Prof. M. Brüggemann zu Medien und "Klimalüge"

22.12.2016

Kaum ein anderes Thema wird so kontrovers und emotional diskutiert wie der Klimawandel. Um der Debatte folgen zu können, sind die meisten Menschen auf Berichterstattung von Journalisten angewiesen. Doch welche Argumente transportieren die Medien? Und wie versuchen Wissenschaftler, Politiker und andere Institutionen ihre Ansichten in die öffentliche Debatte einzubringen? Diesen Fragen widmete sich der Kommunikationswissenschaftler Michael Brüggemann (Universität Hamburg) am 12. Dezember 2016 im Rahmen der Ringvorlesung zum Thema „Lügenpresse“ an der Universität Hamburg.

Michael Brüggemann, Kommunikationswissenschaftler der Uni Hamburg, spricht im Rahmen der Ringvorlesung "Lügenpresse" zur Klimakommunikation.

Zu Beginn seines Vortrages stellte Professor Brüggemann heraus, dass gesellschaftliche Debatten und die Berichterstattung über den Klimawandel immer wieder kontrovers verliefen. Während unter Wissenschaftlern weitgehend der Konsens bestehe, dass hauptsächlich der Mensch den gegenwärtigen Klimawandel verursache, kämen besonders in den englischsprachigen Medien nach wie vor Stimmen zu Wort, die dies grundsätzlich infrage stellten. Gerade in den USA sei die Klimadebatte von wechselseitigen Lügenvorwürfen bestimmt, die auch durch neue Formen des Journalismus im Internet begünstigt würden und die Debatte polarisierten.

Obwohl sich mittlerweile auch die meisten Journalisten einig seien, dass der Klimawandel real und menschengemacht sei, erklärte Brüggemann die Präsenz von klimaskeptischen Positionen in den Medien unter anderem mit der journalistischen Norm der Ausgewogenheit: „Zu einem Streitfall sollten immer Pro- und Kontra-Seite gehört werden, was im Fall des Klimawandels jedoch dazu führt, dass Klimawissenschaftler und Klimaskeptiker oft gleichberechtigt gegenübergestellt werden“. Die Klimaskeptiker in einem journalistischen Beitrag hervorzuheben sei darüber hinaus in gewisser Hinsicht attraktiv. Denn eine kontroverse Berichterstattung verkaufe sich besser und sei einfacher erzählt, als komplexe wissenschaftliche Befunde der Klimaforschung, erklärte Brüggemann weiter. Brüggemann lehrt Journalistik und Kommunikationswissenschaft und forscht auch am Hamburger Exzellenzcluster „Integrated Climate System Analysis an Prediction“ (CliSAP).

Auch den Einfluss von politischen Eliten, Lobbygruppen und anderen gesellschaftlichen Akteuren nahm der Kommunikationswissenschaftler besonders mit Bezug zu den USA in den Blick. Er zeigte auf, wie US-Politiker, darunter vor allem der designierte US-Präsident Donald Trump immer wieder skeptische Botschaften zum Thema verbreiteten. Weitaus gezielter gingen in diesem Kontext aber Lobbyorganisationen der Industrie vor, sagte Brüggemann. Sie würden mit einer ausgefeilten Strategie auf die Debatte um den Klimawandel einwirken, um wirtschaftliche Interessen durchzusetzen. „Es lassen sich drei wesentliche Strategien erkennen, zu denen das Verbreiten von Unsicherheit, die Imitation von wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Institutionen und gezielte Angriffe auf die Glaubwürdigkeit der Klimaforschung durch eigens hervorgebrachte Forschungen gehören,“ fasste Brüggemann den Prozess der Einflussnahme auf die öffentliche Meinung zusammen. So seien sogenannte Think Tanks und Scheininstitutionen der Wissenschaft gegründet und etabliert worden, um die „Lüge vom Klimawandel“ zu stützen. Die Klimaschutzgegner erreichten ihr Ziel dabei aber nicht erst, wenn sie in der Lage seien, ihre Version der wissenschaftlichen Fakten durchzusetzen. Es genüge ihnen, den Anschein einer Kontroverse zu erzeugen, über die die Medien dann berichteten und in die sich Politiker einmischten, erklärte Brüggemann.

Dieses Phänomen bezieht sich nach Ansicht des Medienexperten vor allem auf die USA, doch auch in Deutschland gebe es Beispiele für pseudowissenschaftliche Institutionen wie z.B. das „Europäische Institut für Klima und Energie“, das die Behauptung eines menschengemachten Klimawandels für nicht begründbar halte. Interessenvertreter solcher Organisationen seien heute durch die neuen digitalen Medien in der Lage Desinformationen in teils extremer Weise zu verbreiten. Neben den neuen digitalen Medien sei aber auch der klassische Journalismus immer wieder zur „unfreiwilligen Echo-Kammer“ für klimaskeptische Positionen geworden, sagte Prof. Brüggemann in seiner Vorlesung. Dies führte in der Vergangenheit zu einer Polarisierung der Berichterstattung, die auch in Deutschland mit dem Aufkommen der Partei Alternative für Deutschland (AfD) an Fahrt gewonnen habe. So gebe es nun auch hierzulande politische Akteure, die zunehmend am Klimawandel zweifelten und damit eine Verschärfung der Debatte verstärkten.

Abschließend verwies der Medienexperte darauf, dass bei den Journalisten in Sachen Klimawandel zuletzt ein wichtiger Lernprozess eingesetzt habe. So werde sachlicher über das Thema berichtet und komplexe Forschungsergebnisse zum Klimawandel verständlicher erklärt. Auch mit Bezug zur weltweiten Berichterstattung sei zu erkennen, dass führende Medien mehrheitlich den Grundkonsens der Wissenschaft zum Klimawandel mittrügen. Prominente Klimaleugner würden nur noch selten in den Vordergrund der Berichterstattung gerückt und im Internet hätten sich wichtige Angebote etabliert, die verbliebene Missstände in der Berichterstattung über den Klimawandel aufdeckten.

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