Energiewende: Wenn Maisfelder zum Zankapfel werden

13.02.2018

Mit der Energiewende hat sich der Anteil erneuerbarer Energien in Deutschland in den letzten Jahren stark erhöht. Auch deswegen stoßen Windränder, Biogasanlagen oder Solarfelder immer wieder auf Kritik: Lassen sich solche Konflikte im Vorfeld umschiffen?

Symbolbild für eine Norddeutsche Energielandschaft
Dr. Peter Michael Link ist Geograph am Centrum für Erdsystemforschung und Nachhaltigkeit (CEN) der Universität Hamburg.

Die Umstellung auf klima- und umweltfreundliche Energien wirkt sich auf unsere Landschaften aus: Windräder oder Energiepflanzen für Biogasanlagen brauchen viel Raum – was Konflikte mit sich bringen kann. Am Centrum für Erdsystemforschung und Nachhaltigkeit (CEN) der Universität Hamburg gehen wir der Frage nach, wie künftige „Energielandschaften“ aussehen könnten. Mein Kollege Prof. Jürgen Scheffran und ich arbeiten dabei mit Modellen, die Entwicklungen über längere Zeiträume hinweg simulieren. Zum Beispiel nutzen wir sogenannte agentenbasierte Modelle, die abbilden, warum Akteure wann wie handeln. 

Konkret haben wir solch ein Modell auf Schleswig-Holstein angewendet. Wie prägt der Bedarf an Bioenergie die Landnutzung? Jede Gemeinde ist dabei ein Akteur. Wir nahmen außerdem vier Kulturpflanzen in den Blick, die zum Teil auch als Energiepflanzen genutzt werden können: Weizen, Mais, Zuckerrüben und Winterraps. Dabei vergleichen wir die Größe der Anbauflächen und Pflanzenauswahl im Jahr 2010 mit der Entwicklung bis zum Jahr 2100. 

Die Idee dahinter: Die Landwirte in jeder Gemeinde treffen die Entscheidung, welche Pflanzen sie im jeweiligen Jahr anbauen möchten, nach bestimmten Regeln. Das heißt also, sie handeln nicht zufällig, sondern bewusst mit Blick auf die jeweilige Gewinnerwartung – und werden dadurch ein Stück weit berechenbar. Aus dem Marktpreis der geernteten Menge und der Nachfrage ergibt sich dann der potentielle Profit für die Landwirte.  

Für Preise und Erntemengen nehmen wir im Modell an, dass sich die Trends der letzten 20 Jahre in etwa fortsetzen. Die anderen Faktoren variieren wir dann jeweils dazu. So prüfen wir zum Beispiel, wie sich der Anbau verändert, wenn insgesamt mehr Ackerland zur Verfügung steht oder was passiert, wenn Energiepflanzen, zum Beispiel durch Subventionen, aktiv gefördert werden.

Es zeigt sich: Steht den Gemeinden jedes Jahr etwas mehr Anbaufläche zur Verfügung, wird die Fläche für die Nahrungsproduktion nicht geschmälert. Zusätzlich geht der Anteil an  Energiepflanzen sogar zurück.  Stattdessen wird vor allem mehr Weizen angebaut, während der Anteil von Mais sinkt, der typischerweise auch als Energiepflanze dient. Erst durch externe Anreize, wie zum Beispiel finanzielle Förderungen, erhöht sich der Anteil von Energiepflanzen. Dabei steigt er nicht kontinuierlich, sondern nimmt zunächst nur mäßig zu. Ab einem gewissen Punkt beschleunigt sich diese Entwicklung jedoch deutlich – was das Landschaftsbild stark verändert. 

Unser Modell ist dabei wertungsfrei: Es zeigt, welche Entwicklungen auftreten können aber nicht die Reaktion der Menschen, zum Beispiel Proteste. Wir können aber Situationen identifizieren, in denen solche Konflikte wahrscheinlich sind – beispielsweise wenn Monokulturen entstehen oder Nutzflächen mit Naturschutzgebieten konkurrieren. Reagieren die Anwohner beispielsweise mit Demonstrationen, könnte das die Entscheidung der Bauern für oder gegen eine bestimmte Pflanzenart verändern – die Entwicklung bis 2100 sähe dann anders aus. 

Um verschiedenen Szenarien und Fragen zu diskutieren, bringen wir auf einer jährlichen Konferenz „Energielandschaften Norddeutschland“ Vertreterinnen und Vertreter aus Wissenschaft, Politik und Gesellschaft zusammen. Gemeinsam versuchen wir auch, Lösungen zu finden und neue Entwicklungen abzuschätzen. Interessant ist zum Beispiel: Was ändert sich, wenn Bioenergie nicht nur mehr für den lokalen Verbrauch sondern deutschlandweit genutzt wird? Werden sich mehr Bauern für Mais entscheiden, wenn dieser auch als Energiepflanze in Bayern gefragt ist?

Dieser Artikel erschien am 13. Februar 2018 als Gastbeitrag im Hamburger Abendblatt. 

Dr. Peter Michael Link ist Geograph am Centrum für Erdsystemforschung und Nachhaltigkeit (CEN) der Universität Hamburg. 

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