Warum in Brasilien Zucker-Autos fahren

01.11.2016

Neues aus der Klimaforschung: Einmal im Monat berichten Klimaforscher im Hamburger Abendblatt über aktuelle Erkenntnisse. Daniele Vieira do Nascimento ist Governance-Forscherin und hat den Flex-fuel-Boom in Brasilien untersucht.

Zuckerrohr im Tank: Flex-fuel-Autos in Brasilien fahren mit Benzin oder Bioethanol
Daniele Vieira do Nascimento ist Governance-Forscherin und war Mitglied der brasilianischen Delegation bei den Klimaverhandlungen in Paris

Je nach Preis flexibel Kraftstoff tanken – was sich viele Autofahrer in Deutschland wünschen, ist in Brasilien schon länger Realität. Fast alle Autos, die heute auf den Straßen Brasiliens fahren, sind sogenannte Flex-fuel-Fahrzeuge. Sie lassen sich sowohl mit Benzin als auch mit Bioethanol betanken, das in Brasilien klimaneutral aus Zuckerrohr gewonnen wird. Die Technologie hat sich in Brasilien im letzten Jahrzehnt in extrem kurzer Zeit durchgesetzt: 2002 war der Flex-fuel-Antrieb noch nicht auf dem Markt, zwei Jahre später verfügten bereits 60 Prozent der Neuwagen über den flexiblen Antrieb. Wie konnte sich diese Technologie so ungewöhnlich schnell verbreiten?

Mal Benzin, mal Bioethanol günstiger

Um diese Frage zu beantworten, sprach ich mit Regierungsbeamten, Politikern, Ingenieuren, Automanagern und Verbandslobbyisten in Brasilien und wertete Studien und Dokumente aus den Jahren vor und während des Flex-fuel-Booms aus. Das Ergebnis hat mich überrascht: Vor dem Boom interessierten sich die wichtigen Akteure aus Politik und Wirtschaft gar nicht für die Flex-fuel-Technologie. Trotzdem hat sich der Flex-fuel-Antrieb durchgesetzt. Der entscheidende Impuls ging von den brasilianischen Autofahrern selbst aus.

Vor dem Flex-fuel-Boom fuhren die Brasilianer Fahrzeuge, die entweder Benzin oder Bioethanol tanken konnten. Die brasilianische Regierung hatte die Herstellung von Bioethanol und die Produktion von Ethanol-Autos stark gefördert. Das Problem für die Autofahrer: Die Preise der Kraftstoffe schwankten auch aufgrund wechselnder Regierungspolitik so stark, dass mal Benzin, mal Bioethanol viel günstiger war. Viele Brasilianer tankten den jeweils günstigeren Kraftstoff. Das ging auf Dauer oft nicht gut, die Motoren versagten. Taxifahrer blieben regelmäßig im Straßenverkehr liegen.

Schwankende Regierungspolitik

Und nun geschah etwas, das in der Forschung als Bottom-up-Prozess bezeichnet wird, also ein Prozess der von unten initiiert und nicht vom Top-Management oder der Regierung von oben herab verordnet wird: Ingenieure in den Entwicklungsabteilungen fingen an, mit Software zu experimentieren, die den Motor so einstellt, dass er beide Kraftstoffarten oder Gemische verarbeiten kann. Ein Ingenieur erzählte mir, dass er die Software erstmals beim Wagen seiner Frau ausprobierte, da er kein Geld für seine Experimente erhielt. Ingenieure, Zulieferer und Software-Entwickler begannen, sich über Firmengrenzen hinweg über die Flex-fuel-Technologie auszutauschen, bis auch die Top-Manager die große Nachfrage erkannten und die Marktchance ergriffen.

Die Brasilianer haben sich mit dem millionenfachen Kauf von Flex-fuel-Autos an eine schwankende Regierungspolitik angepasst, die mal die eine, mal die andere Kraftstoffindustrie fördert. Das Flex-fuel-Auto wird deshalb von vielen Einwohnern Brasiliens sogar als "national car" – als Auto mit nationaler Identität – gesehen, welches am besten zu den politischen Kurswechseln im Land passt.


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