CliSAP successfully finished in 2018. Climate research continues in the Cluster of Excellence "CLICCS".

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Am Montag wurde der Weltklimabericht in Berlin vorgestellt.

CliSAP: Aus wissenschaftlicher Sicht also ein interdisziplinäres Projekt.

Held: Genau. Wichtig sind auch Fächer, deren Bedeutung für die Lösung des Klimaproblems bislang unterschätzt wurde. Im aktuellen Bericht gibt es beispielsweise erstmals ein Ethikkapitel, das sich mit der Frage beschäftigt, was in der Klimapolitik ein fairer Deal ist. Solche Gerechtigkeitsfragen sind zentral, gerade weil die Hauptverursacher des Klimawandels vergleichsweise wenig von den Folgen betroffen sind. Umgekehrt haben die am stärksten Betroffenen nur geringen Anteil an den globalen Emissionen. Erst in den letzten Jahren ändern sich die Anteile – einige Schwellenländer, die bisher eher zu den Betroffenen gehörten, werden zunehmend zu Verursachern des Klimawandels.

CliSAP: Wer sind die Hauptverursacher?

Held: Die größte Emissionssteigerung verzeichnen wir derzeit in Asien. Der CO2-Ausstoß der OECD-Länder ist stabil, wenn auch auf sehr hohem Niveau. 2010 stammten 65 Prozent der Emissionen aus der Verbrennung fossiler Energieträger wie Kohle und Gas sowie aus der Industrie. Darüber hinaus schlüsselt der aktuelle Bericht die Emissionen nach Bevölkerungsgruppen auf. Demnach gibt es einen klaren Zusammenhang zwischen Pro-Kopf-Einkommen und Pro-Kopf-Emission, wobei die obere Mittelschicht derzeit für den größten Anteil an der Zunahme des globalen CO2-Ausstoßes verantwortlich ist. Außerdem wird deutlich, dass verschiedene Lebensstile eine Rolle spielen, etwa bei den Essgewohnheiten. Ich war selbst überrascht, wie schlecht zum Beispiel die Klimabilanz von Rindfleisch gegenüber Schweinefleisch oder Geflügel ist.

„Schaut man nur auf die bestehenden Verpflichtungen, steuern wir eher auf ein 3,5-Grad-Ziel zu.“

CliSAP: Einige Nationen und Bevölkerungsgruppen emittieren also mehr als andere. Da scheint es in der Tat ein Gerechtigkeitsproblem zu geben.

Held: Aus diesem Grund wird im aktuellen Bericht besonders betont, dass der Zustand des Klimas ein Gemeingut ist. Bei der Gerechtigkeitsfrage geht es zum einen um Verschmutzungsrechte, zum anderen darum, wie Investitionen in Klimaschutz und Anpassung an den Klimawandel auf alle Schultern fair verteilt werden. Hierzu gehört auch, dass Länder, die in die Erforschung CO2-armer Technologien investieren, Nutzen für alle erzeugen – aber die Kosten allein tragen. Das ist aus meiner Sicht ebenfalls nicht gerecht.

CliSAP: Von welchem Summen reden wir hier? Genügt das Kapital, das momentan investiert wird?

Held: Leider nicht. Bis 2050 müssen die Investitionen in den Low-Carbon-Sektor um das Drei- oder Vierfache steigen. Nur so lässt sich der CO2-Ausstoß um 40 bis 70 Prozent senken und das Zwei-Grad-Ziel einhalten. Momentan proklamiert die Politik zwar dieses Ziel, aber die Selbstverpflichtungen erlauben zu hohe Emissionen. Schaut man nur auf die bestehenden Verträge und Verpflichtungen, steuern wir eher auf ein 3,5-Grad-Ziel zu.

CliSAP: Es gibt Stimmen, die eine höhere Obergrenze für ökonomisch sinnvoll erachten – weniger Klimaschutz, dafür mehr Anpassungsmaßnahmen. Die Kosten durch Extremwetter und Ernteeinbußen beispielsweise würden dann durch geringere Ausgaben für Klimaprojekte kompensiert.

Held: Nur ist diese Art der Kosten-Nutzen-Analyse eben nicht besonders ausgereift. Es ist keineswegs sicher, wie das Erdsystem auf eine starke Erwärmung reagiert. Wie wissen zum Beispiel nicht, wie abrupt die Veränderungen sein werden und wie viel Zeit uns zur Anpassung bleibt. Bezieht man diese fundamentale Unsicherheit ein, halten manche Ökonomen sogar radikale Anstrengungen zur Emissionsminderung durchaus für diskussionswürdig. Aus dieser Sicht müssten wir den CO2-Ausstoß sogar noch stärker reduzieren, als dies in den meisten Szenarien des Berichts der Fall ist.


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