Der klimabewusste Bauer

13.03.2018

Die Politik will auch Landwirte künftig verpflichten, zur Reduktion von Treibhausgasen beizutragen. Das ist notwendig, denn über zehn Prozent aller Emissionen, die der Mensch verursacht, stammen aus der Landwirtschaft. Doch diese lassen sich nur mit viel Aufwand messen, daher sind Einsparungen schwer zu verwirklichen – bis jetzt.

Uwe Schneider ist Agrarökonom am Centrum für Erdsystemforschung und Nachhaltigkeit (CEN) der Universität Hamburg.

Treibhausgase in der Landwirtschaft entstehen aus vielen verschiedenen Quellen. Trecker stoßen Kohlendioxid aus, Kühe produzieren Methan. Der in Gülle und Mist enthaltene Stickstoff ist ein guter Dünger, kann sich jedoch auch in Lachgas verwandeln: Ein Gas, das 300 Mal so klimaschädlich ist wie Kohlendioxid. Wer irgendwo auf der Welt Wälder rodet, Grünland in Äcker verwandelt oder den Humusanteil von Ackerböden verringert, schädigt das Klima. Ebenso wirken sich scheinbare Kleinigkeiten aus: Wie oft ein Landwirt pflügt, welche Pflanzen er in welcher Reihenfolge anbaut und ob er den Boden düngt, wenn dieser nass oder trocken ist.

Ab 2030 will die kommende große Koalition den Agrarsektor verpflichten, Emissionen einzusparen – wie heute schon die Industrie. Doch wer will die Emissionen messen? Jeder Acker, jeder Stall ist anders, jede Managemententscheidung wirkt sich aus. Nicht einmal die Bauern selbst überblicken die Folgen. Aber sie halten das Thema für wichtig: Das hat die erste Befragung deutscher Landwirte ergeben, die wir im Rahmen unserer Forschung zu Treibhausgasen in der Landwirtschaft durchgeführt haben.

Erste Befragung deutscher Landwirte zu Treibhausgasen

Die meisten der 254 Teilnehmer schätzten ihr Wissen in diesem Bereich als eher gering ein und wünschen sich mehr Informationen. Und: Sie sind bereit, sich für die Verminderung von Emissionen zu engagieren. Wie sehr, hat uns überrascht. 70 Prozent der Befragten gaben an, dass gesellschaftliche Anerkennung sie motivieren würde, ihre Betriebe zukünftig klimaschonender zu bewirtschaften. 40 Prozent sehen sogar Steuern auf Emissionen positiv: Wahrscheinlich weil sie alle Betriebe gleichermaßen treffen würden und deshalb als gerecht empfunden wurden. Im Gegenzug wünschen sich die Landwirte wirtschaftliche Vorteile, beispielsweise Subventionen oder ein Label für klimafreundliche Produkte, mit dessen Hilfe höhere Preise erzielt werden könnten.

Wichtig wäre aber auch ein Werkzeug, das den Landwirten zeigt, wo genau die Treibhausgase entstehen und wie sich ihre individuellen Entscheidungen auf die Entstehung von Emissionen auswirken. Ein solches Werkzeug müsste unkompliziert sein, leicht und schnell zu bedienen. Und genau da setzen wir an. Wir wollen Software modifizieren, die Landwirte bereits nutzen – und die Emissionen mit Hilfe der Daten berechnen, die sie ohnehin erheben. Sensoren an ihren Maschinen messen beispielsweise das Pflanzenwachstum und Anzeichen für die Nährstoffversorgung. Aufgrund der gewonnenen Daten dosiert die dahinter steckende Managementsoftware Düngemittel automatisch, quadratmetergenau. Durch die Integration eines Rechenmodells aus der Wissenschaft könnte die Software auch die entstehenden Treibhausgase berechnen. Am Beispiel ausgewählter Betriebe überprüfen wir das. Unsere Zielvorstellung ist, dass zukünftig jeder Landwirt die neue Zusatzfunktion der Software verwenden kann: Erst in Deutschland und später in ganz Europa.

Damit können sich Landwirte entscheiden, wie sie wirtschaften wollen, wo sie Emissionen reduzieren können und ob mögliche Ertragsminderungen durch einen finanziellen Ausgleich aufgefangen werden. So wird es möglich, Klimaziele für die Landwirtschaft zu formulieren, zu überprüfen und umzusetzen.

Dieser Artikel erschien am 12. März 2018 als Gastbeitrag im Hamburger Abendblatt.

Uwe Schneider ist Agrarökonom am Centrum für Erdsystemforschung und Nachhaltigkeit (CEN)