China: Klimaschutz als Nebeneffekt

17.10.2017

Spätestens seit dem Ausstieg der USA aus dem Pariser Klimaschutzabkommen gilt China als neuer Hoffnungsträger für den weltweiten Klimaschutz. Noch ist das Land der größte Produzent von Treibhausgasen weltweit. Inzwischen präsentiert es sich aber selbstbewusst in der Rolle des Klimaretters und feiert erste Erfolge. Aber wie effektiv sind die chinesischen Bemühungen wirklich?

China gilt als Hoffnungsträger für den weltweiten Klimaschutz, inzwischen positioniert sich das Land auch selbstbewusst in dieser Rolle. Eine wichtige Rolle spielen dabei die urbanisierten Räume.
Anita Engels ist Professorin für Soziologie an der Universität Hamburg.

China spielt eine entscheidende Rolle im Kampf gegen die globale Erwärmung. Eine konsequente Klimaschutzpolitik, im Idealfall ohne spürbare Nachteile für die Bevölkerung, könnte den Klimawandel abmildern. Sein Potential als Klimaschützer ist unbestritten – und die Ziele der Regierung inzwischen ehrgeizig: Im Vergleich zu 2005 soll bis 2020 die Menge von Kohlendioxid-Emissionen bezogen auf die Wirtschaftsleistung um bis zu 65 Prozent reduziert werden. Der Anteil erneuerbarer Energien soll auf 15 Prozent steigen. Energie einzusparen, ist Teil der Planwirtschaft des Landes geworden und in einigen Provinzen wurde testweise ein Emissionshandel eingeführt.

Doch wie weit ist Chinas Wandel zur klimafreundlichen Wirtschaft wirklich vorangeschritten? Das habe ich zusammen mit  einer chinesischen Gastwissenschaftlerin hier am Centrum für Erdsystemforschung und Nachhaltigkeit überprüft. Dafür haben wir zunächst alle aktuellen Forschungsergebnisse zum Thema analysiert und zusammengefasst. Gar nicht so einfach: Oft sind die Studien kaum vergleichbar, da sie ganz unterschiedlich an die Problemstellungen herangehen. Das Ergebnis ist die Mühen aber wert: Wir gewinnen ganz neue Einblicke und können große Entwicklungen besser erkennen.

Die Forschung zum Klimaschutz in China behandelt vor allem drei Bereiche: emissionsarme Städte, Technologien und Industrien sowie der Wandel des Energiesystems. Für alle drei Felder zeigt sich: China hat es noch nicht geschafft. Das Wachstum der Wirtschaft ist nach wie vor an steigende Treibhausgas-Emissionen gekoppelt. Für größere Erfolge wäre ein tiefgehender Wandel der Industrie nötig, in der jetzt noch die energieintensive Stahl- und Eisenindustrie die Emissionen in die Höhe treibt. Dazu müsste in der Energieversorgung auf Strom aus fossilen Brennstoffen wie Kohle verzichtet werden.

In unserer weiteren Forschung zeigt sich, dass China die Lücke nutzt, die der Rückzug der USA aus dem Pariser Klimaschutzabkommen international hinterlassen hat, und sich als „Macher“ präsentiert. Gleichzeitig wächst in China selbst der Druck: die Abhängigkeit von Öl-Importen, die unsichere Energieversorgung und vor allem die starke Luftverschmutzung rufen immer mehr Widerstand in der Bevölkerung hervor. Diese Entwicklung wird von der Regierung aufmerksam registriert, denn Proteste könnten zu einer Bedrohung für sie werden. So möchte sie durch mehr Sicherheit in der Energieversorgung und die Einführung von erneuerbaren Energien diese Konflikte entschärfen. Das kommt, quasi nebenbei, auch dem Klima zugute.

Unsere Untersuchung zeigt: Klimaschutz lohnt sich für China, weil er sich auch auf andere nationale Interessen positiv auswirkt. In weiteren Untersuchungen versuchen wir jetzt herauszufinden, wie Klimaschutz als ‚Nebeneffekt‘ nötiger Veränderungen auch in Deutschland möglich sein könnte. Im nächsten Jahr gibt es erste Ergebnisse aus einem Projekt in Hamburg-Lokstedt: Zusammen mit den Bürgerinnen und Bürgern suchen wir nach Möglichkeiten, die Stadt lebenswerter und gleichzeitig klimafreundlicher zu machen.

Dieser Artikel erschien am 11. Oktober 2017 als Gastbeitrag im Hamburger Abendblatt. 

Anita Engels ist Professorin für Soziologie an der Universität Hamburg.

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