Naturschutz mit Lücken

22.10.2018

Computerprogramm spürt die besten Flächen für fehlende Schutzgebiete auf.

Landschaftsplanerin Anke Müller.

Ein auffallender Widerspruch hat mich zu meiner Doktorarbeit inspiriert: Einerseits weist die Europäische Union immer mehr Naturschutzgebiete aus, anderseits sterben weiterhin Tier- und Pflanzenarten aus, verschwinden Lebensräume in einem beängstigenden Tempo. Das ist nicht nur für den Artenschutz problematisch, der Verlust von Biodiversität wirkt sich auch auf das Klima aus. Denn vielfältige, intakte Lebensräume wie Moore und Wälder binden Kohlenstoff, der sonst als Treibhausgas Kohlendioxid in die Atmosphäre gelangen könnte.

Wo noch Schutzgebiete fehlen, untersuche ich im Rahmen meiner Doktorarbeit am Centrum für Erdsystemforschung und Nachhaltigkeit (CEN) an der Universität Hamburg. Dafür habe ich zunächst geprüft, was die EU bislang getan hat. Und habe festgestellt: Eines ihrer wichtigsten Vorhaben hat sie umgesetzt. 18 Prozent der europäischen Landfläche stehen unter Naturschutz; ein Prozent mehr als zugesagt. Doch ein wichtiges Ziel hat sie nicht verwirklicht. Sie hat nicht jeden Naturraum ausreichend berücksichtigt, nicht jede der 43 europäischen „Ökoregionen“ zu 10 Prozent unter Schutz gestellt. Bis 2020 muss das geschehen, dazu hat sich die EU auf verschiedenen Umweltgipfeln verpflichtet.

Sechs Ökoregionen haben Nachholbedarf. Zu ihnen gehören die „Buchenwälder der Englischen Tiefebene“ oder die „Mischwälder des Po-Beckens“ – vergleichsweise kleine Regionen Nischenlandschaften, sozusagen. Überraschenderweise ist aber auch eine Region betroffen, die sich über ein ausgedehntes Gebiet und mehrere Länder erstreckt. Buchen, Eichen und Kiefern prägen die „Atlantischen Mischwälder“, die sich von den Pyrenäen bis zur deutsch-dänischen Grenze erstrecken. Doch diese riesige Fläche ist nicht überall gleich. Neben Wäldern kommen in der Ökoregion auch Lebensräume wie Fließgewässer, Moore und Wiesen vor. Will man die europäische Artenvielfalt erhalten, muss man von jedem solchen Lebensraum einen Zipfel erfassen.

Noch ist das nicht der Fall. In den Atlantischen Mischwäldern fehlen beispielsweise Moorwälder vom Typ 91D0*: Laubwälder mit Moorbirken oder Waldkiefern auf feuchten, nährstoffarmen und sauren Böden. Solche Wälder gibt oder gab es in Frankreich, Belgien, den Niederlanden – und auch in Norddeutschland waren sie einst weit verbreitet. Doch nach jahrhundertelanger Entwässerung steht es heute schlecht um sie.  

Wer muss nun tätig werden, welches Land muss die fehlenden Naturschutzgebiete schaffen? Dafür gibt es keine Vorgaben. Sinnvoll wäre es jedoch, neue Schutzgebiete dort auszuweisen, wo die Ziele der EU kostengünstig erreicht werden können. Das ist meist dort möglich, wo das Land nur geringe Erträge bringt. Sind wirtschaftliche Interessen nicht so stark betroffen, akzeptieren die Landbesitzer mit dem Naturschutz verbundene Einschränkungen leichter. Und seltene Tiere und Pflanzen haben oft gerade auf wenig bewirtschafteten Flächen ein Refugium gefunden.

Für meine Doktorarbeit habe ich Landpreise für ganz Europa zusammengetragen. Ich habe ein Computerprogramm entwickelt, das diese mit den Vorkommen schützenswerter Lebensräume abgleicht: Eine knifflige Angelegenheit, weil ich erst einen passenden Algorithmus schaffen musste.  Erst nach anderthalb Jahren traten schließlich Landkreise, Grafschaften, counties oder comtés hervor, in denen die Ausweisung neuer Schutzflächen empfehlenswert wäre. Einige liegen sogar direkt vor den Toren Hamburgs, etwa im Landkreis Rotenburg (Wümme) oder Lüneburg.

Insgesamt fehlt gar nicht viel, um die Ziele der EU zu erreichen. Nur 0,35 Prozent der europäischen Landfläche müsste noch unter Naturschutz gestellt werden: Rund 15.000 Quadratkilometer – oder 20 Mal die Fläche von Hamburg.

Dieser Artikel erschien am 15. Oktober 2018 als Gastbeitrag im Hamburger Abendblatt.

Landschaftsplanerin Anke Müller ist Mitglied im Centrum für Erdsystemforschung und Nachhaltigkeit (CEN) und promoviert an der Forschungsstelle Nachhaltige Umweltentwicklung der Universität Hamburg.

Link zum Paper