Wirtschaftswachstum sticht Klimawandel

Diese Touristenbungalows auf Paradise Island liegen nicht höher als der Meeresspiegel.

Vor den Pariser Klimaverhandlungen betont der Präsident von Kiribati, Anote Tong, in Interviews, wie wichtig es für sein Volk sei, die Erderwärmung zu stoppen. Der Klimawandel steht aber nicht bei allen Insel-Politikern oben auf der Agenda. Warum, erklärt Beate Ratter in einem Gastbeitrag bei National Geographic.

In vielen Artikeln über den Klimawandel wird vor dem Untergang kleiner Inseln gewarnt. Für manche Inseln scheint es tatsächlich kein drängenderes Thema zu geben, doch die Bahamas setzen dagegen andere Prioritäten – bei gleicher Gefährdung.

Kiribati, Tuvalu oder die Malediven sind beliebte Beispiele für Inseln, die vom Meeresspiegelanstieg bedroht sind. Auch vor den Pariser Klimaverhandlungen im Dezember erklärt der Präsident von Kiribati, Anote Tong, in Interviews immer wieder, wie wichtig es für sein Volk sei, etwas gegen die Erderwärmung zu unternehmen.

Klimawandel? Andere Themen sind wichtiger

Der Präsident der Bahamas tut dies nicht. Dabei liegen 80 Prozent der Bahamainseln nicht mal einen Meter über dem Meeresspiegel. Das heißt, sie sind vom Versinken genauso bedroht wie Kiribati. In rund hundert Jahren könnte ein Großteil der Bahamainseln überschwemmt sein.

Für die bahamaische Regierung sind andere Themen jedoch viel wichtiger als der Klimawandel . Auch wenn man die Bevölkerung fragt – wie wir das in unseren Erhebungen machen -, hört man grob folgendes: Ja, der Klimawandel sei ein Problem, betreffe im Moment aber Bangladesch viel stärker. Es gebe akutere Probleme wie Kriminalität und Drogenhandel oder die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise.

Oberste Priorität hat auf den Bahamas das Wirtschaftswachstum, der Inselstaat ist kein Entwicklungsland, es gibt mehrere bedeutende Wirtschaftszweige. Darunter der Tourismus mit einem Anteil von circa 60 Prozent des Haushaltseinkommens. Ein aktuelles Projekt ist beispielsweise der riesige Hotelkomplex Baha Mar direkt am Strand mit weitem Meerblick inklusive Casino und Golfplatz auf der Hauptinsel New Providence. Er allein umfasst einen Investitionsrahmen von rund 3,5 Milliarden Dollar – und scheint mit der Fertigstellung mindestens so viele Probleme zu haben wie der Hauptstadtflughafen in Berlin.

Teurer Touristentraum: die Baustelle des Luxushotelprojekts Baha Mar

Zum Vergleich: Für den Klimaanpassungsplan sind 350.000 Dollar vorhanden, von denen die Regierung 250.000 selbst trägt. Ziele dieses Plans sind, ein größeres Bewusstsein für den Klimawandel unter der Bevölkerung zu schaffen und die Bauvorschriften strenger zu überwachen.

Der Hotelgigant Baha Mar musste diese Vorschriften jedoch gar nicht einhalten, da auf dem Grundstück schon mal ein – deutlich kleineres – Hotel stand. Trotzdem wurden eine Schutzmauer und Wellenbrecher im Schelfgebiet gebaut, um mögliche Sturmschäden zu reduzieren. Grund dafür: Die Versicherung bestand darauf.

Der Strand ist eine Gefahrenzone

Grundsätzlich ist jeder neue Bau direkt am Strand kritisch zu betrachten. Die Folgen der Erderwärmung sind nämlich nicht nur der Anstieg des Meeresspiegels, sondern auch eine verstärkte Erosion der Küste, die Zerstörung der Korallenriffe und eine zunehmende Stärke der jährlichen Hurrikane – was besonders die Strandbereiche zu Gefahrenzonen macht.

Aber die hohe Zahl der Touristen treibt nicht nur fragwürdige Großprojekte an, sondern verstärkt auch – zusammen mit dem Klimawandel – weitere Umweltprobleme der Inseln. Eines davon betrifft die Wasserversorgung, denn nicht nur die rund 300.000 Bahamaer, sondern auch die rund vier Millionen Touristen trinken und duschen.

Das Trinkwasser wird in zwei Meerwasseraufbereitungsanlagen hergestellt oder von der größeren, wenig bewohnten Nachbarinsel Andros geholt, was teuer ist, viel Energie verschlingt und auch eine Menge Plastikmüll produziert. Die unterirdischen Süßwasserreserven sind vom täglichen Bedarf nämlich völlig überfordert. Das Problem dabei: Wenn zu viel Wasser aus den sogenannten Süßwasserlinsen entnommen wird und zusätzlich der Meeresspiegel ansteigt, wird es immer wahrscheinlicher, dass Salzwasser eindringt und diese lokalen Wasserquellen damit zerstört werden.

Der Bewusstseinswandel muss also nicht nur bei der Bevölkerung, sondern auch in der Regierung stattfinden. Zumindest in diesem Punkt ist Kiribati den Bahamas einen Schritt voraus.

Geographin Beate Ratter erforscht den Umgang mit den Folgen des Klimawandels auf kleinen Inseln. Im Sommer war sie auf den Bahamas unterwegs, um ihr nächstes Forschungsprojekt auf dem Inselstaat vorzubereiten.

 

 

Quelle: National Geographic, November 2015