Interview mit Andreas Schmidt, September 2012

Andreas Schmidt ist seit 2010 wissenschaftlicher Mitarbeiter in der CliSAP Forschungsgruppe „Media Constructions of Climate Change“. An der CliSAP Graduiertenschule SICSS promoviert er über die Mediendebatte zum Klimawandel.

Welche Schritte waren in Ihrem bisherigen Berufsleben wesentlich?
Seit ungefähr zwei Jahren bin ich Mitarbeiter in der Forschungsgruppe "Media Constructions of Climate Change". Davor habe ich meinen Bachelor in Politikmanagement und meinen Masters in Soziologie – Europäische Gesellschaften abgeschlossen. Während des Studiums hatte ich mehrere Jobs als wissenschaftliche Hilfskraft. Letztendlich waren es also zwei Schritte: der erste mein erfolgreicher Studienabschluss, und der zweite mein Arbeitsbeginn in diesem interdisziplinären Forschungsfeld.

Wie würden Sie Ihren Beitrag zu CliSAP beschreiben?
Zusammen mit einigen wenigen anderen Mitarbeitern in CliSAP versuche ich, die gesellschaftliche Seite des Klimawandels zu beleuchten. Genauer gesagt analysiere ich, inwieweit sich der Klimawandel als gesellschaftliches Problem mit politischem Handlungsbedarf etabliert hat. Ich untersuche auch die verschiedenen Forderungen unterschiedlicher gesellschaftlicher Akteure im Bezug auf die Klimapolitik und den politischen Prozess.

Umgekehrt gefragt, in welcher Weise hat Ihnen CliSAP am meisten geholfen?
CliSAP und die Graduiertenschule SICSS haben mir vor allem darin geholfen, die naturwissenschaftliche Basis des Klimawandels zu verstehen und einen – allerdings unvollständigen – Überblick über die Klimaforschung zu erhalten. Nicht zuletzt hilft CliSAP auch finanziell, z.B. durch die Bereitstellung von Mitteln zu Konferenzteilnahmen.

Wie würden Sie sich selbst beschreiben – sind Sie Kultur- oder Sozialwissenschaftler? Sehen Sie Unterschiede zu Naturwissenschaften im Bezug auf die Forschungsthemen, die Wissenskonstruktion und die Nutzung dieses Wissens?
Ich bin Sozialwissenschaftler, ein Soziologe, der sich derzeit besonders für die Schnittstellen zwischen gesellschaftlichen Werten, den gesellschaftlichen Kräften hinter diesen Werten und Politik interessiert. Soziologen produzieren Wissen, mit dessen Hilfe die Gesellschaft über sich selbst reflektieren kann. Zum Beispiel, ist unser Lebensstil kompatibel mit der Vorstellung von Verantwortung für zukünftige Generationen? Oder: Welche Faktoren führen zur Verabschiedung einer bestimmten Politik? Letztendlich versucht die Soziologie, soziales Handeln, soziale Strukturen und die Interaktionen zwischen beiden zu erklären. Die natürliche Umwelt ist bislang kein Kernthema dieser Disziplin, doch glaube ich, dass die Soziologie einen großen Beitrag zum besseren Verständnis der Interaktionen zwischen Gesellschaft und Natur leisten kann.

Haben Sie den Eindruck, dass die Sozial- und Kulturwissenschaften von den Naturwissenschaftlern ernst genommen werden? Oder kommt es vor, dass sich Naturwissenschaftler eher überlegen fühlen?
Ich habe nie erlebt, dass sich die Naturwissenschaftler überlegen fühlen. Im Austausch mit Naturwissenschaftlern hatte ich immer das Gefühl, dass sie sich sehr für die sozialwissenschaftliche Klimaforschung interessieren und den Beitrag der Sozialwissenschaftler zum Verständnis der Wechselwirkungen zwischen der natürlichen Umwelt und der Anthrophosphäre zu schätzen wissen.

Gibt es wichtige Fragen im Bezug auf die Abgrenzung des geophysikalischen Klimas, die Definition von Klima und die sozialen Auswirkungen des Klimawandels, die von CliSAP nicht in der erforderlichen Tiefe behandelt werden?
Ob die naturwissenschaftlichen Themen hinreichend untersucht werden, kann ich nicht sagen. Im Bezug auf die Sozialwissenschaften denke ich, dass der (Erklärung von) Klimapolitik mehr Aufmerksamkeit gewidmet werden sollte.

Wie könnte die transdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen den Sozial- und Kulturwissenschaften und den Naturwissenschaften innerhalb CliSAP gestärkt werden?
Transdiziplinäre Zusammenarbeit macht besonders dann Sinn, wenn es um die Lösung eines realweltlichen Problems geht. Normalerweise sind die Anreize in der Wissenschaft für transdisziplinäres Arbeiten begrenzt, jedenfalls höre ich das oft. Das liegt daran, dass Karrieren nach wie vor disziplinär orientiert sind. Um die transdisziplinäre Zusammenarbeit zu stärken braucht man idealerweise jemanden (vielleicht von außerhalb der Wissenschaft), der eine problemorientierte statt disziplinäre Perspektive einbringt und der dann eine ganzheitliche wissenschaftliche Herangehensweise an das Thema fordert und auch finanziert.

Was ist bislang der größte Erfolg Ihrer Karriere?
Wie eingangs gesagt, stehe ich noch ziemlich am Anfang meiner Karriere. Abgesehen von der (Ko)Autorenschaft einiger wissenschaftlicher Publikationen freue ich mich darüber, dass ich die Sozialwissenschaften in der "Young Scientists" Konferenzserie stärken kann, die von jungen Wissenschaftlern der drei norddeutschen Klima- und Meeresforschungscluster organisiert wird.

Was ist für Sie die derzeit wichtigste, spannendste oder überraschendste Entwicklung in der sozialwissenschaftlichen Klimaforschung?
Ich sehe viele spannende Entwicklungen in den verschiedenen sozialwissenschaftlichen Disziplinen, Forschungstraditionen und theoretischen Schulen, die sich mit Klimawandel befassen. Besonders fruchtbar und relevant finde ich vergleichende, internationale Projekte, die neben Beschreibungen auch erklärende Faktoren identifizieren helfen. Meiner Kenntnis nach bietet das laufende Projekt COMPON (Comparing Climate Change Policy Networks), das von Jeff Broadbent an der Universität Minnesota geleitet wird, hier die besten Möglichkeiten.

Wie würden Sie die Rolle der Wissenschaft innerhalb der Gesellschaft beschreiben?
Die Rolle der Wissenschaft besteht darin, Wissen zu generieren, auf dessen Grundlage bessere Entscheidungen zu den zukünftigen gesellschaftlichen Entwicklungspfaden getroffen werden können.

Sehen Sie einen zunehmenden Einfluss der Politik oder der Wirtschaft auf die Klimawissenschaft?
Nein.

Was macht für Sie gute Wissenschaft aus?
Gute Wissenschaft ist sich ihrer Funktion innerhalb der Gesellschaft bewusst (siehe oben). Auf Basis theoretischer Ansätze und realer Probleme identifiziert sie relevante Forschungsfragen, untersucht diese Themen unabhängig von äußeren Einflüssen und mit angemessenen wissenschaftlichen Methoden. Sie macht die Ergebnisse sowohl der wissenschaftlichen Gemeinschaft als auch der Gesellschaft zugänglich (auf verständliche Art und Weise).

Was würden Sie tun, wenn Sie eine zusätzliche Million Euro für Ihre Forschung erhielten?
Ich würde wahrscheinlich ein internationales Projekt aufziehen, das sich mit dem relativen Einfluss verschiedener gesellschaftlicher Akteure in der Problemkonstruktion und Formulierung von klimapolitischen Zielen beschäftigt. Damit könnten die Unterschiede in der Klimagesetzgebung in verschiedenen Ländern erklärt werden.

Bislang haben wir 11 Interviews mit CliSAP-Mitarbeitern durchgeführt, mit so unterschiedlichen Personen wie Studenten, Professoren und Verwaltungspersonal. Sie sind der letzte in einer ersten (und möglicherweise letzten) Interviewserie. Haben Sie sich einige der anderen Interviews angesehen? Oder wussten Sie gar nichts von deren Existenz? Finden Sie eine solche Serie nützlich, und worin liegt für Sie der Zusatznutzen derartiger Interviews?
Ich habe mir einige der anderen Interviews angesehen und fand sie interessant. Ich finde diese Interviewserie hilfreich für die Entwicklung einer kollektiven Identität und die Verbesserung des gegenseitigen Verständnisses für die Perspektiven, die die verschiedenen Wissenschaftler in CliSAP einbringen. Allerdings fände ich es schön, wenn die Interviewpartner nicht nur als Wissenschaftler angesprochen würden, sondern als Personen mit multiplen Rollen, denn diese anderen Rollen nehmen viel Einfluss auf die wissenschaftliche Karriere. Eine relevante Frage wäre zum Beispiel, warum jemand seine derzeitige Position erreicht hat und was diese Person antreibt und vielleicht auch behindert. Es gibt viele junge Wissenschaftler in CliSAP, für die das von Interesse sein könnte und die vielleicht auch auf der Suche nach Vorbildern sind.

Das Interview führte Prof. Dr. Hans von Storch, Leiter am Institut für Küstenforschung des Helmholtz-Zentrums Geesthacht.