"Ich hatte zunächst Angst vor Physik, deshalb habe ich Meteorologie studiert"

Am 11. September erhält Prof. Hartmut Graßl, emeritierter Direktor am Max-Planck-Institut für Meteorologie (MPI-M) und Professor emeritus am Meteorologischen Institut der Universität Hamburg, die höchste Auszeichnung, die  Silbermedaille der Europäischen Meteorologischen Gesellschaft – für "seine Führungsrolle in der Gestaltung der Klimawissenschaft und seine außergewöhnliche Art, diese gegenüber Kollegen, Politikern und der Öffentlichkeit zu kommunizieren". Mit uns sprach der 73-Jährige über die Entwicklung vom Orchideenfach Klimatologie zur millionenschweren "Big Science" und darüber, wie wissenschaftliche Erkenntnis ihren Weg ins gesellschaftliche und politische Tagesgeschehen findet.

Sein Wort hat Gewicht: Prof. Hartmut Graßl auf dem CliSAP-Herbstfest 2009.

CliSAP: Herr Graßl, Sie arbeiten seit über 40 Jahren in der Klimaforschung, haben die Anfänge begleitet, sich für das Thema stark gemacht, als der Klimawandel noch nicht in aller Munde war – weder in Deutschland, noch international. Sie haben Bewusstsein geschaffen bei Behörden und Politik, waren fünf Jahre lang Direktor des "World Climate Research Programme". Haben Sie sich das so vorgestellt, als Sie anfingen, in München zu studieren? Und wie sind Sie dann zur Klimaforschung gekommen?

Graßl: Ich hatte einen sehr guten, weitsichtigen und visionären Lehrer, Prof. Möller an der Ludwig-Maximilians-Universität in München, wo ich mit dem Meteorologie-Studium begann. Er hatte in seiner eigenen Doktorarbeit bereits 1932 ein Nomogramm entwickelt, mit dem er die langwelligen Nettostrahlungsflüsse in der Atmosphäre für die drei wichtigsten Klimagase Wasserdampf, CO2 und Ozon bestimmen konnte. Es wurde im ersten dreidimensionalen Klimamodell von Smagorinsky, Manabe und Wetherald in Princeton genutzt.

CliSAP: Hatten Sie denn zum Zeitpunkt Ihres Studiums schon geahnt, in welche Richtung die Klimaforschung gehen würde?

Graßl: Ja, sicher, denn ich habe meinem Lehrer Fritz Möller ja geglaubt. Erst einmal habe ich Meteorologie studiert, weil ich dachte, das sei nicht ganz so fordernd. Dann habe ich aber schnell gemerkt, dass das ziemlich viel Mathematik und Physik ist (lacht). Nach dem Vordiplom bin ich dann zur Physik gewechselt. Herr Bopp, der Lehrstuhlinhaber für Theoretische Physik – übrigens einer der „Göttinger Achtzehn“*1, das wusste ich aber damals noch nicht – prüfte mich kurz in Theoretischer Mechanik und dann schrieb er quer über mein Vordiplomzeugnis in Meteorologie: “Dieses Zeugnis schließt auch das Vordiplom in Physik mit ein“. Damit war ich Physikstudent und habe danach nie wieder eine Pflicht-Vorlesung in Meteorologie besucht, obwohl es mein Nebenfach war.

CliSAP: Damals gab es, anders als heute, die Klimawissenschaft als solche ja noch nicht.

„Anfangs waren die Klimatologen eine Untermenge der Meteorologen“

Graßl: Nein, die Klimatologen waren eine Untermenge der Meteorologen und machten überwiegend eine Synthese des Wetters mit statistischen Methoden. Es gab allerdings auch viele Klimastationen, die von ihnen betreut wurden. So war ich als Student – schon bevor ich zur Klimaforschung kam – ein Jahr lang für eine Expedition auf dem Forschungsschiff „Meteor“ tätig und habe mein Studium quasi unterbrochen. Fritz Möller und Heinrich Quenzel hatten damals ein Projekt initiiert, das die Absorptionsfähigkeit von Aerosolen im Südatlantik untersuchen sollte. Das war damals ein sehr innovatives Thema. Im Südatlantik bei 8°S deshalb, da dort die Atmosphäre noch wenig vom Menschen gestört war und nur natürliches Aerosol vorkam, höchstens noch Ruß von Vegetationsbränden auf dem afrikanischen Kontinent. Erst habe ich den Bau eines Containerlabors in München mit vorbereitet, dann in Hamburg auf einer Werft die Geräte eingebaut und schließlich mit dem sogenannten Interferenzfilter-Aktinographen auf der „Meteor“ mit Herrn Quenzel vier Monate lang gemessen.

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