„Der Früh­ling kommt be­stimmt“: Ingo Lange im In­ter­view

17.03.2017

Das Me­teo­ro­lo­gi­sche In­sti­tut er­forscht das Klima und Wet­ter und sam­melt mit Hilfe von Wet­ter­sta­tio­nen und einem ei­ge­nen Wet­ter­mast nicht nur jede Menge ak­tu­el­le Wet­ter­da­ten, son­dern stellt diese auch on­line in Echt­zeit zur Ver­fü­gung – etwa die Wol­ken­be­we­gung der letz­ten zwei Stun­den. Eben­falls im An­ge­bot: Ein Re­gen­ra­dar, das Häu­ser­block genau Nie­der­schlag an­zeigt. Dabei bleibt es in Ham­burg bis zu 90 Pro­zent der Zeit tro­cken, wie Ingo Lange im Ge­spräch er­klärt, der sich um den Wet­ter­mast küm­mert und re­gel­mä­ßig per Twit­ter über das Ham­bur­ger Wet­ter in­for­miert.

Ingo Lange vom Me­teo­ro­lo­gi­schen In­sti­tut stellt den Wet­ter­mast und das Re­gen­ra­dar vor und er­klärt das Be­son­de­re am Ham­bur­ger Wet­ter.

Wel­che Daten wer­den mit dem Wet­ter­mast er­ho­ben?
Am Wet­ter­mast mes­sen wir zu­nächst ein­mal die üb­li­chen me­teo­ro­lo­gi­schen Pa­ra­me­ter, die immer dazu ge­hö­ren: Das sind Tem­pe­ra­tur und Feuch­tig­keit der Luft, Wind­ge­schwin­dig­keit und -​rich­tung, Luft­druck und na­tür­lich Nie­der­schlag und Son­nen­strah­lung. Dazu kom­men noch viele wei­te­re Mess­grö­ßen. Ein Cei­lo­me­ter durch­leuch­tet die At­mo­sphä­re mit einem In­fra­rot-​La­ser und lie­fert In­for­ma­tio­nen über die Wol­ken bis in meh­re­re Ki­lo­me­ter Höhe. Ins­ge­samt sind auf dem Ge­län­de und am Mast von 1,2 Meter Tiefe bis 280 Meter Höhe etwa 50 Ge­rä­te und Sen­so­ren in­stal­liert. Die meis­ten Mess­wer­te sind als ak­tu­el­le Gra­fik auf un­se­ren In­ter­net­sei­ten ver­öf­f­ent­licht.

Was ist das Be­son­de­re am Ham­bur­ger Wet­ter?
Mit dem Ham­bur­ger Wet­ter ver­bin­det man ja meist zwei Dinge: Viel Wind und stän­dig Regen. Der Wind ist hier, nicht allzu weit von der Küste ent­fernt, na­tür­lich deut­lich stär­ker und be­stän­di­ger als im Süden Deutsch­lands. Nicht um­sonst boomt im Nor­den die Wind­kraft­bran­che. An un­se­rem 280 Meter hohen Mast mes­sen wir in fünf Höhen den Wind genau dort, wo die Ro­to­ren lau­fen. Mit un­se­ren Daten kön­nen zwar auch Er­trags­rech­nun­gen durch­ge­führt wer­den, in­ter­es­san­ter sind für uns aber eher grund­le­gen­de Fra­gen, wie ex­tre­me Win­der­eig­nis­se und Tur­bu­len­zen oder die Ver­än­de­rung des Wind­fel­des mit der Höhe. Und was den Regen be­trifft: Wir mes­sen nicht nur die Menge, son­dern auch die Dauer. Und in Ham­burg reg­net es auf lange Sicht an einem be­stimm­ten Ort in etwa 10 Pro­zent der Zeit. Das heißt aber auch: zu 90 Pro­zent ist es tro­cken!

Wel­che Arten von Wet­ter­vor­her­sa­gen wer­den mit Hilfe der Wet­ter­sta­tio­nen ge­macht und wie prä­zi­se ist das?
Als For­schungs­sta­ti­on flie­ßen un­se­re Daten nicht in die täg­li­che Wet­ter­vor­her­sa­ge der Wet­ter­diens­te ein. Dafür haben wir aber auch die Frei­heit, die An­la­ge so zu ge­stal­ten, wie es für wis­sen­schaft­li­che Fra­ge­stel­lun­gen ge­eig­ne­ter ist. In­di­rekt pro­fi­tie­ren aber na­tür­lich auch die Wet­ter­mo­del­le von sol­cher Grund­la­gen­for­schung. Denn ob ein Mo­dell den Pra­xis­test be­steht, kann nur an­hand von Mess­da­ten er­mit­telt wer­den. Und je exo­ti­scher die Mes­sun­gen, desto be­gehr­ter die Daten.

Wie sehr kann ich mich auf das Re­gen­ra­dar des Me­teor­olo­gi­schen In­sti­tuts ver­las­sen?
Unser Re­gen­ra­dar steht auf dem Dach des Geo­ma­ti­kums und hat eine Reich­wei­te von 20 Ki­lo­me­ter. Damit über­deckt es fast das ge­sam­te Stadt­ge­biet. Das Be­son­de­re ist die hohe zeit­li­che und räum­li­che Auf­lö­sung, die ein ak­tu­el­les Ra­dar­bild fast in Echt­zeit und auf den Häu­ser­block genau er­mög­licht. Al­ler­dings ist es von den Roh­da­ten des Ra­dars bis zum fer­ti­gen Bild ein wei­ter Weg durch Fil­ter und Al­go­rith­men. Hier wird noch ak­ti­ve For­schungs­ar­beit ge­leis­tet, an der auch Stu­die­ren­de in ihren Ba­che­lor-​ und Mas­ter­ar­bei­ten An­teil haben. For­schung be­deu­tet aber auch, dass wir manch­mal Sa­chen aus­pro­bie­ren und daher kei­nen 24/7-​Be­trieb an 365 Tagen im Jahr ga­ran­tie­ren kön­nen. Aber schon aus ei­ge­nem In­ter­es­se ist uns an einem mög­lichst ver­läss­li­chen Be­trieb des Re­gen­ra­dars na­tür­lich sehr ge­le­gen. Wäh­rend des ver­gan­ge­nen Som­mers mit sei­nen vie­len klei­nen Ge­wit­ter­zel­len hat hier nie­mand abends das In­sti­tut ver­las­sen, ohne zuvor einen Blick auf das Radar zu wer­fen.

Schlägt sich auch der Kli­ma­wan­del in den ge­sam­mel­ten Daten nie­der?
Der Wet­ter­mast misst in sei­ner jet­zi­gen Form seit 1995. Das sind mehr als 20 Jahre, so dass wir erste, vor­sich­ti­ge kli­mato­lo­gi­sche Aus­sa­gen mit un­se­ren Daten tref­fen kön­nen. So un­ter­sucht ge­ra­de ein Mas­ter­stu­dent in sei­ner Ab­schluss­ar­beit, ob der Wind in Ham­burg und über Deutsch­land mit der Zeit ab­nimmt, das so ge­nann­te „glo­bal stil­ling“. Die Er­geb­nis­se sind zwar sehr vage, aber mit einer ge­wis­sen Ten­denz zu einem Ja. Hier be­we­gen wir uns noch hart an der Nach­weis­gren­ze. Klima be­ginnt nach gän­gi­ger De­fi­ni­ti­on bei einer Zeit­span­ne von 30 Jah­ren. Für Pa­ra­me­ter, die von Ex­tre­men be­herrscht wer­den, wie Stür­me und Nie­der­schlag, ist das aber ei­gent­lich auch noch zu kurz.

Wie war der Win­ter im Durch­schnitt in Ham­burg und was ist vom Früh­ling zu er­war­ten?
Be­son­ders win­ter­lich wird die­ser Win­ter (mal wie­der) nicht in Er­in­ne­rung blei­ben. Me­teo­ro­lo­gisch am auf­fäl­ligs­ten war da noch der Luft­druck. In den drei Win­ter­mo­na­ten De­zem­ber, Ja­nu­ar und Fe­bru­ar lag der Luft­druck an 68 von 90 Tagen über dem je­wei­li­gen Mit­tel­wert. Diese be­stän­di­ge Hoch­druck­la­ge sorg­te für eher lang­wei­li­ges Wet­ter ohne Wind, aber auch ohne Sonne und mit Tem­pe­ra­tu­ren um die Null Grad. Für Schnee brau­chen wir mehr Dy­na­mik, für Sonne an­de­re Luft­mas­sen. Und was den Früh­ling an­geht: Er kommt be­stimmt.

Links zu den Ser­vices des Me­teo­ro­lo­gi­schen In­sti­tuts:

Dieses Interview ist zuerst am 15.03.2017 im Newsletter der Universität Hamburg erschienen.