„Klimaschutz und Wirtschaftswachstum sind vereinbar“

Am Dienstag veröffentlichte der Weltklimarat den dritten Teil seines Berichts zum Stand des Wissens über den Klimawandel. Professor Hermann Held, Leiter der Forschungsstelle Nachhaltige Umweltentwicklung (FNU) und Principal Investigator des Exzellenzclusters CliSAP, hat als Leitautor daran mitgewirkt. Mit uns sprach der Physiker und Ökonom über die wirtschaftlichen Aspekte des Klimawandels, wichtige Neuerungen im aktuellen Bericht und darüber, wie unterschiedliche Wissenschaften beim Thema Klima zusammenkommen.

Prof. Hermann Held’s research focuses on finding sustainable solutions to the climate problem. He was one of the Lead Authors of the IPCC’s latest Assessment Report.

CliSAP: Herr Held, an dem gerade veröffentlichten dritten Teil des Weltklimaberichts haben mehrere hundert Wissenschaftler vier Jahre lang gearbeitet, ehrenamtlich und neben den normalen Verpflichtungen. Herausgekommen ist ein Werk mit über zweitausend Seiten. Lohnt sich der Aufwand?

Held: Der Weltklimarat, also das Intergovernmental Panel on Climate Change, kurz IPCC, stellt fest, was wir über den Klimawandel aus wissenschaftlicher Sicht sicher wissen und was noch umstritten ist. Das ist enorm wichtig, denn nur so kommen wir aus der misslichen Situation der Talk-Show-Formate heraus: Ein Experte behauptet dieses, ein anderer jenes. Dabei wird unterschlagen, dass bestimmte Positionen kaum Rückhalt in der wissenschaftlichen Gemeinschaft haben. Der Klimabericht schreibt zwar niemandem etwas vor, aber er schafft Klarheit darüber, welche Aussagen gesichert sind und welche nicht.

CliSAP: Im ersten Teilbericht vom September letzten Jahres ging es um die naturwissenschaftlichen Grundlagen des Klimawandels – etwa darum, wie stark sich die Atmosphäre bei bestimmten CO2-Emissionen erwärmt. Der zweite Teil beschäftigte sich mit den Folgen für Mensch und Natur sowie mit Möglichkeiten der Anpassung. Worum geht es im aktuellen letzten Teil?

Held: In der Arbeitsgruppe III zeigen wir Wege zur Minderung des vom Menschen gemachten Klimawandels auf: Was können wir tun, wenn wir die Erderwärmung auf zwei Grad gegenüber dem vorindustriellen Niveau begrenzen wollen? Was, wenn wir schwächere Ziele verfolgen? Auch hier schreibt der IPCC nichts vor, sondern er zeigt verschiedene Möglichkeiten auf. Das Zwei-Grad-Ziel ist ja in letzter Konsequenz ein politisches Ziel und wurde nicht vom IPCC erfunden.

„Wichtig sind auch Fächer, deren Bedeutung für das Klimaproblem bislang unterschätzt wurde.“

CliSAP: Es geht also um Technologie und Technikfolgenabschätzung?

Held: Der technologische Aspekt ist wichtig, steht aber keineswegs allein. Die große Frage ist, wie Wirtschaft und Politik das Klimaproblem angehen können und welche Folgen das für die Gesellschaft hat.

Ein Beispiel sind Städte. Wenn wir weiterhin die gegenwärtigen Technologien verwenden, würden bis 2050 allein durch den Infrastruktur-Aufbau 470 Gigatonnen CO2 mehr in die Atmosphäre gelangen. Dann wäre  die Einhaltung des Zwei-Grad-Ziels kaum noch möglich. Gleichzeitig haben Städte ein großes Einsparpotenzial, etwa durch kompaktere Bauweise in Verbindung mit hoher Arbeitsplatzdichte. Das ist für Architekten und Stadtplaner herausfordernd, aber auch für Politik- und Sozialwissenschaftler, die Urbanisierungsprozesse erforschen und helfen, gesellschaftliche Entwicklungen richtig einzuschätzen.


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