Interdisziplinäres Lehrprojekt erkundet neue Wege in der Klimaforschung

12.01.2017

Um den menschgemachten Klimawandel zu bewältigen, müssen alle zusammenarbeiten. Das gilt auch für die wissenschaftlichen Disziplinen, die von Natur- bis Sozial- und Geisteswissenschaften auf ganz unterschiedliche Weise Klimaforschung betreiben. Wie das trotz des großen Potentials für Missverständnisse funktionieren kann, haben Prof. Johanna Baehr und Dr. Simone Rödder mit neun weiteren Kolleginnen und Kollegen in einem gemeinsamen Lehrprojekt ausprobiert.

Skalen in den Klimawissenschaften - Beispiel von Studierenden

Ein Editorial von Prof. Dr. Johanna Baehr und Dr. Simone Rödder

„Wie ist das denn jetzt mit den Eisbären?“ Diese Frage hören Klimaforscherinnen und -forscher häufiger. Aber nur ein Bruchteil der Wissenschaftler, die das globale Klima erforschen, kennt die Antwort. Man muss Glück haben, gerade eine Arktisforscherin zu erwischen, die sich für die Ökosysteme der Nordpolarregion interessiert. Denn Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sind keine Generalisten, sie sind Spezialisten. Sie tragen eine ganz bestimmte Brille. Diese Brille hat die Eigenschaft, dass sie einiges sehr scharf zeigt, anderes dafür ausblendet. Das erlaubt, Aspekte zu sehen und zu analysieren, die im bunten Durcheinander des Gesamtbildes nicht zu erkennen wären.

Jedoch kann sich eine Klimaforschung, die das gesamte Klimasystem verstehen will und die ihre Ergebnisse auch in die Gesellschaft und Politik weitergeben möchte, nicht mit diesem nach Fächern getrennten Spezialwissen zufriedengeben. Das Interesse der Öffentlichkeit am Eisbären und seinen Überlebensbedingungen ist berechtigt und deshalb ist es für die Forscherinnen und Forscher wichtig, die eigene Fachbrille um einige Aufsteckgläser zu ergänzen, die neue, integrierte Perspektiven auf Klimaphänomene erlauben.


Wir sind der Meinung, dass man dabei nicht nur an gemeinsame Forschung denken sollte, sondern auch an die Nachwuchsausbildung an den Universitäten. Genau das haben wir ausprobiert – gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen aus der Mathematik, Kommunikationswissenschaft, Meteorologie, Bodenkunde, Biologie, Geographie und Geologie. In Zusammenarbeit mit der Hochschuldidaktik haben wir ein Seminar entwickelt, das Diskussionen zwischen uns Lehrenden aus unterschiedlichen Disziplinen genauso intensiv ermöglicht hat wie mit und unter unseren Studierenden.

Thema des Seminars waren Skalen im Klimasystem. Der Begriff ist elementar für die Klimaforschung. Die Celsius-Skala, mit der Meteorologen die Lufttemperatur messen, kennen alle. Aber auch Meeresforscher benutzen Skalen, um zwischen lokalen, regionalen und großräumigen Meeresströmungen zu unterscheiden, genauso Geologen oder Ökologen, um quantitative Aussagen über ihren Untersuchungsgegenstand zu treffen. Sie alle aber operieren mit unterschiedlichen Skalen. Schließlich beschreiben die Geistes- und Sozialwissenschaften gesellschaftliche Prozesse mit Hilfe wieder anderer Skalen. Genau hier setzt unser Seminar an.

In dem vom Exzellenzcluster CliSAP der Universität Hamburg geförderten Lehrprojekt haben wir gemeinsam mit Studierenden des internationalen Masterstudiengangs „Integrated Climate System Sciences“ versucht, den Begriff der Skala disziplinübergreifend anschlussfähig zu machen. Dem Begriff lag eine mathematische Definition zugrunde, er sollte aber nicht nur auf Phänomene aus allen Komponenten des Klimasystems anwendbar sein, sondern auch die Resonanz auf Klimaphänomene in sozialen Systemen wie Wirtschaft, Politik und Wissenschaft erfassen. Wesentlicher Bestandteil des Kurses war die Arbeit an einem Diagrammgenerator, der hilft, die Skalen zu visualisieren.

Mit der Idee des Kurses ging es uns aber nicht nur um das Skalenkonzept an sich, sondern auch darum, einen Ort für interdisziplinären Austausch zu schaffen. Deshalb haben wir Lehrenden gemeinsam unterrichtet – oft waren sogar alle elf anwesend. Wir haben mit den Studierenden über die Möglichkeiten und Grenzen der Skalen-Definition diskutiert und so viel über die verschiedenen Herangehensweisen der Disziplinen gelernt. Die Diskussion unter uns Lehrenden wurde zu einem wichtigen Teil des Kurses und auf informellen Abendtreffen vertieft. Das gemeinsame, arbeitsteilige Lehren mit viel Vertrauensvorschuss und ohne Abzielen auf sofortigen eigenen „Gewinn“ wurde für alle Beteiligten zu einem Beispiel gelebter und gelungener Interdisziplinarität und förderte eine offene kritische wie konstruktive wissenschaftliche Auseinandersetzung. Die Studierenden zeigten sich in den Diskussionen oft weniger dogmatisch als die Lehrenden, ließen sich aber durch die Kontroversen nicht verwirren, sondern sahen darin ein positives Merkmal des Kurses. Eine Studentin beurteilte die Veranstaltung so: „I think the course achieved the stated goals especially because of the many discussions that were fueled by the different views of all lecturers and students.“

Die wesentlichen Voraussetzungen für ein solches interdisziplinäres Lehrprojekt sind von zweierlei Art: Zum einen braucht es die Bereitschaft aller Beteiligten, die eigene disziplinäre Brille als Filter wahrzunehmen und ihr Spektrum um bislang unbekannte Blickwinkel zu erweitern. Zum anderen braucht es viel Zeit, die Brillen, mit denen ein Begriff fokussiert wird, so bunt werden zu lassen, dass der Begriff als Vergleichswerkzeug für integrierte Forschung taugt. Hochschul- und Fakultätsleitungen sollten dazu beitragen, im Organisationsalltag der Universität solche Zeiten zu schaffen, etwa indem sie die Konzeption und Durchführung einer solchen Veranstaltung mit der Anzahl Semesterwochenstunden berechnen, die dem zeitlichen Aufwand dafür angemessen ist. Wir sind überzeugt, vom „Anthropozän“ über „System“ bis zur „Unsicherheit“ warten spannende und vielversprechende Konzepte auf die interdisziplinäre Auseinandersetzung unter Lehrenden und Studierenden in der Klimaforschung.

 
Zu den Autorinnen

Prof. Dr. Johanna Baehr ist Leiterin der Arbeitsgruppe Klimamodellierung am Institut für Meereskunde und des Teilprojektes „Klimavariabiliät und -vorhersage“ im Exzellenzcluster CliSAP der Universität Hamburg.

Dr. Simone Rödder ist Leiterin des Forschungs- und Reflexionsprojekts „Understanding Science in Interaction“ im Exzellenzcluster CliSAP der Universität Hamburg und ab Januar 2017 Juniorprofessorin für Soziologie, insbesondere Wissenschaftsforschung, an der Universität Hamburg.

 

Artikel ursprünglich erschienen in der Kolumne "Zur Sache" des deutschen Klima Konsortiums (DKK)