Neue Wege: Wie sich Einstellungen beim Klimaschutz ändern können

24.03.2014

Neues aus der Klimaforschung: Einmal im Monat berichten Klimaforscher im Hamburger Abendblatt über aktuelle Erkenntnisse. Jasmin Link ist mathematische Soziologin und untersucht Pfadabhängigkeiten.

Combines Mathematics with Sociology: Jasmin Link.

Was haben Schreibmaschinen mit dem Klimawandel zu tun? Die Antwort: Beide basieren auf der sogenannten Pfadabhängigkeit. Diesen Begriff verwenden wir in der Soziologie, wenn frühere Entscheidungen Macht über die Gegenwart haben. Ein Beispiel ist die Anordnung der Buchstaben auf Tastaturen. Sie wurde im neunzehnten Jahrhundert entwickelt, so dass sich die Typenhebel der Schreibmaschinen nicht verhaken. Obwohl moderne Geräte wie Laptops oder Smartphones ohne solche Hebel auskommen, blieb die Anordnung unverändert. Grund ist die weite Verbreitung und die damit einhergehende Gewöhnung.

Aus demselben Grund fällt es uns schwer, unser Verhalten auf klimaschonende Alternativen umzustellen. Bestimmte Routinen – etwa die Autofahrt ins Büro – sind tief in unserer Gesellschaft verwurzelt und beruhen auf traditionellen Technologien wie dem Verbrennungsmotor. In einer solchen Situation kann der eingeschlagene Pfad nur mühevoll verlassen werden. Beispiel Elektromobilität: Da es bislang nur wenige Ladestationen gibt, sind Elektroautos im Alltag noch nicht überall praktikabel. Auch verbreitete Vorstellungen von Geschwindigkeit und PS-Stärke stehen der neuen Technologie im Wege.

Am Hamburger Exzellenzcluster für Klimaforschung untersuche ich solche Pfadabhängigkeiten. Leitende Frage ist, wie Menschen handeln, wenn ihre alten Verhaltensweisen nicht mehr funktionieren. Grundlage sind dabei Erkenntnisse aus der Sozialpsychologie: Häufig wägen Menschen ihre Entscheidungen nicht ab, sondern imitieren das Verhalten ihrer „persönlichen Experten“. Je nach Thema und Situation kann das der persönliche Computerexperte, der Nachbar oder die breite Masse sein. Stellt sich der Experte als verlässlich heraus, folgt der Betroffene seinem Verhalten auch in Zukunft. Auf diese Weise ergeben sich ganze Netzwerke von Abhängigkeiten. Diese bestehen zum Beispiel aus Freunden und Bekannten, aber auch aus den Medien – also aus allen Quellen, aus denen eine Person Vorlagen für ihre Handlungen bezieht. Je stärker die Abhängigkeit, umso geringer die Chance für Veränderungen.

Interessanterweise bewirkt derselbe Mechanismus manchmal auch das Gegenteil. Dies kann passieren, wenn die Betroffenen merken, dass eingewöhnte Verhaltensweisen nicht mehr praktikabel sind. So schaden etwa Benzin- und Dieselmotoren dem Klima. Damit sich etwas ändert, sind zwei Dinge wichtig: der technologische Rahmen und die persönlichen Experten. Gäbe es etwa mehr Ladestationen, würden Käufer von Neuwagen eher über ein Elektroauto nachdenken. Die neuen Eigentümer wären dann frisch gebackene Experten innerhalb ihrer Netzwerke. Bereits wenige Pioniere könnten hier viel bewirken. Wie bei Facebook oder Twitter würden immer mehr Bekannte und Freunde die neue Verhaltensweise übernehmen. Resultat wäre eine höhere Nachfrage nach Elektroautos, was die Produktion fördern und die Preise drücken würde. Dies stärkt wiederum den neuen Pfad, bis die Technologie sich schließlich flächendeckend durchsetzt. Klimaschonende Alternativen haben also durchaus eine Chance, wenn die technologischen Voraussetzungen stimmen – und wenn genügend Pioniere gewonnen werden.

Autorin: Jasmin Link

 

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