Weltklimakonferenzen: ein wichtiges Signal

18.12.2017

Der Soziologe Stefan Aykut hat die Verhandlungen während der 21. Weltklimakonferenz in Paris untersucht. Für deren Erfolg ist nicht nur das gemeinsame Abschlussdokument entscheidend.

Die Eröffnungskonferenz der 23. Weltklimakonferenz in Bonn.

Können Weltklimakonferenzen den Klimawandel bremsen? Nach dem Scheitern des 15. Weltklimagipfels (COP15) in Kopenhagen 2009 standen die Verhandlungen an einem Wendepunkt. Unter großem Jubel wurde dann aber 2015 in Paris ein neues Klimaabkommen verabschiedet. Ohne Abkommen aber dennoch mit zufriedenen Gesichtern endete die COP23 vor einigen Wochen in Bonn. Aber woran misst sich der Erfolg der Klimakonferenzen?

Mit internationalen Kolleginnen und Kollegen habe ich 2015 die Verhandlungen der COP21 in Paris begleitet und aus soziologischer Perspektive analysiert. Mehr als 30.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer, 150 Regierende bei der Eröffnungszeremonie – die Konferenz war ein Ereignis der Superlative. Unser Interesse konzentrierte sich dabei nicht nur auf das Resultat, das  Klimaabkommen, sondern auch auf die Verhandlungen und die vielfältigen Veranstaltungen während der Konferenz selbst.

Die Hauptarbeit auf der Pariser Konferenz war überraschend kleinteilig: In Gruppen wurde der Text Abschnitt für Abschnitt seziert. Jeder einzelne Änderungswunsch wurde besprochen und im Anschluss in den Text aufgenommen – oder eben nicht. Ein mühsames Unterfangen angesichts der sehr verschiedenen Interessen. Der Pariser Klimavertrag unterscheidet sich dann auch deutlich von seinem Vorgänger, dem Kyoto-Protokoll von 1997. Er definiert zunächst ein gemeinsames Ziel: Den ärmeren Ländern soll geholfen werden, sich an die Folgen des Klimawandels anzupassen und die Erderwärmung soll auf unter zwei Grad Celsius begrenzt werden. Wie dieses erreicht werden soll, bleibt den Staaten allerdings selbst überlassen. Der Vertrag setzt auf Selbstverpflichtungen und regelmäßige Fortschrittsberichte. Das Kyoto-Protokoll gab dagegen genau vor,  wie stark jedes Land seine Emissionen reduzieren sollte.
 
Doch so wichtig es auch ist, ein Abschlussdokument allein macht noch keine erfolgreiche Konferenz. Die Klimagipfel wirken auch durch den Prozess selbst: Staaten feilen am gemeinsamen Text und ringen mit Nichtregierungsorganisationen, Umwelt- und Wirtschaftsverbände um die Deutungshoheit. Jahr für Jahr geht so von einer großen Gemeinschaft ein Signal an staatliche und ökonomische Akteure aus, ihre Pläne für die Zukunft entsprechend anzupassen. Im besten Fall fördert dies klimafreundliche Entwicklungen. So haben etwa einige Staaten in Bonn angekündigt, künftig auf Kohleenergie verzichten zu wollen.

Das wichtigste Ergebnis unserer Analyse: Die Zusammenkunft Tausender aus unterschiedlichsten Bereichen, die Diskussionen und Arbeit an den Beschlüssen schaffen erst die Grundlage, um gemeinsam Probleme und mögliche Lösungen zu benennen. Klimakonferenzen vernetzen die relevanten Akteure und verankern den Klimawandel im kollektiven Bewusstsein. Wir können dort die Anfänge der Entwicklung einer Weltgesellschaft beobachten. 

Ist das Genug? Mit Sicherheit nicht. Das Pariser Abkommen gibt einen Weg vor, beruht aber auf Freiwilligkeit. Dass dieser Weg voller Widerstände ist, lässt sich gerade in Deutschland – Stichwort Verkehrswende oder Kohleausstieg – gut beobachten. Große Veränderungen wie der Umbau der Wirtschaft zu Nachhaltigkeit lassen sich ganz offensichtlich nicht allein „von oben“ anordnen. Ohne kontinuierlichen Druck durch die Bevölkerung bleiben die globalen Bekenntnisse ohne Wirkung. Wenn wir den Klimawandel auf ein gerade noch erträgliches Maß begrenzen wollen, ist jetzt auch die Zivilgesellschaft gefordert.

Dieser Artikel erschien am 13. November 2017 als Gastbeitrag im Hamburger Abendblatt.

Stefan Aykut ist Juniorprofessor für Soziologie an der Universität Hamburg.

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