Welche Rolle spielen Emotionen im Journalismus? Interview mit Irene Neverla

02.11.2017

Empörung, Wut, Enttäuschung – Emotionen sind nicht erst seit der Bundestagswahl ein großes Thema in der Gesellschaft – und auch in den Medien. Aber welche Rolle spielen sie für den öffentlichen Diskurs? Das ist eines der Themen von Prof. Dr. Irene Neverla, die als Wissenschaftlerin im Exzellenzcluster CliSAP und im CEN die Kommunikation zum Klimawandel untersuchte – und jetzt in den Ruhestand geht.

Prof. Dr. Irene Neverla

Wenn man mal vom wissenschaftlichen Ideal ausgeht: Wie sollten die Medien arbeiten und wie sollte die mediale Öffentlichkeit aussehen?

Die mediale Öffentlichkeit – das heißt ja im Wesentlichen immer noch: der Journalismus als ein soziales System, das die öffentliche Kommunikation herstellt – sollte möglichst breit angelegt sein. Es sollten möglichst viele Themen in die Öffentlichkeit eingebracht werden, die für möglichst viele Gesellschaftsmitglieder relevant sind. Alles sollte im Hinblick auf Argumente und Fakten geprüft werden, um maximal vernunftbasierte Entscheidungen vorzubereiten, die von möglichst vielen Gesellschaftsmitglieder mitgetragen werden. Soweit das Wunschdenken in Journalismustheorie und politischer Philosophie. Solche normativen Ideale braucht jedes Berufsfeld.

Inwieweit wird dieses Ideal in der Realität erreicht?

Die Realität sieht natürlich anders aus. Erstens ist klar, dass Journalismus nicht alle Themen, Aspekte, Positionen in einer Gesellschaft abbilden kann. Zweitens gibt es in jeder Gesellschaft Themen und scheinbar randständige Milieus, die vom Journalismus wenig bis gar nicht in den Blick genommen werden und daher auch kaum auf die öffentliche Agenda gelangen. In der journalistischen Praxis und in der akademischen Journalistikwissenschaft müssen wir anhaltend daran arbeiten, solche Blindstellen der öffentlichen Aufmerksamkeit aufzudecken und zu revidieren.

Drittens aber stellt sich die Frage, inwieweit in der öffentlichen Debatte ausschließlich die Vernunft regieren kann. Der Mensch ist doch aus Vernunft und Emotion zusammengesetzt. Auch politische Entscheidungen werden letztlich von beidem getragen. Aber wie ist das Verhältnis dieser beiden Komponenten, wie weit ist Emotionalität notwendig oder sogar zuträglich, wo muss man Grenzen setzen? Da sind wir in den vergangenen Jahren sehr durchgerüttelt worden, weil die Gesellschaft durch Globalisierung und Digitalisierung in eine extreme Dynamik getrieben wird, und weil sehr viele Menschen diese unglaubliche Geschwindigkeit der Entwicklungen schmerzlich spüren. Daraus entstehen zum Teil extreme Affekte und Emotionen, auch in der Öffentlichkeit. Und manche Positionen erscheinen wie ein Rückfall in Dunkelzeiten, zum Beispiel wenn völkische und autoritäre Konzepte als Lösungen dargestellt werden.

Kann man Emotionalisierung in der Berichterstattung dann überhaupt entgegenwirken?

Wenn man von Emotionen spricht, dann umschließt das alles, von Angst und Neid und Gier bis zu Empathie, Freude, Hoffnung, Spass. Alles dies gehört zum Menschsein und zur öffentlichen Debatte.

Ich glaube, dass Modellvorstellungen von Menschen, die rein sachlich agieren, und von rein vernunftgesteuerten sozialen Systemen der Wissenschaft, Politik und öffentlicher Kommunikation auf einem tiefgreifenden Irrtum beruhen. Wir müssen das Konzept der Dualität von Vernunft versus Emotion, das dem klassischen Aufklärungsgedanken zugrunde lag, neu durchdenken. Wir müssen sozusagen die Zutaten und das Rezept neu zusammenstellen.

Für den praktischen Journalismus und für die Journalismusforschung bedeutet dies den „Reset-Knopf“ neu zu starten. Wann immer die technischen und sozialen Bedingungen des Journalismus sich wandelten, mussten auch seine Ziele, Mittel und Formate frisch durchdacht werden. Heute geht es unter anderem um das Verhältnis von Vernunft und Emotion – oder auch Affekten, also völlig unverarbeitete Emotionen,. Wie lässt sich dieses Verhältnis neu, kreativ und produktiv gestalten?

Wie können Emotionen positiv genutzt werden?

Beim Thema Klimawandel sieht man sehr deutlich, wie eng Fakten und Emotionen, die in Bewertungen einfließen, zusammenhängen. Die Naturwissenschaften haben das Phänomen Klimawandel von der Sache her definiert. Bekannt und damit zum politischen Thema wurde es aber erst über die Vermittlung durch die Medien. Und in deren Mittel, um Aufmerksamkeit zu erregen, flossen sehr wohl emotionale und unterhaltende Komponenten mit ein. Die Botschaft „Der Klimawandel findet heute statt“ hätte wohl nicht gereicht. Sondern die BILD-Zeitung hat zum Beispiel im Februar 2007 „Unser Planet stirbt“ auf der ersten Seite getitelt. Und zwei Wochen später hieß es: „Wir haben nur noch 13 Jahre Zeit“.

Aber auch die Qualitätsmedien arbeiten mit vergleichbaren Signalen. Ein Foto mit einem einsamen Eisbären auf einer schmelzenden Eisscholle ist keineswegs ein empirischer Beleg dafür, dass tatsächlich Erderwärmung stattfindet. Aber das Tier symbolisiert etwas, das Menschen bewegt und so wird Aufmerksamkeit für das Thema geweckt. Wenn Sie das erreichen wollen, müssen Sie den Menschen in seiner Gesamtheit – eben mit Kopf und Herz und Bauch – ansprechen.

Sie haben über Jahrzehnte zur medialen Kommunikation geforscht. Wie hat sich die wissenschaftliche Herangehensweise an Medien geändert – auch durch Social Media?

Durch die Digitalisierung, und vor allem durch die Verbreitung der Social Media müssen wir in der Kommunikationswissenschaft unsere Modelle neu adjustieren, wie private und öffentliche Kommunikation funktionieren. Wir müssen überdies auch empirische Methoden und Prüfkriterien anpassen oder gar neue Wege finden. Das beginnt mit der Frage, wie man an das Material herankommt? Für die klassischen Zeitungen konnte man die Artikel selbst sammeln oder aus öffentlich zugänglichen Archiven zusammentragen. Für die digitalen und interaktiven Medien hingegen – vor allem jene mit Monopolcharakter wie Facebook oder Twitter – ist die Forschung auf den Goodwill und die Vorauswahl der Konzerne angewiesen.

Die Forschungsfrage ist immer noch die alte: Wie gestaltet sich öffentliche Kommunikation und wo gibt es Schieflagen der Macht? Aber heute sind nicht bloß ein paar neue Kommunikationskanäle dazu gekommen, sondern die Interaktion zwischen den Feldern, zum Beispiel zwischen Journalismus und Social Media ist superkomplex geworden. Und während der Journalismus als Profession gehalten ist, ethischen Richtlinien zu folgen – zum Beispiel zum Schutz von Persönlichkeitsrechten – gelten diese Richtlinien in der Praxis der Social Media so gut wie gar nicht. Hier können Emotionen ohne Ende aufgebauscht werden. Die (halb-) öffentliche Kommunikation ist unübersichtlicher denn je, ihre Potenziale werden immer gewaltiger – im Positiven als Partizipationsoptionen, im Negativen als Machtmissbrauch. Umso dringender ist das kritische Nachdenken über die Rolle der Emotion in der öffentlichen Kommunikation.

Zur Person

Irene Neverla war seit 1992 Professorin an der Universität Hamburg und lehrte am Institut für Journalistik und Kommunikationswissenschaft. Sie arbeitete in der deutschsprachigen und internationalen Medien- und Kommunikationsforschung, zuletzt insbesondere im Bereich der Klimaberichterstattung (CliSAP) und der Krisenkommunikation.

Interview von Anna Priebe