfung zu beteiligen. Der Klimawandel ist in diesem Kontext allerdings ein Spezialfall, da er ein allmählicher Prozess ist, der sich langsam entwickelt. Zudem ist es schwierig, seine Auswirkungen und Folgen genau zu bestimmen. Nur wenn die Menschen den Klimawandel als Bedrohung für ihr persönliches Leben wahrnehmen, werden sie bereit sein, sich aktiv künftigen Herausforderungen zu stellen. Ich denke, dass wir in dieser Hinsicht viel von Hamburg lernen können.


Welche Rolle spielt die Geographie in der Klimawissenschaft?
Das Klima wird in der Regel jeweils für eine bestimmte Region beobachtet. Wenn es in Wetterphänomene übertragen wird, bezieht sich das Klima außerdem auf eine regionale und lokale Ausprägung. Von Interesse ist es aber nur dann, wenn es Auswirkungen auf Gesellschaften hat. Geographie ist also eine räumliche Wissenschaft, die sich mit der Interaktion zwischen natürlichen und gesellschaftlichen Systemen auf verschiedenen Ebenen beschäftigt. Diese Mensch-Natur-Interaktion findet an spezifischen Orten innerhalb spezifischer Gesellschaften statt. Sie bestimmt, wie wir künftige Änderungen beeinflussen, mit ihnen umgehen und uns an diese anpassen. Die geographische Sicht auf die Auswirkungen, die der Klimawandel auf Gesellschaften hat, ist daher lokal/regional und räumlich voneinander abgegrenzt. Sie konzentriert sich auf die Interaktion von Gesellschaften mit natürlichen Systemen an speziellen Orten und in speziellen Kontexten.


Denken Sie, dass Sie ein Vorbild für Ihre Studenten sind?
Ich sollte keines sein! Aber ich denke, meine berufliche Einstellung zu Sorgfalt, Ausdauer und Neugier könnte ein Vorbild sein.


Was ist der bedeutendste Erfolg Ihrer Karriere?
Dass ich immer noch Spaß an dem habe, was ich mache!


Wenn Sie einmal zurückblicken: Was waren Ihrer Meinung nach die bedeutendsten oder aufregendsten Entwicklungen in der geographischen Forschung in Bezug auf das Klima?
Geographie wieder als eine integrierte und integrative Disziplin zu verstehen, die naturgesetzliche und menschliche Aspekte verbindet – das ist meiner Meinung nach die vielversprechendste und positivste Entwicklung der jüngsten Geographie. In diesem Zusammenhang leistete die Komplexitätstheorie einen wichtigen Beitrag. Sie schlägt nicht nur eine Brücke zwischen Disziplinen und Perspektiven, sondern auch zwischen Codes und dem Informationsaustausch von Fachrichtungen. Die Grundideen der Komplexitätstheorie helfen, natürliche und gesellschaftliche Systeme zu analysieren. Nicht nur der Flügelschlag eines Schmetterlings kann einen Hurrikan verursachen. Auch die Entstehung von menschlicher Interaktion kann zu bedeutenden Änderungen führen. Klimawissenschaftler nutzen nichtlineare, dynamische Konzepte für ihre Modellbildung. Geographen können helfen, das gesellschaftliche Zusammenspiel mit der Natur und die sozialräumlichen Auswirkungen des Klimawandels zu verstehen und dieses Verständnis auf Managementkonzepte für künftige Entwicklungen zu übertragen.


Was denken Sie, ist die Rolle der Wissenschaft in der Gesellschaft?
Fragen zu stellen und mögliche Erklärungen für unklare Phänomene zu suchen. Aber es gibt nicht die eine Wissenschaft. Ich bin überzeugt, dass unterschiedliche Wissenschaften verschiedene Aufgaben und Pflichten haben. In der Geographie halte ich es mit Johan Galtung2, der einst das Prinzip der „Drei Säulen der Wissenschaft“ formulierte: Theorie, Empirie und strategische Planung – analysieren, verstehen und ausführen. Geographie ist in diesem Fall eine angewandte Wissenschaft, deren Aufgabe es ist, strategische Maßnahmen für die Gestaltung künftiger Entwicklungen zu erarbeiten.


Sehen Sie einen wachsenden Einfluss von Politik oder Wirtschaft auf die Klimawissenschaft?
Falls es einen wachsenden Einfluss gibt, dann nur, weil Klimawandel als Thema so zentral geworden ist, dass sich jeder damit beschäftigen muss. Politiker fragen nach Entscheidungshilfen. Somit verlangen sie „Antworten“ auf Fragen, mit denen sie sich eigentlich befassen sollten. Die Wirtschaft bedient den Markt. Politiker sind daher bis zu einem gewissen Grad durch Marktzwänge und auch Konsumentennachfragen getrieben. Im Gespräch mit Studenten nenne ich oft tensidfreie Reinigungsmittel als Beispiel. Anfangs glaubten führende Unternehmen, dass sie 20 bis 30 Jahre für deren Entwicklung benötigten. In den 1980er Jahren ist die Nachfrage in Deutschland aber so rapide gestiegen, dass der normale Bestand eines gewöhnlichen Supermarktes innerhalb von drei Jahren komplett tensidfrei war. Kurz gesagt: Neue Entwicklungen fordern neue Einsichten und folglich neue Aufgaben für die Wissenschaft.


Worin besteht „gute“ Wissenschaft?
Sie sollte unabhängig, selbst-reflektierend, kritisch, kreativ, frei von Plagiaten und ehrlich sein.


Wie bewerten Sie die gegenwärtige Situation von Frauen in den Klimawissenschaften?
Es gibt keinen großen Unterschied zwischen der Situation von Frauen in den Klimawissenschaften und anderen Naturwissenschaften. Frauen sind immer noch unterrepräsentiert und werden oft ausgenutzt. Einige meiner Mitarbeiterinnen gaben ihre wissenschaftliche Karriere auf, weil sie nicht die rauen Auseinandersetzungen in Wissenschaftskreisen führen wollten. Wenn das passiert, frage ich mich immer, ob ich auf dem richtigen Weg bin. Die meisten Frauen sind weniger karriereorientiert. Ich denke, die Gleichstellung von Frauen und Männern ist für jede gesellschaftliche Gruppe von Vorteil: Denn sie macht Orte zivilisierter und kreativer – auch wissenschaftliche Institute.


Was würden Sie jungen Frauen und Männern empfehlen, die eine Karriere in der Klimawissenschaft in Erwägung ziehen?

Mache das, was Dich interessiert, aber mache es nicht halbherzig. Sei neugierig und stelle unbequeme Fragen.


Was würden Sie mit einer zusätzlichen Million Euro für Ihre Forschung machen?
Ich würde die „Slow Science“ Bewegung unterstützen – weg von eilig aufbereiteten Forschungsthemen, die ausschließlich auf schnelle Veröffentlichung zielen. Stattdessen würde ich gerne mehr Zeit mit Reflektieren, Diskutieren und Denken verbringen. Ich könnte mir vorstellen, eine Art Think Tank aufzubauen mit einer ausgewählten, interdisziplinären – idealerweise interkulturellen – Gruppe mit guten, zuverlässigen, inspirierenden und inspirierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Mit diesem Think Tank könnten wir uns nicht nur mit Fragen des Klimawandels, sondern in einem weiteren Sinn auch mit nachhaltigen regionalen Entwicklungen und zukünftige Herausforderungen befassen.
Schwarmintelligenz ist ein verlockendes Thema, das mich gerade fesselt. Im Zusammenhang mit der Komplexitätstheorie ist das ein faszinierendes Thema. Es basiert auf der Verhaltensanalyse von nichtlinearen, dynamischen Systemen. Interessant ist, herauszufinden, wie Schwarmintelligenz helfen kann, gesellschaftliches Verhalten zu erklären, und warum sich Menschen nicht entsprechend ihrer Einsichten verhalten. Was sind die Fallstricke für vorbeugendes Verhalten in verschiedenen Gesellschaften? Das ist besonders interessant, wenn man interkulturell vergleicht, wie kulturelles Framing kollektives Verhalten beeinflusst.

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1
CliSAP stellt flexible Geldmittel für integrierte Aktivitäten bereit. Diese so genannten Flexible Pool Projekte, kurz Flexpool, entstehen zwischen verschiedenen Forschungsbereichen und vernetzen so bereits bestehende Gruppen.

2
Johan Galtung (geboren am 24. Oktober 1930) ist ein norwegischer Soziologe und einer der Gründungsväter der Friedens- und Konfliktforschung.

Das Interview wurde geführt von Prof. Dr. Hans von Storch, Leiter des Instituts für Küstenforschung am Helmholtz-Zentrum Geesthacht und von Jun.-Prof. Dr. Mike S. Schäfer, Leiter der Arbeitsgruppe ‘Media Constructions of Climate Change’ am Exzellenzcluster CliSAP.