Rodung von Tropenwald: Klimavertrag von Paris würde Abschreibung erlauben

20.07.2016

Neues aus der Klimaforschung: Einmal im Monat berichten Klimaforscher im Hamburger Abendblatt über aktuelle Erkenntnisse. Michael Köhl hat untersucht, was das geplante Klimaabkommen von Paris für den Regenwald bedeuten würde.

Unzählige Hölzer aus dem Regenwald sind nicht nutzbar - und werden flächendeckend mit gerodet.
Nur 15 bis 50 Prozent der gerodeten Pflanzen verlassen den Regenwald und werden weiter verarbeitet.
Experte für tropischen Regenwald, Prof. Michael Köhl.

Ein neues Klimaabkommen der Vereinten Nationen wurde Ende 2015 in Paris verhandelt und gilt weltweit als Erfolg. Eine geplante Neuerung könnte allerdings unbeabsichtigte Folgen haben. Bisher wurden technisch entwickelte und weniger entwickelte Länder in so genannte Annex-1- und Nicht-Annex-1-Staaten eingeteilt. Diese Einteilung soll nun aufgehoben werden. Am Centrum für Erdsystemforschung und Nachhaltigkeit haben wir untersucht, was dies für den tropischen Regenwald bedeuten könnte. 

Der Regenwald ist nicht nur die grüne Lunge der Erde. Er speichert auch eine große Menge Kohlenstoff, C, in seinen Stämmen, Ästen und Blättern. Wenn Bäume gefällt werden, ist die Speicherung gefährdet. Verrottet das Holz oder wird es verbrannt, gelangt der Kohlenstoff als klimaschädliches CO2 in die Luft. Zurzeit gehen bereits ein Fünftel aller Treibhausgasemissionen weltweit auf Entwaldung zurück.

Wird Holz dagegen langfristig in einem Möbel, Fensterrahmen oder Dachbalken genutzt, bleibt das C vorerst im Holz gespeichert – ohne negativen Effekt für das Klima. Dies ist in nachhaltig regulierten europäischen Wirtschaftswäldern der Fall, auch weil die Sägewerke effizient arbeiten und sogar Holzabfälle zu Produkten weiterverarbeitet werden. Ersetzen Fensterrahmen aus Holz dann noch energieintensive Produkte wie Aluminium-Rahmen, ist die C-Bilanz sogar positiv. Paradoxerweise bedeutet das, den Baum zu fällen, ist besser für das Klima, als ihn stehen zu lassen.

Deshalb wurde 2009 eine Bonusregelung beschlossen, allerdings nur für die technisierten Annex-1-Länder. Geerntetes Holz darf in Form von Holzprodukten abgeschrieben werden. Der neue Pariser Klimavertrag würde diese Bonusregel ab 2020 auch auf weniger entwickelte Länder mit großen Regenwaldflächen ausdehnen. Ist das sinnvoll?

Indonesien etwa plant im nächsten Jahrzehnt 20 Prozent seines Tropenwaldes für landwirtschaftliche Nutzung zu roden. Nach dem alten Klimavertrag würde dies dem Land in vollem Umfang als schädliche Emissionen angerechnet und damit teuer werden. Ein Anreiz für den Staat, über Alternativen nachzudenken. Greift nun die neue Regelung, kann Indonesien für sich reklamieren, aus Tropenholz ebenfalls langlebige Holzprodukte zu produzieren. Dies wird ja auch zum Teil tatsächlich der Fall sein und wäre somit nur fair.

Deshalb haben wir die Holzernte in Tropengebieten wissenschaftlich unter die Lupe genommen. In Szenarien berechnen wir die Effizienz lokaler Formen der Ernte, der Produktionswege und der Holznutzung. Die Ergebnisse zeigen: Schon bei der Ernte entstehen hohe Verluste. Von 100 Prozent abgeholzten Pflanzen verlassen nur 15 bis 50 Prozent den Wald. Der Rest verrottet an Ort und Stelle, Kohlendioxid wird frei. Im Sägewerk werden von der geringen Ausbeute wiederum nur rund 30 Prozent verwertet. Alles Übrige wird in der Regel verbrannt.

Fazit: Die Emissionsbilanz vieler Regenwaldstaaten durch Abholzung ist derzeit verheerend. Auch eine effizientere Ernte würde kaum helfen. Anders als der europäische Wirtschaftswald mit seinen Monokulturen ist der Tropenwald ein Mix aus nutzbaren und nicht-nutzbaren Bäumen, durchdrungen von Unterholz. Unmengen von nicht verwertbaren Pflanzen würden flächendeckend mit gerodet.

Klimaneutral ist die Nutzung von Tropenholz also nicht zu haben. Gleichzeitig geht es um mehr als Emissionen. Die Erde könnte weite Teile eines unberührten Ökosystems verlieren, ein nicht zu reparierender Schaden.

 

Mehr Information:
Studie im Fachjournal "Carbon Balance and Management"
Harvested wood products and REDD+: looking beyond the forest border

Kontakt Prof. Michael Köhl